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September 15 2016

teleschirm

AI Can Recognize Your Face Even If You’re Pixelated


Researchers at the University of Texas at Austin and Cornell Tech say that they’ve trained a piece of software that can undermine the privacy benefits of standard content-masking techniques like blurring and pixelation by learning to read or see what’s meant to be hidden in images—anything from a blurred house number to a pixelated human face in the background of a photo.
[...]

August 03 2016

teleschirm

The Surveillance Industry Index


Privacy International hat den "Surveillance Industry Index" überarbeitet und deutlich ausgebaut.

February 15 2016

Überwachung im biometrischen Zeitalter

Die Ethnologin Ursula Rao hielt die Festrede zur Verleihung des „Surveillance Studies Preises“ 2016

von Joana Ekrutt

„Die Gefahr der Technologie liegt oft nicht dort, wo wir sie vermuten“, fasste Ursula Rao, Ethnologin an der Universität Leipzig, ihre Forschungsergebnisse zusammen. Ein Satz, der bei der Verleihung des „Surveillance Studies Preises“ 2016 im Kopf bleibt. Rao hielt im Rahmen der Preisverleihung, die am 27. Januar in Hamburg stattfand, den Festvortrag.

Der Journalistenpreis des Forschernetzwerks Surveillance Studies wurde an diesem Abend an Adrian Lobe verliehen. Der 27-jährige Stuttgarter erhielt die Auszeichnung für eine Reihe von Artikeln zu Google und Big Data, die vor allem im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) erschienen sind. Lobe zeige in seinen journalistischen Arbeiten, so die Begründung der Jury, „was Journalismus als Räsonnement vermag: Zeitgenossenschaft mit Skepsis zu verbinden“. Seine Beiträge würden dem Leser „eine glückliche Synthese aus Lesegenuss und Bildungserlebnis bieten“, so die Jury weiter. Der Datenjournalist Marco Maas, der an diesem Abend die Laudatio hielt, lobte die „wertvolle aufklärerische Arbeit“, die Lobe mit seinen Artikeln leiste.

Ein Aspekt, der dem jungen Journalisten in seiner Arbeit wichtig ist: „Der Journalismus muss eine Übersetzerleistung bringen“, sagte er in seiner Dankesrede. Um dem Publikum das Thema „Algorithmen“, welches für das Verständnis von Überwachung von großer Bedeutung sei, näher zu bringen, lieferte er auch gleich ein anschauliches Beispiel: „Jede IKEA-Anleitung ist im Grunde auch ein Algorithmus“, denn Algorithmen seien im Prinzip nur Handlungsanweisungen.

Welche gesellschaftlichen Konsequenzen digitale staatliche Überwachung haben kann, brachte die Ethnologin Ursula Rao in ihrem Vortrag über biometrische Überwachung auf den Punkt. Man müsse „entwarnen und gleichzeitig warnen“, lautet ihr Fazit aus den Ergebnissen verschiedener Feldstudien, die sie in Indien durchgeführt hatte.

Biometrie sei in Indien allgegenwärtig; Deutschland erlebt die Ethnologin hingegen als relativ „technikfeindlich“. Ein Grund, weshalb sie ihre Studien dort durchgeführt habe. Ein weiterer sei, dass in Indien ein extremeres Gefälle zwischen Arm und Reich, sowie moderner und primitiver Technologie herrsche. In Indien könne man „empirisch unter extremen Bedingungen beobachten, was strukturell überall gleich ist“, so Rao.

Grundlage ihrer Untersuchungen seien dabei drei Themenschwerpunkte gewesen: Kontrolle, Einlass und Teilhabe. Der Aspekt der Kontrolle würde vor allem die Arbeitswelt betreffen. In Indien sei es heutzutage für alle Angestellten verpflichtend, sich morgens und abends bei der Arbeit biometrisch an- und abzumelden. Diskutiert werde, ob diese Form der Kontrolle zu Selbstoptimierung führe, erläuterte die Ethnologin. Eine Umfrage in einer indischen Zeitungsredaktion habe jedoch ergeben, dass diese Maßnahme zwar „einen Überwachungs-, aber keinen Performance Effekt“ habe, erklärte Rao. Die Journalisten würden an der Qualität ihrer Arbeit gemessen und nicht an ihrer Präsenz, gab sie deren Einschätzung wieder. Man sei also „nur heftiger anwesend“, fügte Rao hinzu und sorgte damit für einige Lacher im Publikum.

Für den zweiten Aspekt, den Einlass, führte die Ethnologin als Beispiel den biometrischen Pass an. Der sogenannte „ePass“, in Form des Reisepasses längst gängige Praxis, werde in Indien auch für Fitnessstudios oder Einkaufszentren verwendet. Er soll, so die Theorie, den Zugang zu verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens erleichtern. Problematisch sei jedoch, dass nur die Personen Einlass bekommen würden, die sich bereits selbst überwachten „und eh schon dazugehören“, erläuterte sie. Man müsse bestimmte Formalitäten erledigen, um sich biometrisch ausweisen zu können. Wer beispielsweise eine Kreditkarte besitzt, bekomme Zugang; alle anderen nicht. Die Überwachung habe also nichts mit der Disziplinierung zu tun, auf die sie abziele, folgerte Rao.

Den letzten Aspekt ihrer Untersuchungen, die Teilhabe, erklärte Rao anhand des in Indien üblichen biometrischen Registrierungssystems per Fingerabdruck. Dieses System solle jedem ermöglichen, staatliche Leistungen in Anspruch zu nehmen und Geldtransfers zu tätigen. Korruptionsfälle sollen auf diese Weise vermieden werden. „Die persönliche Identifizierung ist universal einheitlich, unveräußerlich und mobil“, sagte Rao und fügte hinzu: „Sie erfordert keine Bildung.“

Auch mit diesem System seien jedoch Probleme verbunden. Die Fingerabdrücke könnten von den Maschinen häufig nicht gelesen werden. Verletzungen an der Hand, Schwielen oder Schweiß würden dazu führen, dass man sich nicht registrieren könne. Die Geräte seien für „weiße Mittelklasse-Leute konstruiert, die am Computer und nicht auf dem Feld arbeiten“. Somit würden bestimmte Bevölkerungsgruppen automatisch ausgeschlossen, brachte Rao die Problematik auf den Punkt. „Die Maschine reproduziert Diskriminierung, die im sozialen Bereich schon vorhanden ist.“

Auf einmal stehe nicht mehr die Überwachung im Fokus und die damit verbundene Frage, was mit den persönlichen Daten passiert, sondern es kämen Probleme zum Vorschein, die man bei der Einführung der Technik nicht bedacht habe, erläuterte Rao. Bei der Beurteilung neuer Technologien sollte man nicht vorschnell urteilen – die Gefahr könnte ganz woanders liegen.

Es wäre interessant zu erfahren, wie Adrian Lobe die Ergebnisse einschätzt – er kam, nachdem er seinen Preis erhalten hatte, jedoch nicht noch einmal zu Wort. Vielleicht lassen sich seine Gedanken dazu aber bald im Feuilleton der FAZ finden.

* (Joana Ekrutt studiert Journalistik und Kommunikationswissenschaft (M.A.) an der Universität Hamburg)

Videoüberwachung in Berlin

Fabian Warislohner hat für netzpolitik.org die Debatte um die geplante Änderung des Berliner Allgemeinen Sicherheits- und Ordnungsgesetzes (ASOG Bln) und die fehlende Evaluaierung der Videoüberwachung aufgeschrieben.

Der Text verlinkt zudem auf zwei aktuelle Anfragen von Christoph Lauer (PIRATEN) zur Videoüberwachung in der S-Bahn und zu den aktuellen Änderungsvorhaben im ASOG.

February 11 2016

Gerüchte und Aufklärung

Bildschirmfoto von http://hoaxmap.orgMan könnte es als Form der Gegenüberwachung, auf jeden Fall aber für einen Fall von Counter-Mapping ansehen: Die Hoaxmap.

DRadio Wissen hat einen schönen Bericht zu dem interessanten Projekt der Aufklärung mithilfe von Karten.

Übersicht ist der erste Schritt um besser zu verstehen und dem Unsinn entgegenzuwirken, der so erzählt und vor allem geglaubt wird. Und damit ist es auch eine Form der Gegenüberwachung, eben der Aufklärung, nicht der Verklärung, die eine Form der Kontrolle und Herrschaft darstellen kann.

Algorithmen und Herrschaft

Heute gab es ein Politisches Feuilleton zur smarten Welt bei dradio Kultur (Wider die Herrschaft der Algorithmen) von mir. Sehr passend zu den Themen unseres Preisträger Adrian Lobe, der mit dem Artikel Der Mensch, das programmierbare Wesen (FAZ.net 20.1.2016) ähnliche Dinge viel ausführlicher analysiert.

February 01 2016

Journalistenpreis für Adrian Lobe

ssfnPreis2016_1Am 27. Januar wurde der Surveillance Studies-Preis an den Journalisten Adrian Lobe verliehen.

Hier ist eine kleine Dokumentation der Preisverleihung mit Fotos und Infos.

 

Rezension: Crime and Globalization

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Karstedt, Susanne & Nelken, David (Hg.): Crime and Globalization, Farham England: Ashgate, 2013

von Susanne Krasmann, Hamburg

Der einleitende Satz in den Band ist bezeichnend: „Globalization has engaged the criminological imagination for more than two decades.“ Die kriminologische Imagination. Das ist in der Tat ein interessanter Zugriff auf das Thema der Globalisierung, die in der kriminologischen Diskussion (und dazu gehören Wissenschaftler wie „Praktiker“, also die Mitarbeiter und Mitwirkenden in den Institutionen der Kriminalitätskontrolle, gleichermaßen) vor allem als ein Motor wahrgenommen und gedacht (imaginiert!) wird, der die Ausbreitung von Phänomenen der Kriminalität beschleunigt. Kriminalität, vor allem in ihren organisierten Formen, bildet demnach die Kehrseite oder, je nach Perspektive, auch die Schattenseite der Globalisierung – entsprechende moral panics und Kontollambitionen, einschließlich Kriminalisierung und Strafverschärfung werden damit leicht greifbar. Die Herausgeber dieses Bandes treten demgegenüber eher für eine „realistische“ Sichtweise ein, und so zeichnet der Band sich wohltuend dadurch aus, dass er Begriffe, Phänomene und theoretische Zugriffe zuallererst sortiert. Dabei besteht gewissermaßen der Charme dieses Bandes darin, dass er bereits publizierte Aufsätze zum Thema eben aus fast zwei Jahrzehnten aus den verschiedensten Zeitschriften und von renommierten Autorinnen (ja, nicht überwiegend, aber doch viele weibliche Autoren) und Autoren versammelt, und zwar disziplinübergreifend (zu nennen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Gerechtigkeit, sind etwa Saskia Sassen, Liza Weinstein, Katja Franko Aas, Pat O’Malley, Arjun Appadurai; ähnlich die Zeitschriften: von Crime, Law and Social Change und Theoretical Criminology bis hin zu Theory, Culture & Society und Journal of Modern African Studies).

Globalisierung und Phänomene der Globalisierung lassen sich auf sehr verschiedene Weise begreifen, und so wendet der Band sich gegen die vereinfachende Vorstellung, es handele sich hierbei um einen einheitlichen oder vereinheitlichenden Prozess (im Singular). Viel ist mittlerweile in den Sozialwissenschaften darüber geschrieben worden, dass das Globale selbst etwas ist, das sich in Praktiken erst herstellt; dass Globalisierung nicht nur eine Frage hegemonialer Symbolik und Sinnstiftung ist, sondern aus Technologien und Zirkulationen von Waren, Menschen, Kommunikationen hervorgeht, die ihrerseits Verknüpfungen und Abhängigkeiten schaffen, ebenso wie Schnittstellen und Räume der Exklusion und Produktion von Ungleichheiten. „Crime and Globalization“ wirft denn auch die Frage auf, wie „Globalisierung“, so verstanden, lokale und nationale Phänomene der Kriminalität prägt, wie Globalisierungsprozesse sich ungleich vollziehen und ganz unterschiedliche Effekte in den verschiedenen Regionen und gesellschaftlichen Schichten hervorrufen, Norden und Süden, Zentrum und Peripherie neu (ein-)teilen, und als ein spezifisch städtisches Phänomen vor allem auch das Gesicht der Städte („the face of cities“) verändern. Die Kriminologie hält für diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen und Effekte die räumlichen mit entsprechenden rechtlichen Unterscheidungen bereit: zwischen spezifisch lokalen und nationalen Problemen der Kriminalität, transnationalen oder grenzüberschreitenden Formen vor allem der sogenannten Organisierten Kriminalität, internationale Kriminalitätsphänomene wie Völkermord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschheit, sowie globalisierte Interventionsformen, insbesondere von Akteuren, Institutionen und Organisationen der Weltwirtschaft bzw. des internationalen Finanzkapitalismus, die im rechtlichen Sinne streng genommen (noch) nicht als Kriminalität zu bezeichnen sind, aber als schwere Eingriffe in die Arbeits- und Umweltökonomie zu adressieren sind.

Der Band gliedert sich neben den theoretisch-konzeptionellen Beiträgen in die thematischen Unterfelder der globalen Akteure und weltweiten Kriminalität, der lokalen Kristallisierung des Globalen in den Städten und Märkten, der globalen Zirkulationen und Grenz(verschiebung)en, der Verknüpfung von legalen und illegalen Praktiken und Sphären des Welthandels, des Zusammenwirkens von globalen Kräften und lokalen Gewaltphänomenen, sowie der globalen Netzwerke des Wissens und der Praktiken im Feld von Kriminologie und Kriminalpolitik.

Auch wenn Fragen der Trans- und Internationalisierung des Rechts, der Souveränität und Staatenbildung im globalen Kontext hier ausgeklammert bleiben – der Band folgt eher einem strafrechtlich orientierten Begriff von Kriminalität und wirft nicht die Fragen der Rechtsetzung auf – und Phänomene des transnationalen Terrorismus oder der Radikalisierung erstaunlich unterbelichtet bleiben, zeichnet sich „Crime and Globalization“ doch durch einen erfrischend offenen, eben disziplinäre Grenzen überschreitenden Zugang aus, durch den der Gegenstand gleichwohl nicht verwässert wird. Das Buch ist zur Lektüre, vor allem zum Schmökern zu empfehlen, auch wenn man dies, angesichts des stolzen Preises, wohl doch vornehmlich in der Bibliothek machen muss.

Susanne Krasmann, Hamburg

Rezension: Feminist Surveillance Studies

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Dubrofsky, Rachel E. und Shoshana Amielle Magnet (eds): Feminist Surveillance Studies, Duke University Press 2015

von Pamela Kerschke-Risch, Hamburg

Surveillance-Studies haben gleichzeitig mit dem technischen Fortschritt und den politischen  Entwicklungen zunehmend an Bedeutung gewonnen, entsprechend groß ist die Anzahl der Neuerscheinungen zu diesem Thema, jedoch wurden dabei feministische Perspektiven bislang weitgehend ausgeklammert. Diese Lücke wird mit „Feminist Surveillance Studies“ nun geschlossen. Die beiden nordamerikanischen Herausgeberinnen Rachel Dubrofsky und Shoshana Magnet haben mit ihrem Buch eine Sammlung breit gefächerter Themen zu den bislang in diesem Kontext wenig beachteten Aspekten Gender, Sexualität, Rasse und Schicht veröffentlicht, die viele neue wichtige Denkanstöße im Zusammenhang mit Kontrolle und Überwachung bieten.

Die sehr ausführliche Einleitung liefert neben einem detaillierten kritischen Überblick über die 11 einzelnen Beiträge, die thematisch vier verschiedenen Bereichen zugeordnet sind, gleichzeitig auch eine prägnante Einführung in kritische feministische Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit Surveillance ergeben und die die für viele LeserInnen vielleicht überraschende Erkenntnis liefern, dass Überwachung bzw. Kontrolle nicht erst zu Problemen der Gegenwart geworden sind, sondern bereits seit Jahrhunderten bestehen.

Im ersten Teil des Sammelbandes, der sich mit grundlegenden Strukturen beschäftigt, demonstriert Andrea Smith menschenverachtende, entwürdigende und sexistische Kontrollpraktiken an Beispielen, die von von nordamerikanischen Siedlern bis hin zu gegenwärtigen Überwachungsmethoden in Frauenhäusern reichen. Laura Hyan Yi Kang beschreibt in einem historischen Überblick über den Kampf gegen Frauenhandel u.a. die von rassistischen Vorurteilen geprägten Gesundheitskontrollen, während Lisa Jean Moore und Faislay Currah sich der Problematik der binären Geschlechtszuordnung in Geburtsurkunden widmen. Besonders dieser Beitrag verdeutlicht die Argumentationsstrukturen zur Rechtfertigung der staatlichen Kontrolle, so wird z.B. eine „stabile Geschlechtsidentität“  mit dem Schutz vor angeblichem Identitätsbetrug und damit einem postulierten allgemeinen öffentlichen und somit staatlichem Interesse begründet.

Der zweite Bereich fasst die eigentlich auf den ersten Blick nicht so ganz zusammenpassenden Beiträge über einen spektakulären angeblichen Ehrenmord (Jasmin Jiwani), der durch die einseitige und übertriebene mediale Thematisierung islamophobe Einstellungen generierte, über Promis auf Twitter von Rachel E. Dubrofsky und Megan M. Wood sowie den Beitrag von Kelli D. Moore über häusliche Gewalt gegen Rihanna zusammen. Deutlich wird bei diesen Artikeln jedoch, dass der Einfluss der medialen Öffentlichkeit vorurteilsbehaftete Einstellungen religiöser sowie rassistisch-sexistischer Art fördert, was auf den ersten Blick keine neuen Erkenntnisse wären, wodurch jedoch neue Denkanstöße durch die kritische Reflexion hinsichtlich der hieraus resultierenden Konsequenzen  geliefert werden – und diese können vor dem Hintergrund der rasanten Zunahme der Entwicklungen von Überwachungstechniken von weitreichender Bedeutung in Hinblick auf die Manifestation von Ungleichheit sein.

Die Artikel zu Body-Scannern (Rachel Hall), von  Sayantani Dasgupta und Shamita das Dasgupta zur Problematik von Leihmutterschaft und die von den Möglichkeiten der Gentechnologie ausgehenden Gefahren in Richtung einer neuen „Reproduktions-Dystopie“ (Dorothy E. Roberts) zeigen im dritten Teil, welchen  Einfluss biometrische Technologien auf die unterschiedlichsten Gebiete zu Überwachung haben können.

Im letzten Teil beschäftigt sich Ummni Khan mit der Überwachung im Zusammenhang mit Sex-Arbeit, während Kevin Walby und Seantel Anaïs in ihren grundlegenden Überlegungen zu feministischen Surveillance-Studies Forschungsmethoden diskutieren und zu dem Schluss kommen, dass auf der Grundlage der Erkenntnisse feministischer Forschung und der bestehenden Machtverhältnisse sowohl Überwachung und Kontrolle als auch deren Konsequenzen zu analysieren und zu verstehen sein sollten.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dieser größtenteils äußerst lesenswerten Textbeiträge ist darin zu sehen, dass Überwachung nie objektiv und neutral, bzw. nur unter den technischen Gesichtspunkten in Zusammenhang mit einem Verlust individueller Freiheiten und Privatsphäre zu sehen ist, sondern dass Überwachung höchst selektiv angewandt, interpretiert und dementsprechend folgenreich für einzelne Gruppen sein kann, bestehende Vorverurteilungen und Phobien bestätigend und diese damit perpetuierend.

Wenn, wie die Themen der einzelnen Artikel gezeigt haben, Überwachung im weitesten Sinn schon immer durch Machtungleichgewichte gekennzeichnet war, bei der Minoritäten teils willkürlicher staatlicher Kontrollgewalt, scheinbar legitimiert durch ein vorgegebenes öffentliches Interesse nach Sicherheit, ausgesetzt waren, besteht eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Gegenwart und noch mehr für die Zukunft darin, dass alle nicht den wie auch immer gesellschaftlich/politisch definierten normativen Vorstellungen entsprechenden Individuen oder Gruppen Opfer dieser selektiven Kontrollen mit all ihren Konsequenzen werden können, die aber aufgrund der sich immer rasanter entwickelnden Überwachungstechnologien heute noch längst nicht annähernd abschätzbar sind. Ein Ziel weiterer Surveillance-Studies sollte es daher sein, die Gedanken und Erkenntnisse der kritischen Feminismusforschung zu berücksichtigen, für die der Band der beiden Herausgeberinnen Dubrofsky und Magnet mit seinen Denkanstößen eine empfehlenswerte Basis bietet, um auch zukünftig häufig nicht offensichtliche Strukturen überhaupt erkennen zu können.

January 28 2016

January 25 2016

Lesetipp: Limare, Surveiller et sourire: Kunst und Überwachung

Surveiller et sourire

Sophie Limare, Kunstdozentin an der Universität Bordeaux, hat eine Studie zu Kunstwerken, die sich mit (Video-)überwachung auseinandersetzen, veröffentlicht. Die Publikation ist Open Access und in mehreren Varianten erhältlich (online, PDF, epub, print).

Limare Sophie (2015). Surveiller et sourire. Les artistes visuels et le regard numérique, collection « Parcours numériques », Les Presses de l’Université de Montréal, Montréal, ISBN: 978-2-7606-3547-0

Décriées par les citoyens, les caméras de vidéosurveillance suscitent, depuis les années 1990, de virulents débats dans les sociétés occidentales. Mais qu’en disent et qu’en font les artistes ? Si certains artivistes contemporains ont choisi d’accompagner la résistance d’une partie de la population, d’autres créateurs se sont lancés dans des appropriations esthétiques et ludiques. Leurs démarches signent, au passage, non pas la fin d’une dénonciation de la société sécuritaire, mais une nouvelle forme de sensibilisation aux enjeux sociaux qui lui sont inhérents.

 

Weitere Verlagsinformationen hier.

January 20 2016

Data & Agency

Data & Agency, Special issue von Big Data & Society

This special theme explores the location of agency in the massive flows of data circulating between devices, institutions, industries and users. Because Big Data facilitates new regimes of governance, control and discrimination, the special theme creates a space to reflect on alternative forms of Big Data, forms which enable small-scale public organisations and community groups to act with agency in the face of the rising significance of data.

Mehr Infos im dazugehörigen Blog.

January 15 2016

teleschirm

IP-Kameras von Aldi als Sicherheits-GAU


heise.de schreibt am 15.01.2016:
Aldi (bzw. Hofer, Anm.) hatte vergangenes Jahr mehrfach IP-Überwachungskameras mit denkbar schlechten Voreinstellungen verkauft. Die Geräte sind zu Hunderten fast ungeschützt über das Internet erreichbar.

Die bei Aldi verkauften IP-Überwachungskameras der Marke Maginon haben massive Sicherheitsprobleme: Unbefugte könnten über das Internet auf das Kamerabild zugreifen und sogar den Ton anzapfen. Zudem verraten die Geräte unter anderem die Passwörter für WLAN, E-Mail und FTP-Zugang ihres Besitzers. Hunderte Aldi-Kameras sind nahezu ungeschützt über das Internet erreichbar. Darauf hat uns der Zusammenschluss Digitale Gesellschaft aufmerksam gemacht.

January 12 2016

Surveillance Studies Preis für Adrian Lobe

Surveillance Studies Preis 2016 geht an Adrian Lobe für kritische FAZ-Feuilletons über Google und Big Data

Adrian Lobe ist der Preisträger des Surveillance Studies Preises 2016. Der Stuttgarter Journalist erhält den Preis für eine Reihe von Artikeln zu Big Data, die in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen sind. Lobe beschäftigt sich darin mit dem Thema Big Data und Google in einer Weise, die weit über das übliche Beklagen einer brüchig gewordenen Privatsphäre hinausgeht. Sein Zugang zum Thema, die Tiefe seiner Recherche, seine Kritikfähigkeit und sein Deutungsvermögen zeigen, was ein gutes und modernes Feuilleton zu leisten vermag.


Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert. Das Preisgeld wird vom Webmagazin Telepolis gestiftet.

Adrian Lobe wurde 1988 in Stuttgart geboren. Er studierte Politikwissenschaft und Öffentliches Recht an der Universität Tübingen, in Paris sowie an der Universität Heidelberg, wo er 2014 mit einem Mastertitel abschloss. Seit 2009 schreibt er für mehrere namhafte Tageszeitungen zu Themen aus Politik, Wissenschaft und Technik. Er absolvierte bis Oktober 2015 ein Volontariat bei den Stuttgarter Nachrichten.

Die Preisverleihung findet am 27. Januar 2015 in Hamburg im Rahmen der jährlichen Surveillance Studies Lecture statt. Die diesjährige Festrede hält Professorin Dr. Ursula Rao. Die Leipziger Ethnologin spricht zum Thema „Wie geht Überwachen? Reflektionen über das biometrische Zeitalter“. Rao hat lange zu Identität und Biometrie in Indien geforscht.

Preisverleihung:
Zeit: 27. Januar 2016, 18.30-20.30 Uhr
Ort: Universität Hamburg, Edmund-Siemers-Allee 1, Gebäude ESA West, R. 221

Anfrage bitte an: nils.zurawski@uni-hamburg.de

January 10 2016

teleschirm
0320 5046 500
Edward Snowden war dort

January 08 2016

Das digitale Manifest….

…nun ja, weniger geht manchmal halt nicht, da muss es schon ein Manifest sein. Unter dem Titel Digitale Demokratie statt Datendiktatur fordern 9 Kollegen ein neues Umgehen mit der Digitalisierung und ihren Gefahren. Das ist löblich, aber auch spät und erscheint mir doch eher die Diskussion, die auch hier im Blog abgebildet wird – und bei allen, die sich mit dem Thema schon länger beschäftigen – zusammenzufassen, denn neu anzustoßen. Das Bild, dass von der Gesellschaft im Zeichen der Digitalisierung gezeichnet wird, ist doch sehr technizistisch.

Das veranlasst auch Ulf von Rauchhaupt dieses Manifest kritisch zu kommentieren – sein lesenswerter Artikel ist in der FAS vom 3.1.2016 erschienen in der Rubrik Soziale System (leider nicht online).

Das Manifest ist einen Blick wert, aber für alle, die sich mit dem Thema schon länger beschäftigen, bleibt es doch hinter den Diskussionen, wie wir sie führen zurück.

January 06 2016

Rezension: Militarisierung, Polizei und Protest

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Lesley Wood:Crisis and Control. The Militarization of Protest Policing. (Pluto Press 2014)

von Peter Ullrich, Berlin

Aufmerksamen Beobachter_innen des Versammlungsgeschehens in westlichen Ländern wird ein Formwandel im Protest Policing, also dem polizeilichen Umgang mit Protest, nicht entgangen sein. Am augenfälligsten wird dieser Wandel in der hochtechnisierten Schutzausrüstung moderner Einsatzkräfte, die durch dunkle Farben, umfassende Panzerung, Bewaffnung und Technikausstattung meist mit „Robocops“ assoziiert wird. Zu diesem Wandel gehören auch Einsatztaktiken wie massive Kontrollen und Einschließungen (der Demonstrierenden oder ihrer Protestziele, bspw. Gipfeltreffen), die Zunahme präventiver (informationsbasierter) Einsatzkonzepte, polizeilicher Öffentlichkeitsarbeit und nicht zuletzt der vermehrte Einsatz von Technologie (Kameras, Wasserwerfer, Hubschrauber), inklusive weniger tödlicher Waffen (Pfefferspray, Taser). In der Forschung wurde für diesen Policing-Style das Konzept „strategic incapacitation“ (Gilham/Noakes) geprägt, in Abgrenzung zu den älteren Policing-Styles wie der „escalating force“ (massiver Machteinsatz bei kleinsten Gesetzesübertretungen, v.a. 50-70er Jahre) und des „negotiated management“ (kommunikationsorietiert um zu deeskalieren, etwa ab den 80er Jahren).

Lesley Wood untersucht diese Entwicklung in Kanada und den USA als Prozess der „Militarisierung des Protest Policings“, der sich in pre-emptiver Kontrolle, Fortifikationen, Eskalation von Zwang, inkohärenten Verhandlungsstrategien, willkürlicher Datensammlung (S. 3f.) und einer Sicht auf Protest als Gefahr (S. 6) ausdrückt. Die Hauptthese des Buches ist, dass diese Wandlungen genuiner Ausdruck der Dominanz des und somit nur erklärbar durch den Neoliberalismus sind. Es geht Wood also um den Einfluss des gesellschaftlichen Kontexts und insbesondere der Ökonomie auf die Polizei, ohne diese zu einfach zum bloßen Vollstrecker von Kapitalinteressen zu stilisieren. Vermittelnd stünden zwischen der politökonomischen Makroebene und der Mikroebene der Polizeipraxis Eigenlogiken der Polizei als Organisation, die Polizeikultur, ein polizeispezifischer Habitus und insbesondere das darin verankerte polizeiliche Wissen (im wissenssoziologischen Sinne) von Protestierenden.

Der Einfluss des Neoliberalismus wird v.a. auf sechs Dimensionen vermutet und untersucht (S. 6): neue Managementkonzepte, Privatisierung, Deregulierung, Outsourcing, Informationsorentierung und eine Rollenbestimmung der Polizei als Verantwortliche für „Aufräumen“ und Sicherstellung eines guten Investitionsklimas. Die Argumentation wird in neun Kapiteln zu konzeptuellen und verschiedenen substanziellen Aspekten entfaltet. Die betrachteten Proteste und resp. polizeilichen Umgangsweisen mit ihnen sind v.a. im Kontext der globalisierungskritischen Bewegungen und der Occupy-Bewegung angesiedelt.

Kapitel eins stellt die Fragestellung und den theoretischen Rahmen vor. In Abgrenzung von anderen Ansätzen (u.a. DellaPorta, Tilly) wird mit Bourdieu der Untersuchungsgegenstand als Feld gefasst, in dem eine Praxis der – nicht komplett von außen steuerbaren – Aneignung sozialer Wandlungsprozesse für das Feld stattfindet. In diesem Feld (mit zwar geringem Job-Prestige, aber großem staatlichen Rückhalt), ringt die Polizei um Legitimität, während neue Akteure an Einfluss gewinnen (u.a. professionelle Organisationen und privatwirtschaftliche Akteure). In den Netzwerken dieser Akteure diffundieren taktische und technische Innovationen. Als förderlich für je konkrete Innovationsdiffusion werden drei Kriterien postuliert: Krisen-Selbstwahrnehmungen, globale Kooperation und eine gewisse geteilte Identität der Akteure im Feld (die Kontakt und somit Konzeptübernahme erst wahrscheinlich macht).

Kapitel zwei untersucht die Entwicklungen im Spiegel verschiedener Protestwellen. Die meisten (quasi normalistischen) Proteste bekommen die Militarisierungstendenzen auch nicht mit, aber wohl jene Akteure, die als antagonistisch, unkooperativ oder unberechenbar erscheinen – insbesondere die neuen, selbstbewussteren Protestakteure seit Seattle 1999. Diese sind vermehrt mit weniger tödlichen Waffen (Pfefferspray, Taser, Soundkanonen, Blendgranaten, Gummigeschosse) und Barrikadierungen (Zäune, zugewiesene Protestzonen, Polizeikessel, Vorbeugegewahrsam)

konfrontiert. Die Polizei reagiert auch durch eigene PR, die Etablierung militarisierter Spezialeinheiten und verstärktes Lernen (Professionalisierung des Wissens über die andere Seite). Wood beschreibt die Durchsetzung dieser Ansätze über konsekutive Phasen von Reflexion, Experimentieren, Bewertung, Bewerben/Promotion und Übernahme/Anpassung.

Kapitel drei hat verschiedene Hintergrundtrends, die organisationalen Umstrukturierungsprozesse und das neue Paradigma der „best practices“ zum Thema. Diese folgen dem „New Managerialism“, einer „Kundenorientierung“ auch in der Verwaltung und der Nutzung neuer Technologien zur Leistungsoptimierung. Im Mittelpunkt von Kapitel vier steht die Beeinflussung dieser generellen Trends durch die lokale Ebene. Lokale Bedingungen, so die Argumentation, seien verantwortlich für die weiter bestehende Varianz, denn – wie erwähnt – nicht jedes Protestereignis an jedem Ort wird Gegenstand des gleichen militarisierten Policing-Styles.

Kapitel fünf untersucht die Durchsetzungsdynamiken anhand des Pfeffersprayeinsatzes, einem Sinnbild der Militarisierung im Protest-Policing. Dieses war ursprünglich als Substitut für den Schusswaffengebrauch, also als exzeptionelles Einsatzmittel eingeführt worden (schließlich ist es durchaus hoch gefährlich), wurde aber im Verlauf mehrerer Jahre zum mehr oder weniger gewöhnlichen Mittel des Crowdmanagements. Dieser Mechanismus, ein Extrembeispiel eines function creep (schleichende Funktionsausweitung, bei Wood „mission drift“, S. 29), ist aus verschiedenen Bereichen bekannt (bspw. der Videoüberwachung). Er resultiere, so die Autorin, aus dem Einfluss verschiedener Akteure im Sicherheitssektor auf eine Polizei, die zu diesen ‘Verwandten’ nur über äußerst schwache Abgrenzungen verfügt („the thin blue line of police identity“, S. 94) und die bei sich selbst Krisensymptome sieht (und deshalb auf der Suche nach Innovationen ist). Die Übernahme wird durch Zertifizierungen durch ‘befreundete’ Institutionen erleichtert.

Kapitel sechs untersucht die wachsende Rolle von Professionsvereinigungen und verschiedensten organisationenübergreifenden Foren wie Messen und Kongressen im Sicherheitsbereich, auf denen die Diffusion von Ideen und Strategien stattfindet. Deren informelle Bedeutung wächst durch Privatisierungstendenzen und gestiegene Selbstverantwortlichkeit lokaler Polizeibehörden. Anhand verschiedener Beispiele wird gezeigt, wie zwischen Behörden und seitens privatwirtschaftlicher Akteure „best practices“ vorgestellt und verbreitet werden. Besonders interessant ist hier der Fall der Firma Taser, die die generelle Durchsetzung ihrer Elektroschockwaffe explizit über den Weg der forcierten Implementierung bei der Polizei erreichen konnte.

Kapitel sieben widmet sich den Verschiebungen in der polizeilichen Wahrnehmung von Protest, die sich seit den Anschlägen des 11. September 2001 immer mehr in den Kategorien von „Sicherheit“ und „Gefahr“ abspielt. Insbesondere wird gezeigt, dass „Events“ gänzlich unterschiedlichen Charakters (Protest, Sport-Events, Terroranschläge) mit standardisierten Routinen begegnet wird, die immer mehr auf Risikoeinschätzungen und präventivem Agieren (statt Reaktion auf Devianz im älteren Polizeiparadigma) basieren. Dies trägt zur Entpolitisierung von Protest und seiner Rahmung als Bedrohung in Polizeiwahrnehmungen bei.

Kapitel acht widmet sich der Rolle polizeilicher Narrative über Protest und von diesem angeblich ausgehende Gefahren, um damit gewählte Einsatzstrategien zu legitimieren. Die Autorin zeichnet besonders das Narrativ von Angriffen auf die Polizei mit Urin nach, das polizeiseitig immer wieder kolportiert wird, obwohl keine Fälle öffentlich nachprüfbar dokumentiert sind oder zu Prozessen bzw. Verurteilungen geführt haben. Ein deutsches Pendant dazu wären die Narrative von Angriffen auf das Zuhause von Polizist_innen beispielsweise durch Kennzeichnungspflicht oder Internetvideos.

Im bilanzierenden neunten Kapitel kommt die Autorin zum Schluss, dass aufgrund der Neigung der Polizei auf Kritik an ihrem Agieren eher mit Expertenwissen aus den Netzwerken des privaten Sicherheitssektors zu reagieren, immer diese Gesamtkonstellation in den Blick – und auf’s Korn – genommen werden muss, wenn Demokratisierungs- und Kontrollimpulse nicht versanden sollen.

Was im Buch leider fehlt, sind Hinweise und Reflexionen zum methodischen Vorgehen. Aus den Darstellungen lässt sich vielmehr schlussfolgern, dass eine Vielzahl von Quellen, darunter neben Presseberichten und Dokumenten aller Art auch viele Berichte aus eigenem Erleben der selbst aktivistischen Autorin Eingang fanden. Eine Einordnung oder Kritik der Quellen und eine Offenlegung des Auswahlprozederes findet nicht statt; der Geltungsbereich der getroffenen Generalisierungen bleibt somit etwas im Dunkeln. Auch die deutlich aktivistisch geprägte Grundhaltung der Autorin, die legitim ist, hätte expliziter thematisiert werden können. Folgen hat sie u.a. in einer partiellen Asymmetrie der Darstellung, die von Protestemphase einerseits und Polizeikritik andererseits geprägt ist. Dies kann zulasten der Rekonstruktion der Eigensinnigkeit sozialer Prozesse gehen und zu einem Reduktionismus (auf das aus einer sehr spezifischen Sicht Problematische) führen.

Ähnlich erratisch gestaltet sich teilweise der Umgang der Autorin mit Theorie. Dies kann zum Teil mit der vorherrschenden Gegenstandsorientierung des Buches begründet werden, hat aber in Verbindung mit den Methodendefiziten relevante Folgen. Denn am Ende ist das zentrale Argument (der Ursächlichkeit des Neoliberalismus für die dargestellten Phänomene) mehr narrativ plausibilisiert als nachgewiesen. Ein solcher strikter Nachweis ist angesichts der Globalität der Hypothese allerdings auch ein komplexes, sprich: schwer operationalisierbares Unterfangen. Wenigstens eine argumentative Auseinandersetzung mit denkbaren alternativen oder ergänzenden Deutungsangeboten (Professionalisierung, Differenzierung, Transnationalisierung, Big Data/“Informationalisierung“, Kultur der Kontrolle/Sicherheitsgesellschaft, allgemeine Techniksoziologie/STS) hätte man sich gewünscht. Nicht überzeugend ist, dass teilweise sehr spezifisch gegenstandsbezogene Theorien (beispielsweise zur Identität in sozialen Bewegungen und zur Diffusion von Bewegungsinhalten) einfach auf den völlig anders strukturierten Gegenstand Polizei übertragen werden.

Trotz dieser Monita ist es ein lesenswertes Buch, das zur Kontextualisierung der Wandlungen polizeilichen Umgangs mit Protest wichtige Erkenntnisse liefert. Viele Aspekte sind auch weit über den untersuchten nordamerikanischen Kontext hinaus zu beobachten. Dies betrifft sowohl die Form des Polizeihandelns, inklusive des teils exzessiven Aufrüstens, als auch die Hintergründe (Netzwerke der „Inneren Sicherheit“, Privatisierung, Managementstrategien usw.). Auch die konzeptionellen Probleme, insbesondere das des Nachweises globaler Transformationen in den Wissensformen und Praxen einzelner gesellschaftlicher Felder, sind Schwierigkeiten, vor denen eine Vielzahl von kritischen Arbeiten steht, die trotz einer schwer überschaubaren Anzahl relevanter Einflussfaktoren den Anspruch bewahren, Makrotrends einer gesellschaftlichen – neoliberal-kapitalistischen – Totalität zur Grundlage ihrer Analysen zu machen.

January 04 2016

Journal zu Dronen und Erkenntnistheorie

Die neueste Ausgabe (Vol. 8, Nr. 2) von ‘Behemoth – A Journal on Civilization’ widmet sich ganz akutelle dem Thema Dronen: Game Changer? On the Epistemology, Ontology, and Politics of Drones, hg. von Susanne Krasmann, Jutta Weber.

January 03 2016

Rezension: Invisibility Studies

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Steiner, Henriette & Veel, Kristin (Hg.) 2015: Invisibility Studies. Surveillance, Transparency and the Hidden in Contemporary Culture. Bern: Peter Lang.

von Susanne Krasmann, Hamburg

In kriminologischer Perspektive könnte man wohl meinen, dass ein Buch mit diesem Titel vor allem von Formen und Technologien der Überwachung handelt; davon, wie diese Technologien bestimmte Sichtbarkeiten herstellen und Kontrollzugriffe ermöglichen; wie sich das Verhältnis von Überwacher und Überwachten, Sehen und Gesehenwerden mit neuen Kontrolltechnologien verschiebt, wie etwa die Digitalisierung beziehungsweise Automatisierung auch neue Formen und Dimensionen der Überwachung schafft und nicht zuletzt ein verändertes Verständnis dessen provoziert, was als private, öffentliche und geheime Angelegenheit gilt.

Doch das Kapitel in diesem Buch, das sich noch am meisten und ausdrücklich mit dem Thema des Geheimnisses beschäftigt, hat mit Geheimdiensten wenig zu tun. Stattdessen handelt es von „Secret Suburbs“, den anderen Lebensweisen, die das Sommerhaus, hier am Beispiel des dänischen Sommerhauses, fernab der alltagsweltlichen Zivilisation ermöglicht. Entscheidend, so der Architektur-Wissenschaftler Claus Bech-Danielsen, ist die Möglichkeit und Ermöglichung, außer Sicht zu sein, der Welt des Alltags auch dank der Abwesenheit von Techniken, die sonst das Handeln strukturieren (von Uhr und Telefon bis hin zu Smartphone oder Internet), zu entschwinden. Das Leben im Sommerhaus wird zur Auszeit, zu einem anderen, geheimen Leben, weil der Alltag selbst aus dem Sichtfeld gerät – ebenso wie umgekehrt das ersehnte Leben im Sommerhaus vergessen wird, sobald mit dem Ortswechsel der Alltag wieder eintritt. Auch das ist das Geheimnis: die Diskrepanz zwischen Alltag und Traum auszuhalten.

Einer kriminologischen Intuition, was sich mit „Invisibility Studies“ verbinden könnte, am nächsten kommen noch die Beiträge von David Murakami Wood über „Vanishing Surveillance“ und Nanna Bonde Thylstrup über „The Invisibilities of Internet Censorship“. Die Allgegenwart der Überwachung (ubiquitous surveillance), so Murakami Wood, ist eine Konsequenz der Allgegenwart von Computern in unserem Alltag. Diese Omnipräsenz geht, nur scheinbar paradox, mit einem Verschwinden (vanishing surveillance) der Überwachung einher. Freilich verschwindet nicht die Praxis der Überwachung, vielmehr wird sie unscheinbarer. Was sich verflüchtigt, ist ihre Wahrnehmbarkeit: Während die technischen Apparaturen selbst (beispielsweise Kameras, Mikrochips) Miniaturen werden, hat deren sensorische Reichweite erheblich zugenommen; Überwachungstechnologien sind mobiler einsatzfähig geworden und zugleich informationstechnologisch vernetzt; sie können überdies ein ganz anderes, vielleicht unverdächtiges Erscheinungsbild annehmen (die Überwachungsdrohne, die wie ein Vogel oder Insekt aussieht), und sie können sich ihrer Umgebung anpassen und sich in die Landschaft einschreiben – man braucht nicht einmal, wie der Autor, das Beispiel der unterirdisch angelegten Kabel der israelischen Firma G-Max zu bemühen, deren Sensoren auf einem designierten Territorium ganz unbemerkt den unbefugten Eindringling identifizieren und diesen noch von einfach nur herumstreunenden Tieren unterscheiden können. Im alltäglichen Zugriff auf Computer und Internet verklammern sich heute „virtuelle“ und „reale“ Welt, alltägliche Nutzung beziehungsweise Konsum und Überwachung werden ununterscheidbar.

Während die Bedeutung von analogen Wissensformen und entsprechenden Kontrollmodi im digitalen Raum schwindet, so theoretisiert Bonde Thylstrup, steuern Algorithmen die Bedürfnisse und Handlungen der Nutzer, die ihrerseits die Algorithmen speisen. Althergebrachte Vorstellungen von Zensur und deren Kontrolle durch staatliche Akteure und mittels Recht greifen in diesen Konfigurationen nicht, denn die automatisierten Protokolle schaffen ihre eigene Realität. Sie präfigurieren Identitäten und nehmen in einer Weise vorweg, so die These, was gesagt und getan werden kann, dass sie letztlich den Raum für die Artikulation von Dissens, in Jacques Rancières Sinn, und damit auch die Möglichkeit von Politik eliminieren.

Und so ist das Buch aufgebaut: Der vielfältige und vielschichtige Zugriff auf Sichtbarkeitsregime unserer Gegenwart durchkreuzt herkömmliche disziplinäre Zuordnungen und noch die Einteilung in akademische und nicht-akademische Beiträge. So kommen Architekten, Kunst- und Kulturtheoretiker, Sozial- und Literaturwissenschaftler ebenso wie gesellschaftspolitische Initiativen zu Wort. Aufschlussreich ist der analytische Ansatz, den die beiden Herausgeberinnen Henriette Steiner und Kristin Veel selbst ins Spiel bringen. Sie fragen nämlich nicht nur, wie kulturelle Praktiken, Architekturen oder Technologien bestimmte Formen der Sichtbarkeit und Nicht-Sichtbarkeit herstellen, sondern auch und vor allem, wie diese ausgehandelt werden (negotiating). Ausgehend von dem in der Tat in der Welt der Überwachung weit verbreiteten Diktum, dass wer nichts zu verbergen auch nichts zu befürchten habe, begreifen Steiner und Veel die Frage der Sichtbarkeit selbst als eine Frage der Betrachtung. Der Betrachter ist immer schon eingeschlossen in das, was er oder sie sieht und was gesehen oder nicht gesehen werden kann, und umgekehrt ist dies, was gesehen werden kann immer schon durch spezifische (kulturelle) Formen der Wahrnehmung geprägt. In unserer Gegenwart, so die originelle grundlegende These, hat sich nicht nur das Verhältnis von Sichtbarkeit und Nicht-Sichtbarkeit verschoben, entscheidend ist vielmehr, was wir als sichtbar und nicht-sichtbar oder unsichtbar und verborgen erachten (consider). Es geht um die veränderte und sich verändernde Wahrnehmung von Sichtbarkeit, die sich in einer „visuellen Kultur“ und den ihr eigenen symbolischen Formen zum Ausdruck bringt. Das Konzept der „perceived visibility“ schließt ein, dass Weisen des Sehens stets mit einem Nicht-Sehen verknüpft und mit kulturellen Formen der Imagination verwoben sind.

Der Band gliedert sich in vier thematische Cluster. Der erste Abschnitt zu „Transparency, Refraction and Opacity“ fragt, wie sich unsere Fähigkeit zu sehen ins Verhältnis zur materiellen Struktur unserer bebauten Umwelt setzt, namentlich wie Glasfenster und Spiegel unsere Sicht befördern, aber auch strukturieren, wie sie Transparenz versprechen und dabei auch spezifische Subjektivierungsformen hervorrufen. Die analytischen Elemente wie Urbanität, Transparenz, Oberfläche, Bildschirm, Geheimnis, Überwachung und Darstellung werden hier für den gesamten Band entwickelt. Der zweite Abschnitt zu „Urban, Topography, Void and Display“ verhandelt Fragen changierender Sichtbarkeit mit Blick auf spezifische architektonische Settings wie Denkmale, Museen oder Fabriken und ihre urbanen Topographien. „Surfaces, Secrets and Interior Spaces“ geht drittens dem Verhältnis von Sichtbarkeit und Nicht-Sichtbarkeit in der kulturell geprägten Scheidung zwischen Innen und Außen nach. Neben dem schon erwähnten Beispiel der dänischen Sommerhäuser, die es erlauben, sich den Alltag unsichtbar machen und sich dem Alltäglichen gegenüber unsichtbar zu machen, geht es hier um das Verhältnis von privatem Raum und Voyeurismus, kritischem Betrachter und Komplizenschaft. So stellen „looking in“ und „being looked at“ zwei Erfahrungsmodi zwischen Distanznahme und Nähe, Ausgeliefertsein und Verborgen- oder Entfernt-Sein dar. Die Aufsätze unter der Überschrift „Screens, Cameras and Surveillance“ schließlich untersuchen nicht nur die veränderten Formen der Überwachung, sondern auch das Verhältnis von Sehen und Erscheinen. Im Kapitel „To See the World as It Appears“ entschlüsselt Susanne Wigorts Ynvesson dieses Verhältnis, mit Maurice Merleau-Ponty, als eines der körperlichen, oder verkörperten, Verwobenheit. Was wir wahrnehmen, bleibt stets verhaftet, unvollständig und letztlich undurchdringlich, es entzieht sich der vollständigen Erfassung oder Erklärung: „the imgaginary world is incarnated in the flesh of the world“. Innen und Außen, Subjekt und Objekt sind nicht voneinander zu trennen. In dieser Beobachtung offenbart sich die spezifische soziale Brisanz von Überwachungstechnolgien, die Objekte, Gegenstände der Überwachung, nicht nur sichtbar machen, sondern auch hervorbringen. Sie prägen (Selbst-)Wahrnehmungen, Visionen und Phantasien. „[W]e are“, so schließen die beiden Herausgeberinnen den Band, „merely ‚visible in theory‘.“

Susanne Krasmann, Hamburg

December 28 2015

Konferenz “Surveillance | Society | Culture” (Göttingen)

An der Georg-August-Universität Göttingen wird vom 26. bis zum 28. Februar 2016 eine Konferenz mit dem Titel “Surveillance | Society | Culture” stattfinden, die sich mit der mit der Frage auseinandersetzt, wie sich Literatur, Kunst und andere Formen kultureller Produktion nutzbar machen lassen, um die Komplexität unserer gegenwärtigen und allumfassenden Überwachungskultur fassbar, analysierbar und damit schlussendlich auch kritisierbar zu machen.

Die Homepage der Konferenz inklusive des Programms und der Registrierungsadresse ist nun online: https://surveillanceconference2016.wordpress.com/

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