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October 26 2018

Geheimdienste und die Forschung

Ein Artikel in der FAS (leider nicht online gefunden, 1.7.2018) hat mich darauf aufmerksam gemacht und ich wollte es hier nicht unerwähnt lassen. Die CIA betreibt ein eigenes Forschungsjournal – Studies in Intelligence.

The mission of Studies in Intelligence is to stimulate within the Intelligence Community the constructive discussion of important issues of the day, to expand knowledge of lessons learned from past experiences, to increase understanding of the history of the profession, and to provide readers with considered reviews of public literature concerning intelligence.

Nun denn, ungewöhnlich, vielleicht sogar ein wenig schräg, aber ein Blick lohnt sich bestimmt. Ob dieses Journal auch Vorbild für die American Literary Historical Society aus Three Days of the Condor war ist unklar, es läge aber nahe.

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August 14 2018

Geheimdienste und die Forschung

Ein Artikel in der FAS (leider nicht online gefunden, 1.7.2018) hat mich darauf aufmerksam gemacht und ich wollte es hier nicht unerwähnt lassen. Die CIA betreibt ein eigenes Forschungsjournal – Studies in Intelligence.

The mission of Studies in Intelligence is to stimulate within the Intelligence Community the constructive discussion of important issues of the day, to expand knowledge of lessons learned from past experiences, to increase understanding of the history of the profession, and to provide readers with considered reviews of public literature concerning intelligence.

Nun denn, ungewöhnlich, vielleicht sogar ein wenig schräg, aber ein Blick lohnt sich bestimmt. Ob dieses Journal auch Vorbild für die American Literary Historical Society aus Three Days of the Condor war ist unklar, es läge aber nahe.

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August 12 2018

Lauschangriff aus der Tiefe

Der Beitrag ist zwar schon etwas älter (Novermber 2017), aber weil ich gerade in Hamburg eine großartige Arbeit von Trevor Paglen (webseite) gesehen habe (Kunsthalle, Control / No Control), will ich hier diesen Tipp auch posten.

Es geht um einen Betrag in der Zeitschrift Mare mit dem Titel Lauschangriff aus der Tiefe, in der es um die Seekabel des Internets geht.

Seekabel bilden die Nervenstränge unserer digitalen Gesellschaft. Ohne sie gäbe es die markantesten Formen des Kapitalismus nicht. 2012 berechnete die Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft, dass der Datenverkehr durch die Seekabel einem Transaktionswert von zehn Trillionen US-Dollar entspricht – und zwar täglich.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 23. September. Lohnenswert!!

August 01 2018

Ringvorlesung: Polizei

Dieses ist eine Vorankündigung für eine Ringvorlesung, die ich für das Wintersemester 2018-19 an der Uni Hamburg organisiert habe.

Polizei: Wissenschaftliche Perspektiven auf eine Institution.

An 7 Terminen jeweils montags, 18 – 20 Uhr, Raum 221, Westflügel, Edmund-Siemers-Allee 1.

Artikel: Überwachung von Athleten

Marcel Scharf, Nils Zurawski, Tom Ruthenberg:

Negotiating privacy. Athletes’ assessment and knowledge of the ADAMS. in Performance Enhancement & Health, online published 31.7.2018.

(Bei Interesse bei mir melden)

July 13 2018

Rezension: Rethinking Surveillance and Control

Rezension: zusammen mit   Criminologia-LogoKopie

Elisa Orrù/Maria Grazia Porcedda/Sebastian Weydner-Volkmann (eds.): Rethinking Surveillance and Control. Beyond the “Security versus Privacy” Debate.  (Sicherheit und Gesellschaft, volume 12), Baden-Baden: Nomos 2017.

von Jonas Vollmer, Berlin

Über den Sammelband

Der Sammelband ist das Ergebnis eines Symposiums, das 2015 am Freiburg Institute of Advanced Studies (FRIAS) stattfand. Aus der Perspektive verschiedener Disziplinen (Kritische Studien, Internationale Beziehungen, Rechtswissenschaft, Philosophie und Soziologie) und Regionen (EU, Italien, Deutschland) diskutiert er das Verhältnis zwischen Sicherheit, Freiheit und Privatsphäre im Kontext der Snowden-Enthüllungen seit 2013 sowie der Anti-Terror-Maßnahmen und Sicherheits- und Migrationspolitik seit 2001.

Zentraler Ausgangspunkt des Sammelbands ist die polarisierende Gegenüberstellung von Sicherheit und Freiheit/Privatheit in vielen politischen und wissenschaftlichen Debatten zu (internationalen) sicherheitspolitischen Fragen seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Vor allem das trade-off model – Privatheit und Privatsphäre müssten in (inter-)nationaler Politik und Rechtsprechung zugunsten der Sicherheit aufgegeben werden – soll hinterfragt werden. Dazu untersuchen die Autoren Überwachung als Ausdruck von Macht und Kontrolle in ihren Auswirkungen, wie beispielsweise gesellschaftliche In-und Exklusion, sowie Freiheit als Privatheit. Ebenso geht es um die verschiedenen rechtlichen und semantischen Bedeutungsebenen von Sicherheit und Risiko (safety, security and risk). Dabei werden Beispiele aus politischen Handlungsfeldern und Informations- und Kommunikationstechnologien herangezogen.

Die Beiträge des Sammelbands im Überblick

Kapitel 1 bis 3 konzentrieren sich auf die (inter-)nationale Terrorbekämpfung mittels US-Sanktionen, Flughafenkontrollen und Überwachung durch die US-Geheimdienste. Sie reflektieren dabei Konzepte für Sicherheit, Risiko und verschiedene Rechte.

Patrick Herron (Kapitel 1) kritisiert am Beispiel des UN-Komitees für Sanktionen gegen AI-Qaida und die Taliban (1267 Comittee) liberale Modelle, die Freiheit als einen gegenüber Sicherheit auszubalancierenden Konterpart betrachten, und plädiert für das Modell republikanischer Freiheit: Freiheit als Nicht-Beherrschung (statt Nicht-Einmischung), Freiheit und Sicherheit als sich gegenseitig bestärkend statt sich antagonistisch gegenüberstehend.

Sebastian Weydner-Volkmann beschreibt in Kapitel 2, wie sich seit 9/11 und dem historischen Wandels des Risikomanagements in der Sicherheitspolitik Flughafenkontrollen unter dem Paradigma der risikobasierten Passagierkontrolle (risk based passenger screening: RBS) wandeln. Mit der Einteilung von Passagieren in verschiedene Risikogruppen (mit unterschiedlicher Agressor-Wahrscheinlichkeit) und dementsprechend intensiver Kontrolle (screening) gilt RBS als proaktiver Versuch, das Trilemma zwischen effektiver Sicherheitsgarantie, Kosten für Industrie und Flugpassagiere sowie ethischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Konsequenzen zugunsten von mehr Sicherheit im Flugverkehr zu lösen. Weydner-Volkmann entwickelt drei Varianten des RBS-Paradigmas, die je unterschiedliche Implikationen für das Trilemma beinhalten: Passagiergruppenbildung gemäß a) Kontextdaten zur allgemeinen Bedrohungssituation (situational risk based screening), b) zuvor erhobenen persönlichen Daten (profiling based passenger screening) und c) direkt vor und nach dem Kontrollprozess erhobenen Verhaltensdaten (behavioural analysis based passenger screening).

Thomas Linder (Kapitel 3) kritisiert an der Überwachungsdebatte in Reaktion auf die Snowden-Enthüllungen der NSA-Aktivitäten, dass sie mehrheitlich auf Panoptik-Metaphern, wie beispielsweise “Big Brother” und “Orwellian”, beruhten und dadurch Ambivalenzen ausgelöst hätten, die zentrale Aspekte der Überwachungspraktiken verschleierten. Linder plädiert daher zugunsten einer differenzierten Betrachtung mittels post-panoptischer Theorien und zeigt, wie die Gegenspieler in Überwachungspraxis und -diskursen (insbesondere Regierungen und Journalisten) zentrale Konzepte wie “Privatsphäre/Privatheit” oder “Freiheit” unterschiedlich konstruiert haben.

Überwachung und das Recht auf Privatsphäre/Privatheit in der EU.

In Kapitel 4 analysiert Elisa Orrù das Schengen Informationssystem (SIS) zur automatischen Suche von Objekten und Personen und die Vorratsdatenspeicherung in der EU am Beispiel der Richtlinie 2006/24/EC als Überwachungspraktiken, die den Charakter der sich ausdehnenden Macht der EU zeigen. Unter Rückgriff auf Herrschafts- und Legitimationstheorien Arendts, Webers, Habermas’ und Bobbios stellt Orrù die Entscheidungsfindung der EU als vertikal und horizontal fluide dar, der klare und stabile Verantwortlichkeiten für Entscheidung und Umsetzung fehlen. Sie betrachtet den Rückgriff der EU-Institutionen auf Sicherheit als Wert und Referenz für Dynamik daher als Kompensation für die Legitimationsprobleme, die die EU durch ihre wachsenden supranationalen Machtstrukturen erfährt.

Maria Grazia Porcedda (Kapitel 5) kritisiert am trade-off model, dass mit ihm sicherheitspolitische Maßnahmen in der EU nur mangelhaft erfasst und bewertet werden können. Denn der komplexe Begriff der Privatsphäre wird, so Porcedda, im EU-Recht als Sammelbegriff für einerseits privates (Familien-)Leben und andererseits für den Schutz persönlicher Daten verwendet – also für zwei unterschiedliche Dinge. So müssten verschiedene Ansprüche auf Privatsphäre gegenüber Sicherheitsfragen abgewogen werden. Porcedda zeigt, dass die verschiedenen Privatheits-Ansprüche des EU-Rechts entscheidend für eine Stärkung individueller Persönlichkeits- und Selbstbestimmungskonzepte sind. Es macht, so schlussfolgert sie, keinen Sinn, Privatheit und Sicherheit abstrakt einander gegenüberzustellen. Vielmehr müssen für konkrete Maßnahmen, die auf Sicherheit abzielen, die konkreten, rechtlich verbürgten Rechte auf Privatheit herangezogen werden. Das vertiefte Verständnis von Sicherheit und Privatheit zeigt, so Porcedda, dadurch auch auf, wie es um die Verfassungswirklichkeit in der EU bestellt ist.

Kapitel 6 und 7 betrachten den Widerhall der Herausforderungen internationaler Sicherheitspolitik und die Wechselbeziehungen zwischen Überwachung, Sicherheit und Privatheit auf innenpolitischer Ebene am Beispiel der Nationalstaaten Deutschland und Italien.

Jörg Klingbeil (Kapitel 6), 2015 noch Baden-Württembergs Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, stellt die Arbeit seiner Behörde und deren handlungsleitende nationale und EU-Datenschutzprinzipien vor. Sein Fokus liegt, neben kurzen Erläuterungen zu den Verhandlungen um die Datenschutz-Grundverordnung auf der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs über das Safe Harbor-Abkommen und dessen Nachfolger, den EU-US Privacy Shield. Dessen Zustandekommen durch die Initiative des österreichischen Jurastudenten Max Schrems reflektiert er ebenso wie er selbstkritisch die Rolle der EU-Institutionen und Datenschutzbehörden in ihrer wachsenden Verantwortung anspricht.

In Kapitel 7 beschäftigt sich Enrico Gargiulo mit Überwachungspraktiken in Italien gegenüber “unerwünschten Individuen” wie Migranten und Menschen aus sozial niedrigen Schichten. Zu solchen Praktiken zählt Gargiulo Versuche von Gemeindebehörden, Migranten nicht in ihre Stadt zu lassen, aber auch die Verweigerung der Registrierung von Migranten in ihrem Ort (und damit auch die Verweigerung von Rechten wie z.B. einer Arbeitserlaubnis). Überwachung wird dazu benutzt, zwischen Menschen mit und ohne Aufenthaltsberechtigung zu unterscheiden. Soziale Kontrolle wird hier nicht, so Gargiulo, als monitoring (Identifizierung zur Registrierung für die Anerkennung administrativer Existenz von Menschen), sondern als Kategorisierung und Selektion ausgeübt, um die symbolischen Grenzen zwischen Kommune (ihren Rechten, sozialen Begünstigungen und Leistungen) und den ausgeschlossenen “Unerwünschten” aufrechtzuerhalten.

Mit Kapitel 8 beschließt Michele Rapoport den Sammelband und dessen “Zooming”-Perspektive von der internationalen zur regionalen und nationalen Ebene mit einem Blick auf den räumlichen Kernbereich von Privatsphäre: Die private Wohnung und neue Praktiken der Selbstüberwachung mit SmartHome-Technologien. Nach Rapoport können diese nicht nur panoptische Kontrolle im heimischen Bereich, sondern auch erwünschte Befähigung des Individuums bedeuten, das selbst über Sichtbarkeit und Überwachung entscheidet. Doch dies rüttelt am traditionellen Verständnis von Zuhause und Privatheit: Im überwachten Heim kann sich Persönlichkeit nicht in Zurückgezogenheit herausbilden, sondern durch das ständige Gesehen Werden. Rapoport lässt offen, ob dies begrüßenswert ist, und öffnet den Blick auf mögliche zukünftige Formen von Autonomie, Zuhause sowie auf Fragen nach Würde und Privatsphäre in der Gesellschaft insgesamt.

Ein Fazit

Die bisweilen verwirrende Vielfalt an Perspektiven aus Soziologie, (Datenschutz-)Recht, Internationalen Beziehungen und (Rechts-)Philosophie erhält durch die “Zooming”-Perspektive des Bandes (von der internationalen zur häuslichen Perspektive) eine Struktur, die den Band als Gesamtvorhaben zusammenhält, transdisziplinär Überwachung und Kontrolle zu diskutieren. Als Band einer Tagung, die viele Forschungsfelder zusammenbrachte, ist die Sammlung weniger für Spezialisten aus den Einzeldisziplinen geeignet. Vielmehr dient sie fortgeschrittenen Studierenden, Forschenden und Akteuren aus Recht, Politik und Verwaltung mit Interesse an Surveillance Studies und Internationalem Recht.

Auch ohne die “Zooming”-Perspektive, um die sich die Herausgeber bemühen, lassen sich die Aufsätze auch einzeln mit Gewinn lesen. Für konzeptionelle Klarstellungen lohnen sich insbesondere die Ausführungen Herrons (Kapitel 1) zu (republikanischer) Freiheit und Sicherheit sowie die EU-politischen/-rechtlichen Überlegungen (Orrú, Kapitel 4; Porcedda, Kapitel 5). Besonders aufschlussreich ist Gargiulos Blick auf Überwachung und Migration in Italien, indem er Überwachung als soziale Kontrolle fokussiert, die gesellschaftliche In- und Exklusion bedeutet (Kapitel 7). Rapoports Beitrag (Kapitel 8) zeigt schließlich am Beispiel von SmartHome und Selbstüberwachung auf, dass Privatheit/Privatsphäre, Autonomie, Macht und Kontrolle höchst komplexe und wandelbare Konzepte sind, die stets neuer wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Diskussion bedürfen.

Rapoports Artikel wie auch der Sammelband als Ganzes werden dieser selbst gestellten Aufgabe, Überwachung und Kontrolle jenseits der Gegenüberstellung von Sicherheit und Privatheit neu zu denken, in vielfacher Weise gerecht.

July 12 2018

Buch des Lebens – Google und der Wissensdurst

Beängstigende Zukunftsvision, radikaler Denkanstoß? Die Meinungen über das Video “The Selfish Ledger” von Google gehen auseinander.

Sicher ist, dass die Idee verstört, ein Protokoll des ganzen Lebens in all seinen Verästelungen würde dort erstellt und vorgehalten. Für wen? Unklar. Auch warum das gut sein soll ist nicht offensichtlich. Für das “gute Leben”, das dann von den Maschinen gelesen, gesteuert und bewertet wird? Die SZ und FAZ haben dem Video längere Texte gewidmet:

Das Thema ist nicht neu, auch nicht hier im Blog, wo ich es unter den Aspekten Kontrolle und Konsum schon öfter diskutiert habe. Das Video zeigt nochmal eine neue Qualität und neue Ebenen dessen, was möglich sein könnte (oder schon ist?).

Der FAZ-Artikel “Die Macht der Maschinen”  (leider nicht frei online zu lesen, so auch nicht ein Interview im Hamburger Abendblatt zwischen einer Philosophin und einem Mathematiker zum gleichen Thema) liefert dazu interessante Einblicke in die Forschung zu automatischen Entscheidungsapparaten, die auch Recht sprechen sollen und weitreichend unser Leben eingreifen sollen. Warum, frage ich mich, wollen wir das überhaupt? Weil es geht? Weil es modern ist? Weil dahinter Geschäftsmodelle stecken? Warum trauen sich Menschen so wenig Verantwortung zu? Beim Thema Strafrecht, Verbrechen und Urteile finde ich, dass sowohl die Techniker als auch manche Philosophen Recht zu einfach und mechanistisch denken, denn die Ursprünge von Gesetzen, ihr allgemeines und spezielles Zustandekommen werden nicht berücksichtigt. Und hier liegen bereits erste Machtverschiebungen und Diskriminierungen, auch wenn später eine Maschine farbenblind entscheiden mag.

So muss man in den USA die dort gebräuchliche Kategorie “Rasse” (race) nicht in automatische Urteile einbeziehen, kann also “farbenblind” sein, wenn die Kategorie Wohnort entsprechend von den Algorithmen ausgewertet wird. Mit einer segregierten Wohnbevölkerung wie sie in vielen Städten der USA vorzufinden ist, wird nur ein anderer Weg einer möglichen Diskriminierung genommen, diese aber nicht ausgeschlossen. Ganz abgesehen davon wer welche Gesetze wie ausformuliert und wer davon dann entsprechend betroffen ist.

Karten, die diese Segregierung amerikanischer Wohnbevölkerung zeigen finden sich hier:

In anderen Ländern und Kontexten sind andere Kategorien wirksam. Doch eine Nichtbeachtung der Konstruktion von Gesetzen, kann nicht von einer algorithmisierten Rechtssprechung aufgehoben werden.

Zukunftsvisionen wie The Ledger erscheinen mir zu technizistisch gedacht, wenn man bedenkt, dass die Grauzonen, die Ambivalenzen vieles im täglichen Leben ausmachen, insbesondere in solchen Bereichen wie Recht. Mit einer algorithmisierten Gesellschaft könnten diese Graustufen verloren gehen, aber nur so würde eine Kontrolle, basierend auf Standards und Normalisierungen von Alltag überhaupt nachvollziehbar funktionieren. Die Frage ist wer die Normen macht, für wen sie da sind, oder ob die Menschen für die Normen da sind, damit die Algorithmen und mit ihnen Geschäftsmodelle oder Herrschaftskonstrukte nachhaltig wirken können?

 

 

 

 

 

July 10 2018

Forensik als Gegenüberwachung

 

Forensik auf diese Art und Weise gesehen, ist auch ein Teil von Gegenüberwachung. Zumal es sich hierbei um den NSU-Komplex handelt, der durch die Geheimdienste, die klandestinen Machenschaften hinter den Morden und den vielen Absurditäten in der Verhandlung, insbesondere bei der Beweissicherung (und iher Vernichtung) abgespielt haben.

Dieser Beitrag ist sehenswert und das Projekt hoch interessant, nicht nur, aber auch unter den Aspekten Sichtbarkeit und Überwachung.

77sqm_9:26min

June 26 2018

Whistleblower gegen Big Data-Missbrauch

Die ZEIT hat eine Kampagne gegen den Missbrauch von Big Data gestartet. Unter dem Titel “Wir wollen von Ihnen hören” kann man sich melden, wenn man in der Tech-Industrie arbeitet und Informationen über Missbrauch oder andere nicht korrekte Dinge, Geschäftsmodelle usw. hat.

Besitzen Sie Informationen, wonach ein Technologieunternehmen etwas Falsches tut oder mit seinen Daten nicht korrekt umgeht? Sind Sie nach nach bestem Wissen und Gewissen davon überzeugt, dass die Öffentlichkeit Schaden nimmt, dass sie ausgenutzt oder hinters Licht geführt wird?

Ich finde das hier deshalb interessant, weil es es einerseits um das Thema Big Data geht, das auch im Feld von Überwachung und Kontrolle eine bedeutende Rolle spielt; andererseits ist Whistleblowing durchaus etwas, das man als sousveillance bezeichnen könnte.

Zu diesem Them gibt es dann noch zwei Webseiten, auf die ich in diesem Zusammenhang aufmerksam machen möchte.

Ans Tageslicht und das Whistleblower Netzwerk. Vor allem Ans Tageslicht dokumentiert eine Reihe von Fällen und ist eine exzellente Recherchequelle für Geschichten von Whistleblowern, auch den auf den ersten Blick nicht so spektakulären. Das Signals Network, zu dem auch die ZEIT gehört, will sicherlich die ganz großen Geschichten. Ob das Thema Daten allein so geeignet ist, bezweifele ich, denn eine Skandalisierung von Daten und Datengebrauch allein erklärt nicht viel, wenn man nicht auch die gesellschaftlichen Hintergründe und sozialen Einbettungen von Sammlungen, ihrem Missbrauch und den geteilen und so wertvollen Informationen bewertet. Da wäre in vielen Berichten noch Luft nach oben, aber ein Anfang ist gemacht und die offensive Art ist zu begrüßen. Mal schauen, ob wir Geschichten darüber zu hören bekommen.

 

 

 

 

 

 

June 20 2018

Ausschreibungen für Surveillance Studies Preise 2019

Ab sofort stehen die Ausschreibungen für die Surveillance Studies Preise 2019 online.

Dieses Jahr gibt es wieder den jährlichen Preis für Journalist*innen

sowie den alle zwei Jahre verliehenen Publikationpreis für Nachwuchswissenschaftler*innen.

Einsendeschluss ist jeweils der 15. September 2018.

June 15 2018

Rezension: Das Gefängnis auf dem Prüfstand

Rezension: zusammen mit   Criminologia-LogoKopie

Bernd Maelicke & Stefan Suhling: Das Gefängnis auf dem Prüfstand. Zustand und Zukunft des Strafvollzugs. Springer 2018.

von Johannes Feest, Bremen

June 05 2018

Rezension von Gary T. Marx’ Windows into the Soul

Im Kriminologischen Journal 2/2018 ist meine Rezension von Gary Marx letztem Buch “Windows into the Soul” erschienen (nach einiger Verzögerung, dafür in einem schönen Themenheft zum Thema Prediction/Vorhersage)

Gary selbst hat die Rezension schon vor längerer Zeit selbst übersetzt und beide Versionen auf seiner Webseite veröffentlicht.

May 31 2018

Chinas Social-Score

Über den Versuch seine eigene Bevölkerung nicht nur zu überwachen, sondern auch zu kontrollieren, zu erziehen und besser zu steuern, wurde im Zusammenhang mit Chinas Idee eines Social Score viel berichtet, z.B. hier Social Scoring in China. Im Reich der überwachten Schritte, taz.de 10.2.2018.

Weitere Artikel dazu:

Es gibt aber auch Kritik an der Berichterstattung und Kritik an der Art der gemachten Kritik an dem Score – einer Idee, die für uns so fremd wirkt, aber oft doch viel näher ist, als wir denken mögen.

Und ganz ehrlich bin ich mir sicher, dass Firmen und Bürokraten des Staates so ein System auch hier gut finden würden – bei allen öffentlichen Bekundungen und Schwüren zum liberalen Staat und einer freizügigen Gesellschaft, u.a. hier:

China through a glass, darkly. What foreign media misses in China’s social Credit, China Law Translate, 24.12.2018, Autor: Jeremy Daum

Darin kritisiert der Autor die ungenügende Berichterstattung, wobei er in keiner Weise die mit dem System verbundene Überwachung verneint noch gutheißt. aber ihm missfallen so manche Vergleiche und er gibt am Ende eine sehr passende Warnung, die wir auch in der Forschung berücksichtigen müssen, bei aller Kritik an Überwachungsmaßnahmen hier und anderswo:

This article wasn’t meant to be about China so much as foreign coverage of China. China’s Social Credit is often used as a way of discussing our own situation from a safe distance. This is, of course, also the role that science fiction like “Black Mirror” and Orwell’s 1984 has traditionally played, so it isn’t surprising to see them invoked here as well. We look at exotified foreign nations or speculative futures in order to reflect on our present, but what we take away from it likely says more about us than about the subject of our examination.

This is all fine, but it’s important to also remember that there are two stories worth exploring here; what is actually happening in China and what we fear is happening to ourselves.

Und dann gibt es noch zwei wissenschaftliche Publikationen zu dem Thema, die zu empfehlen sind:

Reposted by02mydafsoup-01 02mydafsoup-01

[Control] | No[Control]

Control/No Control: Ausstellung im Rahmen der Triennale der Photographie vom 7.6. bis 26.8.

Kontrolle hat viele Facetten: Sie umfasst die Überwachung durch andere oder durch sich selbst. Sie impliziert aber auch die Möglichkeit eines Kontrollverlustes oder sich der Kontrolle zu entziehen. Bei den meisten Formen der Kontrolle kommt der Photographie oder anderen Bild gebenden Medien eine zentrale Rolle zu.

Teil der Ausstellungen sind die Kontrollpunkte genannten Vorträge bzw. Gespräche mit Künstlern und Wissenschaftlern, u.a. mit Dietmar Kammerer am 21.6. und Nils Zurawski am 9.8.

Reposted by02mydafsoup-01 02mydafsoup-01

May 16 2018

Film: The Cleaners

Der Film “the Cleaners” erzählt von den dunklen Seiten der Arbeit im digitalen Zeitalter, Zensur für 1$ in der Stunde, damit das Netz “sauber” bleibt.

RBB hat einen Bericht über Filmemacher Hans Block and Moritz Riesewieck im Netz.

May 15 2018

Ausstellung: Dragon Fly Eyes

Ab 10. Juni 2018 im Lehmbruck Museum, Duisburg: Xu Bing. Dragonfly Eyes

Xu-Bing, Dragon Fly Eyes, Videostills, © 2017 Künstler, http://www.lehmbruckmuseum.de/?p=11280

Xu-Bing, Dragon Fly Eyes, Videostills, © 2017 Künstler

Mit enormen Erfindungsreichtum entwickelt Xu Bing eine neue Bildsprache des digitalen Zeitalters, in der reale Begebenheiten aus dem Alltagsleben Chinas sich zu einer übergeordneten Erzählung formieren. In der großen Glashalle des Lehmbruck Museums inszeniert er einen Livestream-Überwachungsraum. 25 Laptops haben hier simultan die Live-Szenen aufgenommen aus denen sein Film entstanden ist.

May 09 2018

Softwarefehler im Straßenverkehr

Das hier ist ein Update zu meinem Essay über das automome Fahren. Wenn das so stimmt, dann ist entscheidendes schief gegangen. Das ändert nichts an meiner Kritik, aber es zeigt, worauf wir uns einstellen müssen, wenn Automaten entscheiden. Nicht das ein Mensch immer besser entscheidet oder schneller reagieren kann, aber Uber und algorithmisierte Autos sind doch nur der Anfang.

Report: Software bug led to death in Uber’s self-driving crash
Sensors detected Elaine Herzberg, but software reportedly decided to ignore her. (arstechnica  8.5.2018):

Uber’s sensors did, in fact, detect Herzberg as she crossed the street with her bicycle. Unfortunately, the software classified her as a “false positive” and decided it didn’t need to stop for her.

April 26 2018

Die Linke, Technologie und ihre Fantasien

Der Artikel The humanist left must challenge the rise of cyborg socialism. (New Statesman, April 2018) bietet ein interessantes Lese- und Denkvergnügen und eine Kritik an neuen Techno-sozialen Konzepten, die verbunden mit einer Begeisterung für neue Technologien an der Überwindung des Menschen arbeiten. Wie und warum die Linke darin eine unklare Stellung hat. Der Autor Jon Cruddas sieht dadurch elementare Werte und Konzepte einer liberalen Demokratie gefährdet.

A new “accelerationist” movement, defined by its embrace of technological determinism, represents a threat to the ethical socialist tradition and liberal democracy.

Nun könnte man sagen, ist doch egal, das Modell ist sowieso am Ende, aber die Konsequenzen, vor allem die Implikationen eines Transhumanismus, gepaart mit einer Art von technologischer Erweckungsfantasien, sind nicht zu unterschätzen und greifen die Fundamente eines demokratischen Zusammenlebens an.

Für diesen Blog ist das deshalb interessant, weil auch Überwachung ein elementarer Teil dieser Technologien ist bzw. damit umgesetzt wird, und die neuen Konzepte von Gesellschaft diese als Selbstverständlichkeiten vorraussetzen und diese auch so angenommen werden, wie ich schon häufiger hier ausgeführt habe unter dem Stichwort “Konsum der Überwachung”.

Undiagnosed by the mainstream media and much of the academic community, a major intellectual renewal is underway across the left. It is energetic and tech-savvy, building platforms such as Novara Media. It maintains a radical, rich heritage within the European left, embraces bold ideas, and is well-organised and networked.

It is fast becoming a new political movement; best captured in influential articles and books discussing “accelerationism”, “postcapitalism” and even “fully automated luxury communism”. It has entered green and radical thinking, and has subtly influenced many political commentators – especially when discussing Universal Basic Income.

Es lohnt sich den Artikel trotz der Länge aufmerksam zu lesen, da ist viel drin für weitere Diskussionen.

April 18 2018

Essay: Autonomes Fahren

Eigentlich wollte ich nur einen kurzen Kommentar zum Uber-Unfall vom 18. März 2018 schreiben. Da mir dann doch ein paar mehr Sachen eingefallen sind, ist daraus ein kleines Essay geworden.

Welche Zukunft ist autonomes Fahren?

Ein Unfall und jede Menge Aufregung – aus den falschen Gründen?

von Nils Zurawski

Ein “autonomes” Fahrzeug tötet in Arizona einen Menschen und die Aufregung ist groß (u.a. FAZ:, 19.3.2018). Das Fahrzeug war von Uber, dem Start-up-Plattform-Multi mit dem kontroversen bis zweifelhaften Geschäftsmodell. Das machte die Aufregung eher größer als kleiner.

Es war nicht der erste Unfall mit einem selbstfahrenden Auto, Tesla hatte zuvor schon einige Unfälle, ähnlich oder anders gelagert. Im Uber-Fall (siehe Telepolis 22.3.2018) wurde eine Frau angefahren und starb. Das ist tragisch, immer wenn ein Mensch stirbt, noch dazu durch eine vermeintlich kontrollierte Technologie. Die genauen Umstände werden wir in Zukunft durch genaue Untersuchungen wissen (Link eingefügt 8.5.2018) – bis dahin müssen wir annehmen, dass das Unternehmen, ja die Technologie insgesamt, die Menschen eher gefährdet als ihnen gut tut. Ohne den Angehörigen der getöteten Frau zu nahe treten zu wollen und ohne ihre Trauer und ihren Schmerz zu mindern, möchte ich einwenden, dass Diskussion über die Sicherheit solcher Fahrzeuge nicht das eigentlich Thema sein dürfte. Auch, aber nicht schwerpunktmäßig. Auf den Straßen der USA starben 2015 rund 35.000 Menschen durch oder mit einer vermeintlich sicheren Technik. Mit Autos, die teilweise vollgestopft sind mit Assistenzsystemen, die Unfälle verhindern sollen, die einen Vorgeschmack auf die so genannten autonomen Fahrzeuge geben können und dennoch nicht verhindern, dass Verkehrsteilnehmer durch die Unachtsamkeit der Anderen, ihrer selbst, durch Technikversagen oder eine Mischung aus allem im Verkehr sterben. In Deutschland waren es in den letzten Jahren regelmäßig zwischen 3 und 4.000 Menschen. Gemessen an der Bevölkerung ist das weniger als in den USA – doch generell zeigen diese Zahlen, dass die Toten durch autonome Fahrzeuge eine Randerscheinung sind. Die Diskussion könnte man angesichts dieser Zahlen auch als zynisch beschreiben, denn den individuellen Massenverkehr stellt niemand in Frage, wenn zum Beispiel eine 80jährige Frau in Hamburg Bremse und Gas verwechselt (Automatik-Schaltung) und geradewegs in ein Geschäft fährt und dabei Passanten auf dem Fußweg davor an- oder überfährt. Konsequenz: die Geschäfteinhaber bzw. der Bezirk hat Poller vor die Parkplätze gestellt, so dass nun dort die Fahrt enden kann.

Die Verkehrstoten sind auf der anderen Seite die Motivation, Autos immer sicherer zu bauen, eben auch durch so genannte intelligente Assistenzsysteme, deren Vollendung anscheinend im autonomen Fahren selbst zu liegen scheint. Nun ist der Wunsch nach Automatisierung weder neu, noch originell. Beim Autofahren aber trifft er ins Herz unserer Zivilisation, dem individuellen Verkehr, vor allem in den westlichen Industrienationen, in denen Auto-fahren, vor allem in den großen Metropolen, eher Auto-stehen heißen sollte. Von Goethes “Zauberlehrling”, über ETA Hoffmanns “Sandmann”, Shelleys “Frankenstein”, bis hin zu den Kurzgeschichten von Philip K. Dick und anderen hat das Motiv der Automation, der Ablösung der menschlichen Steuerungsfähigkeit oder Notwendigkeit als Motiv in Film, Literatur und verschiedenen Zukunftsvisionen Ausdruck gefunden. Oft als warnendes Motiv, häufig mit katastrophalen Folgen für die Protagonisten, aber immer als ein Nachdenken über die Welt, den Menschen und die conditio humana als solches. Die Bewegung der Trans-Humanisten dürfte das auf die Spitze treiben, indem sie den Menschen selbst überkommen, ihn hin zu einer höheren Sphäre, Macht oder Daseinszustand bringen will. In dem Film 2001 von Stanley Kubrick (feierte gerade sein 50-jähriges Jubiliäum) wurde schon einmal sehr anschaulich gezeigt, wie so ein Kampf um das Überleben zwischen Mensch und menschelnder Machine aussehen kann.

Ganz praktisch sind es bei Uber und Tesla vor allem Geschäftsmodelle und Varianten einer ultra-kapitalistischen Wertschöpfung, die hinter den Ideen stehen – gepaart mit dem Wunsch nach totaler Kontrolle über das Kapital und vor allem die Kunden. Neben den zum Teil tödlichen Folgen von Technologie, die wahrlich keine Neuigkeit sind, müssten bei der Diskussion rund um das autonome Fahren ganz andere Fragen im Mittelpunkt stehen als die Toten (bei allem Respekt). Zu einigen wenigen möchte ich hier ein paar Worte verlieren:

  1. zur Idee autonomer Mobilität;
  2. zu den Formen der Überwachung, die mit einer vernetzten Mobilität sowie der Einbettung in Konzepte von Smart Cities verbunden sind;
  3. sowie zu den Fragen des Konsums und der neuen, alten Sehnsucht nach Domestiken.

1.

Autonomes Fahren verspricht die Zukunft der Mobilität zu sein. Und in der Tat braucht es neue Ideen um Konzepte gegen verstopfte Städte, die klimaschädlichen Abgase und den Flächenverbrauch durch Straßen zu entwickeln. Aber ob das mit dem autonomen Fahren gelingen wird, ist mehr als fraglich. Gepaart mit der Elektromobilität erscheint diese Zukunft allzu verlockend. Über die autonomen Fahrzeuge wird für die nötige Effizienz gesorgt, die in den smarten Städten der Zukunft für einen reibungslosen Ablauf nötig, ist um die diese besser zu organisieren und Klima-schützend auszubauen. Die Elektromobilität reduziert dabei die Abgase und schützt das Klima – vorausgesetzt die Energie kommt aus nachhaltigen Quellen. Doch diese Ideen sind nicht vollends durchdacht, denn die Diskussion über Elektroautos folgt dem bisherigen Modell des Individualverkehrs. Die Verstopfung der Städte ist also nicht gelöst, sondern bloß elektrifiziert. Auch wenn wir die autonomen Fahrzeuge als individuellen ÖPNV verstehen, sind es eher nicht weniger Autos auf der Straße, sondern mindestens gleich viele. Auch die neuen Autobauer wollen verkaufen. Und Autos sind ein individuelles Verkehrsmittel, auch geteilt. Hier werden nicht neue Mobilitätskonzepte vorgestellt, sondern neue Ideen den Individualverkehr mit dem Auto anders zu gestalten. Über andere Fahrzeuge und die vernetzte Mobilität aus Fahrrädern, Bussen, Bahnen, Autos usw. wird dabei leider selten gesprochen.

Dann bleibt noch der Begriff des “autonomen Fahrens” selbst. Ich könnte einerseits behaupten, dass ich immer dann autonom fahre, wenn ich nicht hinterm Lenkrad sitze, also z.B. im Bus, in der Bahn usw., ich also bewegt werde, ohne selbst etwas zu tun. Gemeint ist aber, dass sich ein Fahrzeug, autonom bewegt, ohne mein Zutun. Es geht dabei um die Steuerung der Technologie, nicht um die Autonomie der Insassen, wie man vielleicht fälschlicherweise auch denken können. Vor dem Hintergrund von Einsparungen oder der Effizienz in einer Smart City mag das erklärbar sein, für den Verkehr als solchen ist es das nicht, zumal es sich dabei auch nur um die Autos handelt, nicht um andere Mittel, z.B. Fahrräder, die auch einen Individualverkehr darstellen. Busse oder U-Bahnen, die selbststeuernd oder ferngesteuert fahren, sind zwar mitgemeint, aber die haben auch jetzt bereits festgelegte Routen und eine Infrastruktur, so dass es letztlich um eine Steuerung von Individuen in ihren Fahrzeugen geht.

Um aber autonomes Fahren in den Städten oder auch zwischen ihnen auf Autobahnen umzusetzen, müssen Landschaft und Raum angepasst werden, denn die Technologie braucht Voraussetzungen, die eher denen einer Bahn mit Schienen, denn einer Stadt ähneln, in der der Verkehr auch dann fließt, wenn keine klaren Abgrenzungen, Begrenzungen, Leitlinien usw. vorhanden sind. Autonomes Fahren in einer Stadt wie Lagos oder Delhi sind so einfach eben nicht denkbar. Das Modell ist auf Städte in den USA, Westeuropa oder durchgeplante Smart-City-Entwürfe in aller Welt hin orientiert. Das mag sich in Zukunft ändern.

Im Zuge einer Umgestaltung wäre interessant zu sehen, was in der Übergangsphase passiert, insbesondere wenn es autonome und nicht-autonome Fahrzeuge gibt. Der Organisationssoziologe Charles Perrow hat bereits in den 1980er Jahren in seinem Buch “Normale Katastrophen” gezeigt, wie Technologie und Technik-Unfälle zusammenhängen,* ja in vielen Fällen nahezu unumgänglich sind, gerade wenn alte auf neue Technologien treffen (dort am Beispiel des Radars im Schiffsverkehr).  Die Gleichzeitigkeit von sich selbst-steuernder Technik und den herkömmlich fahrenden Autos könnte zu systemischen Unvorhersehbarkeiten führen, die sich katastrophal auswirken – u.a. dadurch das eben nicht alle miteinander vernetzt und somit zentral kontrollierbar sind. Jede Technologie, inbs. von solcher Größe und Tragweite wie das autonome Fahren, birgt den Unfall bereits in sich, wie es auch der Philosoph Paul Virilio in seinen Ausführungen zur Beschleunigung festgehalten hat (u.a. ZEIT 1.5,1992). Der Traum vom besseren, sicheren Fahren wird sich dadurch eben gerade nicht erfüllen.

2.

Das bringt mich zum zweiten Punkt: der Überwachung. Die Voraussetzungen des autonomen Fahrens ist digitale Vernetzung. Schon jetzt sind Autos fahrende Rechenzentren. Autonomes Fahren impliziert eine Art von Fernsteuerung, im Sinne einer Vernetzung mit der digitalen Umwelt. Autonomes Fahren ist Big Data-Verkehr. In den utopischen Visionen zukünftiger Städte, die effizienter gestaltet werden, in denen dazu per Big Data Energie, Verkehr und Mobilitätsflüsse gesteuert werden müssen, bedeutet das eine nicht unerhebliche Überwachung von Aktivitäten der Bürger, die in einer solchen Umgebung mehr und mehr in die Landschaft, den Raum selbst und die Infrastruktur eingebaut ist und über diese vernetzt, kontrollier-, vor allem aber steuerbar wäre. Das gälte insbesondere für das autonome Fahren, vor allem, wenn “autonom” nicht die FahrerInnen beträfe, sondern das Fahrzeug und damit die Bestimmung über Ziel und Weg. Ob das autonome Fahren zu weniger Verkehrstoten führen würde, ist eine interessante Frage, die aber dann mit einem Preis verbunden wäre, der in der Diskussion bisher eher eine marginalen Stellung inne hat.

Die Effizienz moderner Städte ist ein gewichtiges Argument für ihre smarte Steuerung und in einzelnen Aspekten werden auch schon Maßnahmen umgesetzt, z.B. bei der Energieversorgung. Nun sind Uber, Tesla und die anderen Anbieter der neuen Technologien jedoch keine öffentlich-rechtlichen Unternehmen, sondern Profit-orientierte Kapitalgesellschaften, denen es vor allem um die Kontrolle und den Absatz von Produkten geht. Die Möglichkeit nun auch noch mehr als bisher Verkehrsflüsse zu kontrollieren, zu steuern und eventuell zu manipulieren, greift weiter in ohnehin schon brüchig gewordene Verfahrensweisen von Demokratien ein. Hier zeigt sich der von Shoshana Zuboff so pointiert analysierte Überwachung-Kapitalismus sehr deutlich – vor allem was mögliche gesellschaftliche Konsequenzen angeht.

3.

Nun ließe sich einwenden, dass eine vernetzte Mobilität nichts wirklich Neues mehr ist, autonomes Fahren nur die Konsequenz der digitalen Entwicklung, Überwachung weder neu, noch als Anlass der Kritik originell ist. Da ist etwas dran, aber im Hinblick auf die einen individualisierten ÖPNV gäbe es noch andere Aspekte, die dem autonomen Fahren im Wege stehen könnten, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Die Gründe liegen überraschender Weise im Kapitalismus und der Idee einer individualisierten Gesellschaft selbst.

Der Kapitalismus lebt vom Konsum, der mehr ist als nur der Akt des Kaufens. Konsum bedeutet die Auswahl zu haben und darüber auszudrücken, wer man sein will. Konsum unterstreicht Individualität, ermöglicht Distinktion zu anderen, und ist die Triebfeder des Kapitalismus. Am besten zu sehen ist das in der Werbung, die eben genau mit den Bildern, mit Vorstellungen, Wünschen, Träumen und Hoffnungen spielt.

Dem Auto kommt dabei eine zentrale Rolle zu, ist es doch gleichzeitig Statussymbol, Freiheitsversprechen, Ausdruck von Modernität oder Beweis für eine Lebenshaltung. Die Art des Autos ist mit der Persönlichkeit eng verbunden. Zur Idee des Autos gehört auch die persönliche Autonomie, zumindest hierzulande, aber auch in vielen westlichen Industriestaaten, wahrscheinlich auch darüber hinaus. Ob das autonome Fahren, also das Fahren in einem fernsteuerten Taxi, diese Sehnsucht derzeit in der Masse bedient, ist fraglich. Für die Fans einer digitalen Welt ist das bestimmt der Ausdruck von Zeitgeist und Hypermoderne, mit dem sie zeigen können, wie sie sich von den anderen abheben können. Ob das auch für andere gesellschaftliche Gruppen gilt, wage ich zu bezweifeln.

Das Auto hat seit mehr als 100 Jahren einen nahezu kulthaften Charakter, wobei der Wert auch, aber eben nicht nur vom Preis bestimmt wird. Ein Durchbruch für das autonome Fahren kann nur kommen, wenn der Inhalt der Ikone Auto sich radikal wandelt. Vom Instrument der Freiheit des selbstbestimmten Fahren, des Lebens, des Aufbruchs hin zu einer Idee digitaler Vernetzung in einer automatischen Welt, die für diese Hypermoderne steht. Helfen dabei könnte der Konsumkapitalismus, in welchem es erstrebenswert wird, Herrschaft über die Welt durch Technik vom eigenen Smartphone aus zu organisieren. Gerade die Idee digitaler Domestiken könnte hier greifen. Und schaut man sich die Versprechungen der smarten neuen Welt an, dann nehmen vor allem Dienste und Technologien einen prominenten Platz ein, die den Menschen etwas abnehmen, die etwas automatisch für sie erledigen – zu Hause, beim Fahren, im Leben.

100 Jahre nachdem die Diener in den Gesellschaften des 20. Jahrhunderts mehr und mehr zurückgedrängt wurden (vgl. Bartmann 2016**), findet sich eine neue Mittelschicht, die mit der Digitalisierung genau diesem Distinktionsmerkmal nachzueifern scheint. Man kann sich zwar keinen sozialversicherten Fahrer leisten, aber ein autonomes Auto, in dem man sich auch fahren lassen kann. Kein Taxi, sondern einen elektronischen Diener nur für sich selbst. Die Digitalisierung ermöglicht so neue Distinktionsgewinne. Ob und wie sich diese schöne neue Welt tatsächlich durchsetzen kann, muss abgewartet werden. Klar ist aber schon jetzt, dass Überwachung konsumiert wird, auch wenn sie eben verschleiert als Konsum, als Möglichkeit daherkommt, die eigene Individualität herzustellen.

Vor diesem Hintergrund ist die Tote von Arizona, ist jeder Verkehrstote ein persönliches Drama und ihre Statistik ein gesellschaftlichen Problem, den Kern der Debatte trifft die Empörung darüber aber eben nicht. Der liegt an anderer Stelle, ist gesellschaftlich hoch relevant, leider aber so versteckt und verschleiert, gerade weil es hier um den Kern einer konsumkapitalistischen Verwertungs- und Identitätslogik geht.


* Perrow, Charles. Normal Accidents: Living with High-Risk Technologies. New York: Basic Books, 1984.

** Bartmann, Christoph: Die Rückkehr der Diener. Das neue Bürgertum und sein Personal. München, Hanser, 2016.

für mehr Infos siehe u.a. Telepolis Thema zum Autonomen Fahren.

Kommissar Google – Datensammeln und Strafverfolgung

Adrian Lobe evaluiert in der Süddeutschen Zeitung, was es bedeutet, wenn Google und die Strafverfolgungsbehörden ihre Zusammenarbeit intensivieren und warum das gravierene Folgen für den Rechtsstaat haben könnte – unser Konsum aber leider der Schlüssel für diese Gefahr ist.

Digitale Kommissare, 17.4.2018

Datensammler wie Google verfolgen jede Regung des Alltags. Für Strafverfolgungsbehörden sind diese Informationen ein Schatz.

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