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February 10 2017

Ausstellungen zu Kunst, Fotografie & Überwachung in Berlin

Gleich drei Ausstellungen in Berlin thematisieren ab dem 17. Februar Überwachung in Kunst & Fotografie:

  1. Watched! Surveillance, Art & Photography / Überwachung & Fotografie vom 18/02/17 bis 23/04/17.

Eröffnung, Freitag 17. Februar 2017 um 19 Uhr, im c|o berlin, Amerika Haus, Hardenbergstraße 22–24, 10623 Berlin. Die Ausstellung wird begleitet durch Filmvorführungen und Gespräche.

Das benachbarte Museum für Fotografie zeigt zwei weitere Ausstellungen zum Thema:

2. Watching You, Watching Me: A Photographic Response to Surveillance

3. Das Feld hat Augen. Bilder des überwachenden Blicks

Beide laufen vom 17/02/2017 bis 02/07/2017, Museum für Fotografie, Jebensstraße 2, 10623 Berlin

Überwachung ist nicht nur ein aktuelles Thema, sondern auch ein historisches Phänomen. Während die Schau Watching You, Watching Me die gegenwärtige Überwachung thematisiert, wendet sich die Ausstellung der Kunstbibliothek Das Feld hat Augen. Bilder des überwachenden Blicks der Geschichte zu und fragt nach dem besonderen Unbehagen, das religiös wie politisch motivierte Überwachung stets auslöste.

February 02 2017

CfP für Sammelband “Surveillance, Race, Culture”

Liebe Kollegen,

über den Newsletter der British Association for American Studies bin ich auf folgenden Call for Papers für einen Sammelband mit dem Titel “Surveillance, Race, Culture” aufmerksam geworden. Vielleicht ist er ja für jemanden interessant:

Surveillance, Race, Culture
Call for Papers

Dr Susan Flynn, University of Arts, London. s.flynn@lcc.arts.ac.uk
Dr Antonia Mackay, Oxford Brookes University Oxford.
antoniamackay@brookes.ac.uk

Drawing on huge interest in the upcoming collection Spaces of Surveillance: States and Selves which is currently in press this new collection seeks to merge cultural explorations of surveillance with the issue of race. We wish to examine how culture produces or reproduces power relations via the surveillant technologies which have captured the cultural imagination. Through a critical reading of contemporary and historic narratives of race and surveillance, we seek to illustrate the ongoing cultural fascination with technologies of control and surveillance.

The current global moment is one of extreme cultural upheaval; political populism, the ‘alt right’ and the greatest movement of peoples since World War 2 are coupled with the increasing salience of surveillant technologies and regimes. At this juncture in history, with exclusionary policies, increasing racism and growing xenophobia, the matter of race and its representation demand critical attention.

Some would argue that to discuss race is to construct it as a category, to collude in the biological myth of race. If whiteness is an ‘unmarked’ category, as some would suggest, how is surveillance complicit in the marking of race? We seek to examine how media and culture engage with surveillant technologies to represent race, to create a culture of differentiation. We are interested in all forms of surveillance; from wearable tech and health monitoring systems to wide scale population monitoring, biometrics and cybersecurity. We wish to examine all forms of cultural production which engage or have engaged with the topics of race and surveillance in culture; literature, poetry, painting, sculpture, photography, film and TV.

By examining perspectives on the issue of race and its surveillance in popular cultural products, Surveillance, Race, Culture seeks to attend to the politics of representation and the cultural encroachment of surveillance on racial identity. Considering the salience of surveillance in society, we seek to examine the manner in which race is pitted as a critical category of differentiation. We endeavor to look both backwards and forwards, elucidating a timeline of how race has been culturally understood, represented, and surveilled.

We seek original perspectives on the subject of cultural production, both historic and contemporary as well as visions of our cultural future. We are particularly interested in Western and American representations of race and the manner in which it is categorized. From Birth of a Nation (Griffith: 1915) to current divisive political rhetoric, literature, artistic and screen depictions of race and race studies, this collection wishes to explore the manner in which surveillance apparently allows us to see, categorize and measure race in cultural productions.

Topics may include (but are not limited to):
• Racial profiling and surveillance in popular culture
• Surveillance’s part in the production of the racial ‘other’
• 9/11, homeland security and racial monitoring in popular media
• Surveillance of race activists in narratives/biographies
• Screen representations of racial monitoring during migration or warfare
• Film, TV, and documentary narratives of race and surveillance
• Literature, poetry and creative narratives of race and surveillance
• Art which engages in issues of race, surveillance and profiling
• Cultural representations of the NSA’s surveillance of race
• Racialized security surveillance in popular narratives

The editors request that potential contributors send an abstract of no more than 400 words, explaining the scope of their paper, by March 10th. Please provide up to 5 keywords and use the subject line Surveillance, Race, Culture. Please also include a brief biographical note of no more than 300 words. Contributors will be notified by March 30th. Full papers will be requested on or before July 15th.

February 01 2017

Hinweis: Radiofeature zu Netzen & Netzwerken

Am kommenden Sonntag läuft um 20:05 Uhr in der Sendung Freistil im Deutschlandfunk das Radiofeature Ins Netz gegangen: Von Verstrickungen und Freiheiten (Autorin: Bettina Mittelstraß). Das thematische Spektrum umfasst alles, was “Netz” ist, unter anderem wurden der Kulturwissenschaftler Sebastian Gießmann und ich selbst (ich: zur Vorratsdatenspeicherung) interviewt. Das Ergebnis kenne ich noch nicht (hoffentlich wurde ich nicht rausgeschnitten…), bin aber gespannt!

Vernetzung und Netzwerke sind die Stichworte der Stunde und der Raum, den Maschen, Knoten, Systeme und Verbindungen begrenzen, wird dichter und enger. Nichts darf entrinnen, niemand durchfallen – keine Beute, kein Verbrecher, kein Nutzer, kein Gedanke, kein Sozialfall. Und ist man einmal drin in der filigranen Struktur, führen Selbstbefreiungsversuche meist zu noch größeren Verstrickungen.

January 31 2017

Preisverleihung und Lecture 2017

Am 27.1. 2017 wurden in Hamburg die Surveillance Studies Preise vergeben. Sie gingen in diesem Jahr an die Journalistin Sarah Kriesche, Wien (Journalistinnenpreis) sowie an die beiden Nachwuchswissenschaftler Max Gedig, München und Kai Denker, Darmstadt.

Die Laudatio auf Sarah Kriesche hielt der Medienwissenschaftler Dr. Dietmar Kammerer (Marburg), die wir hier im Wortlaut dokumentieren. Die Surveillance Studies Lecture wurde von Prof. Dr. Birgit Däwes gehalten (die Präsentation folgt in Kürze).

Laudatio

Reden wir von Überwachung, so reden wir darüber meistens mit Blick auf eine paradoxe Zukunft. Eine Zukunft, die demnächst eintreten wird, eine Zukunft, die unser Leben im Hier und Jetzt bereits massiv verändert, eine Zukunft, die eingetreten sein wird, in einem unaufhaltsamen Futur II: die Überwachung wird sich durchgesetzt haben. Paradox oder selbstwidersprüchlich ist diese Rede über Zukunft insofern, als sie nicht mehr das Versprechen einer Offenheit enthält, einer Alternative, die zeigt, dass es auch ganz anders kommen kann. Überwachung wird sein und sie ist „schon da“, und alle Gegenmaßnahmen sind ihr gegenüber zu spät.

Was aber geschieht, wenn wir den Blick in die Vergangenheit richten? Ich zitiere aus einem Artikel einer US-amerikanischen Tageszeitung:

„Durch diese Technik haben alle Wände Ohren bekommen. Von nun an ist keine Unterhaltung mehr sicher, es sei denn, man führt sie in der Wüste oder man verständigt sich mit Hilfe der Gebärdensprache. […] Was wird nun aus unseren Geheimnissen? Überall warten Spionagegeräte nur darauf, unsere vertraulichen Gespräche zu wiederholen, sie zu übertragen und aufzuzeichnen. Was können wir dagegen tun?“

Sie ahnen es. Das Datum dieses Textes ist der Mai 1878 und der anonyme Autor bezieht seine Warnung oder Beschwerde auf die damals jüngste Erfindung von Thomas Alva Edison: den Phonographen oder „Stimmaufzeichner“, den Edison eigentlich als Diktiergerät für geschäftliche Korrespondenzen entwickelt hatte.

Techniken der Überwachung, die Warnungen davor und der Widerstand dagegen, sind keine Phänomene, die nur der Gegenwart zuzurechnen wären. Das ist die erste Lektion des Radiofeatures „Zeitreise Überwachung“ der Journalistin Sarah Kriesche. Auf eine zweite Lektion werde ich gleich zurück kommen.

In ihrem Feature nimmt Sarah Kriesche, begleitet von einigen HistorikerInnen und dem AK Vorrat, uns mit auf eine ganz besondere Stadtführung durch Wien. Nicht das barocke oder romantische Wien, nicht die malerischen Fassaden und verwinkelten Gässchen des Ersten Bezirks werden hier vorgestellt. Sondern die unscheinbaren Orte und die weniger bekannten Geschichten einer Stadt unter Überwachung. Der Ballhausplatz, einst Wohnsitz des Fürsten Metternich, ist eine der Stationen, ebenso das längst abgerissene Hotel Metropol, Leitstelle der Wiener Gestapo.

Gegenwart und Vergangenheit spiegeln sich auf diesem Rundgang. Wir erfahren, dass Gesundheitsdaten nicht erst durch elektronische Fitnessbänder, sondern im 17. Jahrhundert schon an den Stadttoren Wiens zum Schutz vor der Pest erhoben wurden. Wir lernen, dass nicht erst die NSA umfangreiche Programme zur Bespitzelung ausländischer Spitzenpolitiker entwickelt und durchgeführt hat. Schon auf dem Wiener Kongress 1814 waren Diplomaten vor den Lauschangriffen des Fürsten Metternich nicht gefeit. Aus Angst vor revolutionärem Gedankengut organisierte Metternich ebenso die massenhafte Überwachung schriftlicher Kommunikation, in so genannten „schwarzen Kabinetten“, in denen Briefe geöffnet, gelesen und wieder versiegelt wurden. Heute heißen diese Kabinette Cloud-Server und die Suche nach verdächtigen Bgriffen oder „Selektoren“ geschieht automatisch. Wiener Hausmeister arbeiteten nicht nur im Auftrag des Hauseigentümers, sondern kooperierten bereitwillig mit der Polizei. Heute tauft der britische Geheimdienst eines seiner Spähprogramme „Royal Concierge“.

Wir erfahren aber auch, und das ist die zweite Lektion, dass Widerstand immer möglich und wirklich war. Kein Spitzel und kein Zensor der Habsburger hat die Märzrevolution vorhergesehen. Noch im Gefängnis konnten Insassen Schriften gegen die Machthaber verfassen. Und selbst wenn dies nur ein schwacher Trost ist: Auch die Besitzer des Hotel Metropol konnten die Flut an eingehenden Informationen irgendwann nicht mehr bewältigen.

Der Blick zurück führt hier also nicht zu Resignation oder Indifferenz, zu einem: Das hat es immer schon gegeben. Sondern schärft unseren Blick nach vorn, macht deutlich, dass Geschichte immer dynamisch, unvorhersehbar und offen ist. Und er erinnert uns daran, dass wir es selbst sind, die unsere Zukunft in der Hand haben.

Die Jury setzte sich in diesem Jahr zusammen aus: Annette Hillebrand, Volker Lilienthal, Adrian Lobe, Anne Roth, Peter Schaar, Nils Zurawski und mir selbst. Für Ihren Beitrag „Zeitreise Überwachung“, das am am 26. Juni 2016 auf Ö1 erstmals ausgestrahlt wurde, verleihen wir den Surveillance Studies Journalistinnenpreis 2017 an Sarah Kriesche.

January 25 2017

ARTE: Im Rausch der Daten

Am Dienstag, 14.2. zeigt Arte die Dokumentation Im Rausch der Daten (Democracy) von David Bernet. Begleitend dazu hat der Sender eine Website online gestellt, die die Risiken des Datensammelns in verschiedenen Bereichen (Smart Homes, Gesundheit; Geheimdienste; Social Media u.a.) veranschaulichen soll. Bunt, interaktiv und mit blauen Datenkraken.

January 24 2017

Programm: Preisverleihung 27.1.2017

Programm der Preisverleihung des Surveillance Studies Preis 2017

27. Januar 2017
Universität Hamburg, ESA West #221.
Edmund-Siemers-Allee 1

Beginn: 18.30 Uhr

Begrüßung Dr. habil. Nils Zurawski

Laudatio Journalistenpreis: Dr. Dietmar Kammerer, Universität Marburg

Preisübergabe an Sarah Kriesche, Wien

Laudatio Publikationspreis: Dr. habil. Nils Zurawski

Preisübergabe an Kai Denker, Darmstadt und Max Gedig, München

Surveillance Studies Lecture 2017

Prof. Dr. Birgit Däwes, Universität Flensburg:Pattern Recognition: Seeing, Security, and Historical Continuities in American Surveillance Culture”

anschließend Fragen und Diskussion

Ende gegen 20.30 Uhr

Mehr Infos zu den Preisträgern und dem Preis

January 17 2017

Habilschrift zu Raum und Überwachung online

00000972_000Meine 2014 erschienene Habilschrift Raum – Kontrolle – Weltbild. Raumvorstellungen als Grundlage gesellschaftlicher Ordnung und ihrer Überwachung ist als open access-Publikation nun online verfügbar.

Sie ist unter einer Creative Commons Lizenz erhältlich. Creative Commons Lizenzvertrag

Zu dieser Lizenz hier noch ein paar Gedanken.

 

January 12 2017

Rezension: Order and Conflict in Public Space

Rezension: zusammen mit   Criminologia-LogoKopie

Mattias De Backer, Lucas Melgaço, Georgiana Varna, Francesca Menichelli (Hrsg.): Order and Conflict in Public Space. London-New York (Routledge) 2016.

von Aldo Legnaro, Köln

Was den öffentlichen Raum ausmacht (und ob überhaupt ein einheitlicher Begriff genügt, unter den sich die heutige Vielfalt von öffentlichen, quasi-öffentlichen und semi-öffentlichen Räumen subsumieren ließe), ist gar nicht so eindeutig zu fassen. Als entscheidendes Kriterium wird zwar übereinstimmend die Zugänglichkeit genannt, doch eben diese Zugänglichkeit erscheint zunehmend als gefährdet: durch Privatisierung und Kommerzialisierung des Raumes, was Kontrolle(n), die Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen und damit eine soziale Homogenisierung mit sich bringt. Das wirft Fragen auf „about norms and transgression, about liberty and control, about belonging and exclusion. And about dominant discourses informing our judgment on these matters.“ (S. 1) So steht im Mittelpunkt des Bandes denn auch die Frage nach der durch solche Raumbestimmungen und -anordnungen repräsentierten politischen und gesellschaftlichen Ordnung: „So the key question is who benefits from a certain definition of order and what power dynamics are involved in its formulation, its upholding and its policing“ (S. 4), was die Definition von Marginalität und den Umgang damit ebenso wie die Spielarten der „urban manifestation of capitalism“ (S. 3) umgreift.

Den ersten Teil – „Spaces of Control“ – beginnt Jon Coaffee mit einer Darstellung der Olympischen Spiele von London (Sommer 2012) und den folgenden von Sotchi (Winter 2014) und Rio de Janeiro (Sommer 2016). Das bietet einen aufschlussreichen Vergleich, denn damit stehen drei Orte mit sehr unterschiedlichen Sicherheitsproblemen in zudem völlig unterschiedlichem politischem Umfeld im Mittelpunkt. In London versuchte man ein „planning for the worst“ und konnte dabei auf eine über Jahre gewachsene Sicherheits-Infrastruktur zurückgreifen, investierte aber zusätzlich eine Milliarde £. Coaffee kennzeichnet die Entwicklungen als „hyper-carceral processes“ (S. 22), die eine exzeptionelle Militarisierung bei der Kontrolle des öffentlichen Raumes mit sich brachten. Vielfältiger Widerspruch – etwa eine Klage gegen die Aufstellung von Raketen in einem Wohngebiet – blieb allerdings ohne Erfolg. Die Frage „Whose Games? Whose City?“, die eine Demonstration aufwarf, beantwortet sich allerdings bündig, denn nicht nur das Publikum unterlag der Kontrolle, sondern auch die Werbung: nur Sponsoren durften im olympischen Areal werben, und BesucherInnen war es nicht gestattet, augenfällige Zeichen anderer Marken zu tragen. Viele der Sicherheitsvorkehrungen blieben nach den Spielen erhalten, was die Londoner Spiele zu einem Muster urbaner Sekurisitierung macht: „security legacy“ (S. 24) bleibt dann übrig, wenn sich die üblicherweise gemachten Versprechungen urbaner Regeneration nicht erfüllen. Immerhin durfte man in London in der Stadt demonstrieren. Das war in Sotchi anders; ursprünglich waren Demonstrationen innerhalb der kontrollierten olympischen Zonen verboten, doch erlaubte man sie nach Protesten – bei begrenzten TeilnehmerInnenzahlen – in einem speziell dafür ausgewiesenen Areal, der „protest zone“, die ca. 12 km vom nächsten olympischen Areal entfernt war. Die militärischen Sicherungen – Raketenabwehrsysteme, Stationierung von Kriegsschiffen in der Nähe, eingeschränkter Luftraum, Checkpoints mit Geräten zur Aufspürung von explosivem und radioaktivem Material, herumschwirrende Drohnen, fahrbare Roboter zur Entdeckung von Bomben – waren eher noch elaborierter als in London, und strengere Grenzkontrollen, CCTV und ein Profiling der Passagiere am Flughafen verstehen sich dann geradezu von selbst. Sotchi war von einem „ring of steel“ umgeben, der sich 40 km ins Land hinein und 100 km entlang der Schwarzmeer-Küste erstreckte, mit bewaffneten Kontrollpunkten an den Zugängen. Kein Wunder, dass ein Anwohner bemerkte, die Gegend habe sich in „a sort of concentration camp“ (S. 28) verwandelt. Die Sicherheitsarchitektur in Rio de Janeiro hingegen fiel etwas ziviler aus, denn die Ängste bezogen sich eher auf die enorm hohe Mordrate und Diebstähle. Dementsprechend dominierten kriminalpräventive und pazifizierende Maßnahmen, nicht zuletzt der Ausbau einer vorher schon dichten Videoüberwachung. Solche Pazifizierung bringt allerdings Verdrängung der Armen und Gentrifizierung mit sich. Insgesamt stellt Coaffee fest, dass Sicherheit inzwischen ein Argument bei der Bewerbung um Spiele geworden ist. Die einschlägigen Maßnahmen werden von einem Publikum bezahlt, das von einer Teilnahme weitgehend ausgeschlossen bleibt, und „hypercarceral ‘spaces of exception’ become the default option” (S. 31). Das belegt er hier vielfältig, wenngleich sein Text von ethnografischer Forschung wenig merken lässt und vor allem aus Fakten und Mediennotizen besteht. Aber schon das liefert ein komplexes Bild, das die mangelnde Olympia-Begeisterung in deutschen Städten sehr nachvollziehbar macht.

Vom temporär Exzeptionellen zu einer permanenten urbanen Verfassung führt der Aufsatz von Nelson Arteaga Boello über das Hochhaus Reforma 222 in Mexico City. Neben anderen wurde es im Zuge eines Revitalisierungsprogramms für die Innenstadt erbaut, bei dem sich Aspekte von Gentrifizierung und Sekuritisierung verbanden. So ist Reforma 222 ein Komplex zweier schlanker Hochhäuser mit Büros, Wohnungen und einer integrierten Shopping Mall, die sich zur städtischen Umgebung hin öffnet: „Reforma 222‘s most significant innovation ist that it creates the sense of continuity between the building and the street.“ (S. 49) Das schafft eine Illusion allgemeiner Zugänglichkeit, während tatsächlich eine strikte, durch Videoüberwachung hergestellte Kontrolle des Publikums besteht und die Häuser als eine vertikale Insel konstituiert, was Vermeidung und Abwehr von Horizontalität zugleich bedeutet, gilt ‚die Straße‘ doch als gefährlich. So bildet Reforma 222 „a volumetric expression of an ideal lifestyle“ (S. 51). In welchem Ausmaß es sich hier um die architektonische Darstellung von Macht handelt, wird besonders deutlich an den Konflikten. So wurde der gesamte Komplex bei der schwulen und lesbischen Community als Treffpunkt schnell beliebt, während die Wachleute versuchten, jegliche Bekundung gleichgeschlechtlicher Zuneigung zu verhindern. Immerhin hatte Protest Erfolg, und die Betreiber entschuldigten sich öffentlich. Jugendliche „reggaetoneros“ (Anhänger eines Musikstils aus Reggae, Hip-Hop und karibischen Einflüssen) wurden dagegen im Haus gejagt und ihr weiterer Zutritt verhindert. Der ‚Einbruch‘ des Horizontalen in die vertikalen Strukturen von Macht konstituiert somit ein hier aufschlussreich beleuchtetes Spannungsverhältnis, wenngleich die beschriebenen Symboliken, Kontrolltechniken und Konflikte sich auch in vielen ganz horizontal angelegten Shopping Malls beobachten lassen. Zudem wäre zu ergänzen, dass die Vertikale als Distinktionsmerkmal eine mittelalterliche europäische Erfindung bildet – die Geschlechtertürme in San Gimignano zeugen davon. Ein solcher historischer Rückblick erlaubt auch, die Macht-Symbolik heutiger Hochhäuser als Indiz einer Neo-Feudalisierung zu lesen. So stellt diese Einzelfallstudie eine Erweiterung des Blicks dar, ohne gänzlich neue Kontrollstrukturen erkennen zu lassen.

Diese liefert Antonin Margier mit einem Blick auf post-punitive Regulationen in einem Wohnviertel von Montreal. Er legt eine Unterscheidung nach home (als Wohnung) und dwelling (als Zuhause-Sein in der Wohnumgebung) zugrunde und zeigt, dass auch Obdachlose (hier Urbevölkerung aus dem Norden Kanadas) Empfindungen von dwelling mit Örtlichkeiten verbinden, an denen sie sich aufhalten und ihresgleichen treffen. Das kollidiert allerdings mit den Wünschen und Bedürfnissen der AnwohnerInnen, die den öffentlichen Raum „as residential and familiar spaces between home and the wider city“ (S. 71) betrachten und die Anwesenheit von Obdachlosen „as a threat to values of community and conviviality“ (S. 71) ansehen. Folgerichtig organisieren sie auf subtile Weise ihre Botschaft, dass Obdachlose unerwünscht sind: einen Wochenmarkt, Filmvorführungen auf einem Platz, Kindernachmittage, Bepflanzungsaktionen. Wenngleich Montreal auch punitive Regelungen kennt, etwa das Verbot, in Parks zu schlafen, sind solche Maßnahmen nicht punitiv im eigentlichen Sinne, denn den Obdachlosen ist der Aufenthalt nicht verboten, „but the transformation of public spaces displaces their sense of home and constitutes a denial of their right to the city.“ (S. 75) Das erinnert ein wenig an die bekannte Beschallung von Plätzen mit klassischer Musik, um Jugendliche fernzuhalten, und auch die Veränderungen von Stadtvierteln durch Gentrifizierung folgen – neben den ökonomischen Faktoren – einer ähnlichen Logik; neu allerdings ist, dass die AnwohnerInnen selbst solche Initiativen der ‚Rückeroberung‘ ergreifen. Auf welche Weise Versatzstücke einer Technologie der Macht von der Bevölkerung selbst konstituiert und exekutiert werden, macht dieses Beispiel somit sehr deutlich.

Die damit verbundenen Ambivalenzen beleuchten Nick Schuermans und Manfred Spocter. Am Beispiel eines Wohnviertels in Kapstadt gehen sie der Frage nach, warum BewohnerInnen die Konfrontation mit Armut vermeiden. Dieses Viertel – vorrangig von weißer Mittelschicht mit überdurchschnittlichem Einkommen bewohnt – ist zwar nicht in sich abgeschlossen, aber viele EigentümerInnen haben Mauern oder Zäune um ihr Haus errichtet, und die Haustüre ist selten ohne weiteres zugänglich. Daneben gibt es auch diverse Sicherheitsinitiativen und regelmäßige bürgerschaftliche Patrouillen, die mit der hohen Kriminalitätsbelastung begründet werden, die in Südafrika tatsächlich ein großes Problem bildet. Doch es geht nicht einzig um Kriminalität: die Fortifikationen des eigenen Hauses sollen ebenfalls den Kontakt mit ‚unerwünschten Personen‘ (Obdachlosen und Bettlern) verhindern, deren Anwesenheit als Gefahr für den Wert der Immobilien gesehen wird. Daneben wirkt die Sichtbarkeit von Armut als eine psychologische Herausforderung, die die eigene ökonomisch und sozial privilegierte Situation vor Augen führt, was von manchen als unangenehm enpfunden wird. Obdachlose und Bettler sind „a constant reminder of the fact that privileged lifestyles […] are actually rather exceptional and maybe even misplaced […] While some residents valued the everyday encounters with underprivileged people precisely because of this reminder, many others preferred to ignore the rising inequalities in South Africa“ (S. 94) Während diese Erklärung auch für Europa zutreffen dürfte, kommt in Südafrika noch ein „desire to re-establish orderly places in which the integrity of the post-apartheid, white, middle class self is not threatened“ (S. 95) hinzu. Aber es gibt auch Ausnahmen, bei denen tägliche Interaktionen zu Akten der Solidarität führen, und der öffentliche Raum bildet somit gleichzeitig „places of exclusion and places of encounter“ (S. 96). Das beschreibt seine in der heutigen Stadt ambivalenten Charakteristika wohl nicht nur in Südafrika.

Ein eher eindeutiges Bild entwirft Pavel Posp?ch in seiner Analyse tschechischer Shopping Malls. Tschechien bietet das Beispiel eines mitteleuropäischen Transformationslandes, in dem solche Malls die alltägliche Stadterfahrung erheblich verändert haben. Ihre hier untersuchten Hausordnungen zeigen allerdings mit ihren langen Listen unerwünschten Verhaltens die vertrauten Merkmale präventiver Vorsicht: „everything that has the potential to get out of control […] is prohibited“ (S. 108). Dieser Kontrollaspekt ist ein wesentliches Argument, um Malls von ‚unsicheren‘ und ‚unordentlichen‘ Innenstädten abzugrenzen. Dabei verbieten die Hausordnungen nicht bestimmten BesucherInnen den Zutritt, sondern definieren lediglich stereotyp zugeschriebene Verhaltensweisen, die es erlauben, unerwünschte Individuen zu erkennen: das äußere Erscheinungsbild genügt, um jemanden als Obdachlosen zu bestimmen. Die Konsequenzen daraus müssen jedoch interaktiv ausgefüllt werden, und das schlecht bezahlte Sicherheitspersonal übt seinen Ermessensspielraum und also seine Macht unterschiedlich und manchmal auch liberal aus, sodass „one could say that the power of the institution […] is privatised by the security staff for their own benefit“ (S. 112). Davon können dann auch Obdachlose profitieren, auch wenn sie nicht dem Konsumtionsimperativ in Malls entsprechen. Dieser zielt bei Betonung des Familiären weitgehend auf Frauen, was allerdings gelangweilte Männer und schnell genervte Kinder mit sich bringt. Für erstere halten manche Malls einen „men‘s corner“ bereit, mit Kaffee und TV-Sportsendungen, für letztere betreute Spielplätze. Das löst das Problem des Nicht-Konsums bei einer ansonsten erwünschten Besuchergruppe, konstituiert die Familie jedoch auch als konsumistische Basiseinheit einer totalisierten Kommodifikation, was der Autor nicht erwähnt. Er betont jedoch, dass „defining the acceptable and the unacceptable is an act of power“ (S. 118), der durch den konstruierten Gegensatz zwischen Malls und Innenstädten unterstützt werde. Darin unterscheiden sich Malls in Tschechien dann allerdings nicht von denen im Westen.

Den zweiten Teil – „Spaces of Transgression“ – eröffnet Ilse van Liempt mit einer Analyse neuer Formen des Polizierens in der Night Time Economy von Utrecht und Rotterdam. Hier arbeiten Polizei und private Sicherheitsdienste, vor allem die Türsteher der Clubs, eng zusammen, und ein „collective pub-and-club ban“ sperrt auffällig Gewordene bis zu fünf Jahren für alle Einrichtungen. Da die Türsteher zur Datenbank keinen Zugang haben, erkennen sie die Betroffenen jedoch nicht unbedingt, was zu einer selektiven Anwendung führt und die Maßnahme als „punitive populism“ (S. 131) kennzeichnet. Die Kriterien, nach denen Türsteher den Zutritt verweigern, beruhen vor allem auf lokaler Kenntnis und eigenen Erfahrungen; Betrunkenheit – der Zweck des Besuchs – gilt dabei nicht unbedingt als problematisch, sondern Aggressivität. Hyper-Maskulinität ist denn auch ein wichtiges Selektionskriterium, ethnische Zugehörigkeit vor allem bei Marokkanern. Manche (als ‚links‘ bekannte) Clubs verpflichten ihre Türsteher jedoch darauf, keine ethnischen Diskriminierung zu betreiben: das stereotypisiert auch die Clubs und führt zu einer Selbst-Selektion des Publikums. Außerhalb sorgt CCTV für eine Beobachtung, die sich inzwischen vor allem auf Zeichen von Unordnung focussiert, wie Urinieren in der Öffentlichkeit und Handgreiflichkeiten. Daas belegt eine neuartige Form des Polizierens: „By reclaiming ‘civility’ and remoralising nightlife districts for a particular ‘responsible’ citizen, these new forms of governance reveal different ways of controlling public space than traditional ways of policing.“ (S. 135)

Obdachlosigkeit in Denver wird auf eine vergleichbare Weise reguliert, wie Sig Langegger und Stephen Koester zeigen. Es geht auch hier weniger um Kriminalisierung als um Raumkontrolle, die zudem auf vielerlei Behörden und Organisationen aufgeteilt ist. Es handelt sich also nicht um ein monolithisches System; vielmehr konzipieren die Autoren „neoliberalism in terms of splinters, as manifold processes fracturing along both jurisdictional and bureaucratic lines“ (S. 143), was sie „splintering neoliberalism“ (S. 144) nennen. „Petty sovereigns“ (ein Begriff von Butler) sind dabei wichtige Akteure. Denver ermöglicht ihnen ihre Beschwerdemacht durch das Verbot des Zeltens in der Stadt, was Obdachlose zu ruheloser Bewegung zwingt und Eigentum vor der Bedrohung schützen, die sichtbare Obdachlosigkeit offenbar bildet. Kriminalität spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Die Unterschiedlichkeit der Regeln – manche zeitlich, manche örtlich – bewirkt, dass „citizenship in the neoliberal city splinters along property boundaries, individual rights, and the enforcement strategies of petty sovereigns. Not internalized within one‘s ability to consume, rights to the city reside in one‘s relation to property“ (S. 154). So zutreffend da ist, so überzeugt die Grundidee eines in sich zersplitterten Neoliberalismus nicht so recht, zeigen doch alle Splitter in dieselbe Richtung und sortieren sich in Richtung eines ideologischen Magneten, der – bei aller beobachtbaren Differenzierung – Einheitlichkeit herstellt.

Raumkontrolle in Aberdeen am Beispiel einer jugendlichen Autokultur beleuchtet Karen Lumsden. Der innerstädtische Beach Boulevard ist ein beliebter Treffpunkt von „boy racers“, die sich hier ihre Autos vorführen und Rennen fahren. Da dieser Bereich zentral für städtische Revitalisierung ist und sich inzwischen hier hochpreisige Wohnungen finden, entspinnen sich seit den 1990-er Jahren Konflikte zwischen den Anwohnenden und den Racers. Die Politik versuchte eine Vielfalt von Maßnahmen, die von Polizeikontrollen, CCTV und Platzverweisen bis zum Angebot eines alternativen Treffpunkts reichten. Die Jugendlichen verhandelten aber auch mit der Polizei und bemühten sich um ein eigenverantwortliches Polizieren. Lumsden stellt die Entwicklung vor dem Hintergrund der Lefebvre‘schen Dreigestaltigkeit des sozial produzierten Raumes dar, wodurch deutlich wird, dass die Konflikte zwischen den Jugendlichen und der um ihre Ruhe besorgte Anwohnenden nicht nur auf eine unterschiedliche Nutzung, sondern nicht zuletzt auch auf unterschiedliche symbolische Bedeutungen des Raumes zurückgehen.

Auch eine geteilte Symbolik des Raumes schützt nicht vor Konflikten, wie Lucy Jackson und Gill Valentine mit ihrer Analyse der Auseinandersetzungen um Abtreibung in Großbritannien zeigen. Organisierte GegnerInnen von Abtreibung postieren sich mit abschreckenden Plakaten gerne in die Nähe von einschlägigen Kliniken, deren Beschäftigte ihnen das Recht auf freie Meinungsäußerung durchaus zugestehen, jedoch für eine Schutzzone um die Kliniken werben. Was der ‚richtige‘ Platz für diesen Protest ist und ob die konfrontativ wirkenden Fotos von zerstückelten Föten, die viele als abstoßend empfinden, eine öffentliche Form der Devianz bilden, bleibt sehr umstritten. Es gibt offenbar „different ‘levels of acceptability’ depending of what the subject of the vigil is“ (S. 201), und die Darstellung von Abtreibung im öffentlichen Raum ist für viele nicht akzeptabel, aber: „If campaigns are to have a real impact […] should they not push the social and moral boundaries of acceptability in public space“? (S. 201) – eine offene Frage, die das Niveau von Toleranz für minoritäre Meinungsäußerungen umschreibt.

Zwei Essays beschließen den Band. Keith Hayward konstatiert eine Diversifizierung der kriminologischen Forschungen zum Raum und seiner theoretischen Bestimmungen; „what is most evident is their shared concern with specificity, granularity, and detail“ (S. 208). Die Betonung von Identitätspolitiken habe jedoch dazu geführt, dass vielen die Vorstellung einer kollektiv geteilten öffentlichen Solidarität als ein überholtes Relikt vergangener Zeiten gelte, was oft zu einem anti-etatistischen Denken führe. Der öffentliche Raum werde aber nicht von einem monolithischen Staatsgebilde kontrolliert, sondern „by a more diverse alliance of (neoliberal) forces comprised of institutions and actors with different intentionality“ (S. 213). In diesem Sinne müsse die Forschung politisch nuanciert sein und etwa teilnehmende Beobachtung und quantitative geografische Informationssysteme miteinander verbinden, um versteckte Geometrien der Macht aufdecken und alternative Kriminalitätskarten herstellen zu können. Diesem pragmatischen Forschungsprogramm stellt Myriam Houssay-Holzschuch eine aktivistische Sichtweise zur Seite. Sie stellt fest, dass „public space has the character of a Western myth“ (S. 216) und als ein Narrativ dieser Gesellschaften funktioniert habe, wenngleich der politische, soziale und juristische öffentliche Raum sich nicht oft überlappe. Und ‚public‘ sei zudem ein staatszentrierter Begriff, was die Frage aufwerfe, wessen Ordnung aufrecht erhalten werden solle. Das Beispiel der Demonstrationen in Frankreich nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo, an denen sich vier Millionen Menschen beteiligten, zeige, dass es dabei keineswegs um ein Signal der nationalen Einheit gegangen sei; „the actual strength of the January demonstrations lay in the possibility to express dissent, conflicting and diverse identities and in so doing, making space common.“ (S. 219) Woraus folgt: „we should reintroduce differences, looseness, unpredictability and, well, a bit of chaos into urban space.“ (S. 219) Das klingt für dieses eine Beispiel höchst plausibel, fraglich aber, ob es immer übertragbar sein kann.

Insgesamt ist dies ein klug konzipierter und durch seine globale Ausrichtung höchst informativer Band. Ein deutsches Beispiel vermisst man nicht, denn es hätte keine neuartige Facette beigetragen; interessant wäre allerdings eine Falldarstellung aus Indien gewesen, die möglicherweise zusätzliche Akzente gesetzt hätte. Denn wenn sich etwas aus den präsentierten Beispielen lernen lässt, dann ist es ein Phänomen, das sich als Glokalisierung der Sekuritisierung kennzeichnen ließe, als die Implementierung lokaler Verfahrensweisen zur Durchsetzung global weitgehend identischer Vorstellungen von Ordnung und Kontrolle. Zwar werden trotz der gelegentlichen Übertheoretisierung der Beiträge die zugrunde liegenden ökonomischen und soziokulturellen Prozesse oft nur gestreift, doch überstiege das auch die Reichweite dieses empfehlenswerten Bandes.

Aldo Legnaro, Köln

January 09 2017

Zygmunt Bauman 1925-2017

Der Soziologe Zygmunt Bauman ist tot.

Neben seinen Analysen der Moderne/Postmoderne hat er auch wichtige Stichworte für die Forschung und Diskussion zu Überwachung geliefert, zuletzt zusammen mit DAvid Lyon in dem Buch: Liquid Surveillance (deutsch: Daten, Drohnen, Disziplin).

Einen kurzen Abriss zu seinem Leben gibt es z.B. bei Zeit Online.

Bei bei SWR2 vom 13.11.2015 kann man einen Beitrag zu Zygmunt Baumans Kritik der Moderne hören (und lesen): In der Ego-Falle.

Hören und sehen kann man ihn auf der re:publica.

July 09 2015

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July 07 2015

Kunstprojekt: Videoüberwachung als urbane Infektion

Wie ein ansteckende Hautkrankheit breiten sich Videokameras an Hauswänden, unter Brücken, an Parkhäusern und sogar am Meer aus: Unter dem Projektnamen “Nest” installiert der tschechische Künstler Jakub Geltner Kameras an öffentlichen Orten.

Rezension: Das Knast-Dilemma

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Bernd Maelicke: Das Knast-Dilemma. Wegsperren oder resozialisieren? Eine Streitschrift. C. Bertelsmann 2015.

von Sebastian Scheerer, Hamburg

July 06 2015

Interview mit Jacob Appelbaum

Von der Konferenz des Netzwerk Recherche gibt es dieses Interview mit dem Autoren, Hacker und Journalisten Jacob Appelbaum: „There is no safety if you want to do good work“.

Es geht um Datenschutz und die Massenüberwachung der Bürger….

June 24 2015

In the Facebook Aquarium

The Resistible Rise of Anarcho-Capitalism, Ippolita

As users of social media we have willingly submitted to a vast social, economic and cultural experiment. By critically examining the theories of Californian right-libertarians, Ippolita show the thread connecting Facebook to the European Pirate Parties, WikiLeaks and beyond.

June 23 2015

Rezension: ANT and Crime Studies

Rezension: zusammen mit   Criminologia-LogoKopie

Dominique Robert, Martin Dufresne (Hg.): Actor-Network Theory and Crime Studies: Explorations in Science and Technology. Farnham/Burlington: Ashgate, 2015.

von Simon Egbert, Hamburg

Mit ihrem kürzlich veröffentlichten Sammelband ‚Actor-Network Theory and Crime Studies : Explorations in Science and Technology’ schicken sich die  Herausgeber_innen Dominique Robert und Martin Dufresne, Kriminologin bzw. Kriminologe an der Universität von Ottawa (Kanada), an, eine der wichtigsten theoretischen Leerstellen der gegenwärtigen Kriminologie zu schließen: die Integration der Science and Technology Studies – wohlgemerkt: am alleinigen Beispiel der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) – in die (kritisch-)kriminologische Diskussion. Ebenso überfällig wie folgerichtig (nicht nur wenn man die enorme Rezeption seiner Werke in der Soziologie als Referenz nimmt) ist es ausgemachtes Ziel des Werkes, die intellektuellen Herausforderungen (vor allem) von Bruno Latour und die von ihm wesentlich mitgeprägte ANT für die kritische Kriminologie fruchtbar zu machen. Das analytische Potenzial der ANT sehen sie vor allem in drei ihrer Prinzipien: 1) In deren Betonung der Performativität des Sozialen, 2) in ihrer antihumanistischen bzw. artefaktemanzipativen Stoßrichtung und 3) in deren Fokussierung von menschlichen und nicht-menschlichen Aktanten als relationale Entitäten, also in der assoziationssoziologischen Lesart der ANT (1).

Obgleich die bisherigen Versuche, die Science and Technology Studies in kriminologische Argumentationslinien zu integrieren, noch nicht als zahlreich zu bezeichnen sind und mit Sheila Brown‘s Aufsatz ‚The Criminology of Hybrids‘ lediglich ein programmatischer Artikel existiert, muss das Line-Up der Autor_innen enttäuschen: lediglich Katja Franko Aas konnte als einschlägig bekannte Wissenschaftlerin zur Teilnahme gewonnen werden – für ein äußerst knapp gehaltenes Vorwort. Alleine aus den Surveillance Studies hätte es viele Autor_innen gegeben, die formidabel in den Kontext des vorliegenden Sammelbands gepasst und sicherlich gewinnbringend agiert hätten, indessen vergeblich gesucht werden (um nur einige zu nennen: David Lyon, Irma van der Ploeg, Clive Norris, Daniel Neyland, Richard Jones). Die im Werk versammelten Verfasser_innen sind demgegenüber weitgehend unbekannt (in der Mehrheit aus dem frankophonen Raum) und bislang nicht einschlägig in Erscheinung getreten, was zugegebenermaßen für die Qualität des Bandes selbst zunächst nicht zwingend Voraussetzung ist. Allerdings fehlt es gerade deshalb auch an programmatischer Reichweite und nur wenige Beiträge kommen über die Beschreibung von spezifischen Fallstudien hinaus. Neben dem Vorwort von Aas und der Einleitung von Robert/Dufresne finden sich insgesamt neun inhaltlich-analytische Aufsätze, die – und das ist eine wesentliche Stärke des Buchs, sehr unterschiedliche Aspekte der durchaus recht voluminösen ANT Latourscher Prägung aufnehmen und für die Kriminologie konstruktiv nutzbar zu machen versuchen. Dabei ist ist das Buch in drei „reading keys“ (sie sollen explizit nicht als Abschnitte verstanden werden) (3) unterteilt: der relationale Ansatz (dazu werden die Beiträge von Douillet/Dumoulin, Lam, Moreau de Bellaing und Demant/Dilkes-Frayne gezählt), die Interaktion zwischen Menschen und Nicht-Menschen (Moore/Singh, Moreau de Bellaing, Douillet/Dumoulin, Demant/Dilkes-Frayne) und die Produktion von Fakten und Wissenschaft (Dufresne, Mopas, Robert/Dufresne, Moore, Renard, Lam, Demant/Dilkes-Frayne).

Von Aas‘ Vorwort hätte man sich, wenn man ihre doch zahlreichen einschlägigen Aufsätze als Referenz nimmt, deutlich mehr erwartet: Auch für ein Vorwort, dessen genuine Aufgabe ja keine analytische ist, ist der inhaltliche Gehalt ziemlich dünn, und die kurze thematische Kontextualisierung, die wiederum u.a. als Kernaufgabe eines solchen Vorworts verstanden werden kann, die sie vollzieht, greift m. E. zu kurz. Bezeichnend ist, dass sie den bereits oben genannten Beitrag von Brown, immerhin der bisher einzig programmatische zum Thema, gänzlich unerwähnt lässt. Auch ohne diesen Verweis kommt sie aber zu dem völlig korrekten Schluss, dass die Kriminologie die ANT viel zu lange vernachlässigt hat und letztere darüber hinaus eine theoretische Herausforderung für erstere darstellt (ix). In diesem Zusammenhang hätte man sich einen Hinweis insbesondere auf den Labeling Approach gewünscht, der mit den auch als postkonstruktivistisch bezeichneten Überlegungen Latours erhebliche Differenzen aufweist und bereits in seinen Grundfesten mit diesen im diametralen Gegensatz steht (Stichwort: Chicken Debate). Wichtig ist auch Aas‘ Hinweis auf die Dringlichkeit der Integration der ANT auf Grund der zunehmenden technischen Mediatisierung gesellschaftlicher Wirklichkeit (x). Dies gilt auch für ihren treffenden Verweis auf kontemporäre Politiken der Sicherheit, die mit ihren präemptiven Rationalitäten auf den Rückgriff auf technologische Verfahren dringend angewiesen sind und von diesen präformiert werden (xi).

Das einleitende Kapitel von Robert und Dufresne kann den Worten von Aas, abgesehen von der Darstellung der inhaltlichen Strukturierung des Bandes, wenig hinzufügen: Auch sie betonen die dringende Notwendigkeit, die ANT in kriminologische Debatten zu integrieren; auch sie betonen, dass die Integration längst überfällig sei (1); auch sie beschreiben die genuin soziotechnische Verfasstheit gegenwärtiger Sicherheitspolitiken (2). Allerdings bieten sie im Gegensatz zu Aas eine prägnante und durchaus treffende Übersicht über die Kernthesen von Latour die oben bereits vorgestellt wurden.

Die Studie von Jakob Demant und Ella Dilkes-Frayne fokussiert auf Strategien der situativen Kriminalprävention im Nachtleben und die These, dass die ANT eine fruchtbare Ergänzung zur Analyse des Zusammenhangs zwischen Situation, Kriminalität und Präventionsmaßnahmen, am Beispiel Drogenkonsum und Gewalt im Nachtleben, darstellt. Dabei schauen sie sich einerseits die Nutzung von Drogenspürhunden bei einem Musikfestival an, andererseits die Zutrittsregulierung in Nachtklubs per Türsteher („doorwork“) (6). Sie kommen zu dem nachvollziehbaren und adäquaten Schluss, dass das bisherige theoretische Fundament der situativen Kriminalprävention unfähig ist, den komplexen Charakter der Herstellung und Reaktualisierung von Situationen und deren Einfluss auf die Weiterentwicklung der entsprechend situativ verhandelten Elemente zu erkennen (16). Die ANT, so schließen sie, würde den flexiblen Charakter der beteiligten Entitäten (menschlich wie nicht-menschlich) betonen, die Wichtigkeit der situativ konstituierten Zusammensetzung („assembling“) und damit die Beziehung zwischen den Entitäten hervorheben, was sie als geeignetere theoretische Basis für Ansätze situativer Kriminalprävention ausweist als die Rational Choice-Theorie, die bis dato in diesen Zusammenhängen gemeinhin bemüht wird (16).

Der Beitrag von Anne-Cécile Douillet und Laurence Dumoulin versucht demgegenüber, die Vorteile der Nutzung der ANT im Rahmen der Analyse von CCTV-Maßnahmen aufzuzeigen. Um genauer zu sein geht es ihnen um die Frage nach den zugrunde liegenden Prozessen der Förderung der Nutzung und Ausweitung von CCTV-Systemen. Die ANT halten sie insbesondere mit Blick auf ihre frühen Studien, die der Innovationsforschung zuzurechnen sind (klassisch: Callon‘s Kammmuscheln in der Bucht von St. Brieuc, seine Studie zum Elektroauto oder auch Latour‘s Analyse von Aramis) (22). Ihre Untersuchung stellt sich konkret die Frage, auf welche Weise sich CCTV in Frankreich verbreitet hat. Dabei verstehen sie CCTV völlig zu Recht als „socio-technical system“, was impliziert, dass das technische Objekt nicht von den Interessensvertretern und -vertreterinnen, die es produzieren, unterstützen und kaufen, zu trennen ist (22). Dabei kommen sie zu dem überzeugenden Ergebnis, dass die ANT eine neue Perspektive für die Analyse von public policy bereitstellt, da auf diese Weise die Rolle von Objekten in der konkreten politischen Gestaltung nicht nur registriert, sondern auch zum analytischen Thema gemacht werden kann (31). Ferner macht es die ANT möglich, Objekte als nicht zwangsläufig neutral oder transparente Gegenstände zu sehen, die sich dem menschlichen Willen widerstandslos fügten: „(t)hey do frame action and activities“; they partly shape and constrain human action“ (31).

Martin Dufrense wagt sich ins Feld der biosozialen Kriminologie („biosocial criminology“) und macht unter Rückgriff auf die klassischen wissenschaftssoziologischen Arbeiten Latour’s und der in diesem Rahmen formulierten Soziologie der Übersetzung die gesellschaftlichen Praktiken hinter biokriminologischen, laborgebundenen Arbeiten zum Thema. Die Thesen letzterer versteht er grundlegend als rhetorische Angebote („propositions“), die in einem Prozess von Kontroverse und Akzeptanz verhandelt werden (37). Diese Forschungsstrategie exerziert er beispielhaft an der Theorie vulnerabler Gene („vulnerability gene hypothesis“), die von einem kausalen Zusammenhang zwischen Erbgut, Umgebung und individuellem Verhalten ausgeht (38). Dufresne‘s Ziel ist anhand dessen die Rekonstruktion der Transformation eines biologischen und gesellschaftlichen Gegenstand in ein wissenschaftliches Faktum („scientific fact“) (38). Im gelingt es überzeugend und anschaulich, einige der unzähligen kleinen Transformationsschritte aufzuzeigen, die dem Übersetzungsprozess von einer These zum Faktum, welches dann als solch präsentiertes in wissenschaftlichen Journalen landet, zu Grunde liegen und damit auch die Beschreibung der gesellschaftlichen Praktik namens Wissenschaft.

Anita Lam thematisiert in ihrem Beitrag „Making Crime Messy“ eine Neutheoretisierung von Kriminalität selbst, indem sie anknüpfend an das akutelle Werk von John Law eine Verlagerung von epistemologischen zu ontologischen Anstrengungen vollzieht (52f.) und Kriminalität wie folgt verstanden wissen will: „as an object handled by various practices“ (51). Damit verbindet sie Multiplizität (inspiriert von Annemarie Mol), mit dieser wiederum Komplexität und Unordnung („messiness“). Am Beispiel des sogenannten Lucky Moose-Falls (Lucky Moose ist eine Lebensmittelmarkt-Kette), der sich 2009 in Toronto zugetragen hat und in dessen Rahmen ein Shopbesitzer einen Ladendieb fesselte und bis die Polizei eintraf in einem Van festsetze, verdeutlicht sie, wie die postulierte metatheoretische Verlagerung auszusehen hat: der epistemologische Ansatz des interaktionistisch-konstruktivistischen Ansatzes, der von unterschiedlichen, gesellschaftlich bedingten Perspektiven auf eine einzige Welt ausginge, solle ersetzt werden durch einen ontologischen Ansatz, der die Multiplizität von Realitätsinterpretationen nicht auf Grund von unterschiedlichen gesellschaftlichen Perspektivierungen versteht, sondern gerade als Folge der Multiplizität der Realität selbst (52). In dem Fallbeispiel wird sodann analysiert, wie im Rahmen der Gerichtsverhandlung um den Ladenbesitzer, der der Körperverletzung und des Freiheitsentzuges beschuldigt wurde, der Gegenstand Kriminalität durch juristische Praktiken (re)produziert wird. Was der Autorin dabei besonders gut gelingt, ist die Rekonstruktion der spezifischen Konstruktionsleistungen, die die unterschiedlichen beteiligten Akteure (u.a. Polizei, Gericht, Verteidigung, Politik) jeweils erbringen und wie es zu einer Stabilisierung des heterogenen Objekts Kriminalität kommt. Ihre Verweise auf die Arbeiten von Mol und Law geraten dabei allerdings zu kurz, so dass das nicht ganz einfache Konzept von der Komplexität und Multiplizität von Realität nicht in Gänze verständlich wird.

Das folgende Kapitel von Dawn Moore und Rashmee Singh klopfen die ANT anhand der Analyse von Bildern, die gewalttätige Übergriffe gegen Frauen zeigen, auf ihr feministisches Potential ab. Was machen diese Bilder, fragen sich die beiden, welche Effekte haben sie? Um dies vorweg zu nehmen: sie kommen zu dem Schluss, dass die ANT die feministischen Theorie erweiternde Perspektiven beizubringen vermag. Am Beispiel eines Fotoessays von Sara Lewkowicz und des Falles von Retaeh Parsons, deren Missbrauch im Internet über Bilder dokumentiert und verbreitet wurde und die sich schließlich das Leben genommen hat, stellen die Autorinnen nachvollziehbar dar, welche Netzwerke sich rund um Bilder von Gewalt gegen Frauen bilden. Diese Netzwerke erschöpfen sich dabei keineswegs in der Aufdeckung patriarchaler Strukturen. Statt einer solch strukturalistischen Herangehensweise gilt es die unzähligen Faktoren zu entschlüssen, die eine Rolle spielen wenn Gewalt gegen Frauen visuelle porträtiert und solche Bilder interpretiert, also gesellschaftlich verarbeitet werden (77f.).

Ein dem Spätwerk Latour’s zuzuschreibender analytischer Topos wird von Michael Mopas genutzt: ‚from matters of fact to matters of concern‘. Damit will Mopas die Probleme analysieren, die kritische Kriminologen und Kriminologinnen haben, wenn sie sich mit ihren Forschungsergebnissen an die breite Öffentlichkeit wenden wollen. Mit der ANT will er sodann analysieren, wie sich jene Forschenden, die sich als ‚public criminologists‘ verstehen, die Öffentlichkeit zu mobilisieren versuchen (83). Dabei bedient er sich der von der ANT propagierten Übersetzungssoziologie („sociology of translation“) (86). Auf die wissenschaftliche Praxis bezogen bedeutet dieses Konzept, Wissenschaftler_innen als ‚fact-builder‘ zu verstehen, die im Zuge des Stabilisierungsprozesses wissenschaftlicher Tatsachen verschiedenartige menschliche und nicht-menschliche Akteure mobilisieren und für ihre Zwecke einzuspannen versuchen. Genutzt werden sollte diese Idee von wissenschaftlicher Praxis laut Mopas als Instrument der kriminologischen Selbst-Reflexion: Statt die Öffentlichkeit zu mobilisieren und für die eigenen Forschungsthesen zu begeistern versuchen, sollte es die Aufgabe der sich als ‚public criminologists‘ verstehenden Forschenden sein, einen öffentlichen Dialog zu ermöglichen und voranzutreiben (96).

Cédric Moreau de Bellaing wiederum fokussiert in seinem Beitrag ein spezifisches technologisches Artefakt: die Elektroschockpistole, auch als Taser bekannt. Es geht dabei genauer um einen in Frankreich angesiedelten (Rechts-)Streit zwischen dem Politiker Olivier Besancenot und dem Taser-Produzenten SMP Technologies. Letztere verklagte ersteren 2007 auf Rufschädigung, da er mehrmals ihre Produkte diffamiert habe. Taser werden vor allem als nicht-tödliche Verteidigungswaffen vermarket, so auch von SMP Technologies („factor for civil peace“, 98). Besancenot hat die Nicht-Letalität der Waffen öffentlich in Frage gestellt. Zwar hat das Gericht die Klage abgewiesen, über die eigentliche inhaltliche Frage hinter der Anklage, ob ein Taser tödlich sein kann oder nicht, hat es indes nicht entschieden. Damit ist dieser Fall laut Autor interessant für eine Soziologie der Kontroversen („sociology of controversies“, 100), denn es wurde ein diskursives Feld geöffnet, über die politische und technische Eigenarten des Tasers zu debattieren. So hat das Conseil d’État 2010 die Klassifizierung des Tasers als Kategorie IV-Waffe, die nur an die Polizei verteilt werden darf, aufgehoben – womit allerdings deren offener Verkauf nicht erlaubt wurde. Damit begann aber eine Diskussion, samt technischer Gutachten etc., um die Ausstattung auch der kommunalen Kräfte mit Tasern, in deren Rahmen es um die Deutungshoheit um die ‚Natur‘ des Tasers ging: tödliche Waffe oder nicht-letales Friedensinstrument? Moreau de Bellaing zeichnet mit Rückgriff auf die ANT schlüssig nach, welche Akteure an solchen Interpretationsprozessen beteiligt sind und wie sie allesamt die allgemeine Definition der eigentlichen Natur des Taser-Artefakts dominieren wollen. Damit zeigt sich prägnant die Schlüssigkeit der These, dass Artefakte immer auch sozial konstituiert sind, wenn ihnen gesellschaftliche Funktionen anvertraut werden bzw. sie Gegenstand gesellschaftlicher Diskurse werden.

Bertrand Renard untersucht Praktiken der genetisch-forensischen Analyse in Belgien und wendet dabei das alte methodische Diktum der ANT an: ‚following the actors‘ (seien sie nun menschlich oder nicht-menschlich) – indem er der DNA-Spur am Tatort bis in den Gerichtssaal folgt (113). Diesen, auch als Übersetzung bezeichneten Prozess teilt er in drei wesentliche Bereiche auf: jenen Zeitpunkt, als die DNA-Analyse als Idee in den juristischen Kontext eingeführt wurde, die technische Arbeit selbst, also den Weg vom Tatort zum Gutachten, und schließlich die juristische Arbeit, also die gerichtliche Bewertung und Bearbeitung des Gutachtens (114). Unter Rückgriff auf das klassische ANT-Vokabular (z.B. Aktanten, Aktionsprogramm, Vermittlung) beschreibt Renard zwar sehr knapp aber durchaus überzeugend, was passiert, wenn DNA-Spuren als neue Aktanten in den juristischen Kontext eingeführt werden, welche Effekte damit verbunden sind und welche Assoziationen gebildet werden. Er schließt mit der Feststellung von der Wichtigkeit der kriminologischen Aufgabe, die Kriminalistik verstärkt zum Gegenstand ihrer Analyse zu machen (was freilich durchaus schon, qualitativ hochwertig überdies, der Fall war, man denke z.B. an Simon Cole oder Michael Lynch).

Das letzten Kapitel markiert das herausgebende Gespann selbst, Dominque Robert und Martin Dufrense. Sie stellen Latour’s Konzept vom ‚factish‘, der begrifflichen Kreuzung von fact und fetish (131), in den Mittelpunkt ihrer Frage, wie Techniken der genetischen Identifizierung von der Wissenschaft in Richtung Politik beschrieben und erklärt werden (127). Und zwar am Beispiel einer Ansprache des Chefwissenschaftlers der Nationalen DNA-Datenbank von Kanada vor dem Rechtsausschuss des kanadischen Senats anlässlich des Gesetzgebungsverfahrens zur Einführung einer nationalen DNA-Datenbank (132). Sie wollen beschreiben, wie der Wissenschaftler DNA-Verfahren beschreibt und ihren Nutzen ausführt. Damit wollen sie den Prozess rekonstruieren, wie aus „matters of concern“ „matters of fact“ werden („fabrication of factishes“). Sie nutzen dabei drei methodische Schritte: sie analysieren die Rede nach den Textstellen, die Pronomen wie ‚wir‘ oder ‚uns‘ beinhalten oder Adjektive wie ‚unser(e)‘; sie suchen nach Textstellen, in den Natur und Kultur getrennt und wieder zusammengefügt werden; sie versuchen die Variabilität des interpretativen Repertoires aufzuschlüsseln, mit dem die Vermischung von gründlicher und harter Arbeit und die Verblüffung, die von den vorgefundenen Resultaten stammt, dargestellt wird („we illustrate the blend of rigorous hard work and the amazement stemming from discoveries encountered“, 132). Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Argumente des Wissenschaftlers gerade deshalb robuster werden, weil er Assoziationen mit zahlreichen sozialen (z.B. Zukunft der Gesellschaft) und natürlichen (z.B. die Natur spricht, über die Körper der Betroffenen, für sich selbst) Entitäten herstellt. Es bleibt dabei allerdings unklar, warum die ausgewählte Anhörung als zentral bzw. repräsentativ für den gesamten Übersetzungsprozess verstanden werden kann, was die Nachvollziehbarkeit der Vorgehensweise etwas schmälert.

Zeit für ein Gesamtfazit: Was der Band auf Grund der kurzen Einführungskapitel und der zumeist auf Fallstudien beruhenden Beiträge völlig vermissen lässt, ist der Versuch, die bisherigen kriminologischen Forschungsanstrengungen zu untersuchen, die sich mit der ANT und den Science Studies im Allgemeinen auseinandersetzen. Zum Forschungsstand wird im Prinzip nichts gesagt, von den knappen (obgleich weitestgehend zutreffenden) Pauschalurteilen zu Beginn abgesehen. Damit hätten die Herausgeber_innen doch gerade auf diese Weise zu dem mit der Veröffentlichung des Bandes verfolgten Ziel, die nachhaltige Etablierung einer techniksoziologischen Perspektive in der kritischen Kriminologie, substanziell beitragen können. Damit bleibt es auch bei einem fraglos informativen, aber eben auch kursorisch verbleibenden Überblick über die verschiedenen Anwendungspotenziale der ANT innerhalb kriminologischer Analysen, ohne die theoretischen Herausforderungen, die im Vorwort explizit angesprochen werden, tiefgründiger zu beschreiben (eine reine Deskription hätte ja tatsächlich schon ausgereicht). Ein zusammenfassendes, theoretisch informiertes Kapitel am Ende hätte dem Band diesbezüglich sehr gut getan. Deshalb bleibt zu schließen, dass das Buch von Robert/Dufresne zwar ohne Zweifel mit Gewinn zu lesen ist, aber nur einen Bruchteil des Potenzials sowie der Provokationen, die von der ANT für die (kritische) Kriminologie ausgehen, zu beleuchten im Stande ist.

Simon Egbert, Hamburg

June 22 2015

Ausschreibung: Surveillance Studies Preis 2016

NeighbourHoodWatch280Auch 2016 schreibt das Forschungsnetzwerk Surveillance Studies wieder den Preis für Journalisten aus.

Ich freue mich, dass die Kooperation mit Telepolis weiter geht und wir für die Jury den ehemaligen Datenschutzbeauftragten Peter Schaar gewinnen konnten.

Alle Details und Infos findet ihr in der Ausschreibung.

Interpol und politische Fahndung

Aus aktuellem Anlass – es geht um den Fall des l-Dschasira-Journalisten Ahmed Mansur (Zeit 20.6.2015) – fiel mir eine Geschichte aus dem Süddeutschen Magazin von vor wenigen Monaten wieder ein, in dem die Problematik von Interpol ausgestellter Haftbefehle thematsiert wird: Der viel zu lange Arm des Gesetzes (SZ Magazin, 03/2015, Autorin: Lena Kampf).

Es geht dort, wie wohl auch hier um den Missbrauch von Interpol durch autoritäre Staaten, die sich des Instrumentes Int. Haftbefehl bedienen und damit auch demokratische Staaten über deren Rechtsordnung zu Mithelfern ihrer zweifelhaften Rechtspraktiken und ganz offener Verfolgung von Dissidenten oder Kritikern machen. Lesenswert, gerade in diesem Fall

June 18 2015

teleschirm

Churches introduce FACIAL RECOGNITION to keep track of members' attendance


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