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January 30 2018

The Verge: Künstliche Intelligenz befeuert Überwachung

Lesenswerter Artikel: Artificial intelligence is going to supercharge surveillance (The Verge. 23.1.2018)

What happens when governments can track huge numbers of people using CCTV? When police can digitally tail you around a city just by uploading your mugshot into a database? Or when a biased algorithm is running on the cameras in your local mall, pinging the cops because it doesn’t like the look of a particular group of teens?

Wie immer gilt: Man darf die Behauptungen der Tech-Industrie (oder jeder anderen…) nicht allzu wörtlich nehmen; schönerweise lässt der Artikel ja auch Skeptiker- und Kritikerinnen zu Wort kommen.

Reposted byp12502mydafsoup-01
teleschirm

U.S. soldiers are revealing sensitive and dangerous information by jogging


www.washingtonpost.com on Jan 29, 2018:

An interactive map posted on the Internet that shows the whereabouts of people who use fitness devices such as Fitbit also reveals highly sensitive information about the locations and activities of soldiers at U.S. military bases, in what appears to be a major security oversight.

The Global Heat Map, published by the GPS tracking company Strava, uses satellite information to map the locations and movements of subscribers to the company’s fitness service over a two-year period, by illuminating areas of activity.

[...]

January 25 2018

Doping, Kontrollen und Privatsphäre

Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat entschieden, dass das Wherabouts-System zur Kontrolle der Athleten nicht gegen Article 8 der Konvention verstößt.

Doping control: whereabouts requirement does not breach Convention
In today’s Chamber judgment1 in the case of Fédération Nationale des Syndicats Sportifs (FNASS) and Others v. France (application no. 48151/11  and 77769/13) the European Court of Human Rights held, unanimously, that there had been: no violation of Article 8 (right to respect for private and family life) of the European Convention on Human Rights. aus dem Urteil und Begründung als pdf

Dazu ein paar Worte.

Die Begründung listet immer wieder auch den Aspekt der Gesundheit auf, den es mit den Kontrollen zu schützen gilt. Das allerdings halte ich für einen schlechten Grund bzw. prinzipiell einen guten, aber wenn man davon ausgeht, dass Leistungssport, wie der den es durch den WADA-Code zu schützen gilt, per se “ungesund” im Sinne einer ausgewogenen Belastung des Körpers ist, dann ist die Begründung echter Unfug und nicht vom Athleten her gedacht.

Es ist geradezu bevormundent, die Gesundheit schützen zu wollen, deren Grenzen die Athleten willentlich und freiwillig austesten, darüber hinaus gehen, für Gold, für einen Sieg, für Geld, und dann ihre Privatsphäre zu verletzen, um sie bevormundend zu kontrollieren.

Aus der Begründung:

With respect to the legitimate aim or aims of the interference, the Court observed that the “protection of health” was enshrined in the relevant international and national instruments which presented the prevention of doping as a health concern.

Die Begründung ist folgerichtig, denn auch die WADA verfolgt diesen Ansatz, aber es wird nicht besser, nur weil es am Anfang schon falsch war oder zumindest problematisch.

Und wenn man bedenkt, dass es sich in vielen Fällen um Berufssportler handelt, dann könnte man schlussfolgern, dass man auch andere Arbeitsnehmer derart zum Wohle ihrer Gesundheit kontrollieren dürfte. Eigentlich müsste daraufhin jeder Arbeitsbereich derart kontrolliert werden, wenn es, wie sie Richter betonen, um die Gesundheit geht.

Offen bleibt weiterhin allerdings, inwieweit die Privatsphäre Dritter beeinflusst werden darf? Denn, und das hat unsere Untersuchung gezeigt, gibt es eine Reihe von spill-over-Effekten durch das ADAMS und die Kontrollen, die über die Athleten hinausgehen. Wir arbeiten gerade an Publikationen und Vorträgen und stellen demnächst auch Ergebnisse daraus vor.

Hier könnt ihr ein paar Gedanken schon mal anhören, Vortrag bei der play the game 2017 in Eindhoven.

January 22 2018

Preisverleihung, Journalistenpreis

Am 29.1.2018 findet die Preisverleihung zum Surveillance Studies-Journalistenpreis statt (im Rahmen der Algorithmen-Ringvorlesung).
Beginn 18.30 Uhr.

Hier ist schon mal das Programm:

  • Begrüßung Dr. habil. Nils Zurawski
  • Laudatio: Nele Heise MA.
    Preis an Erich Moechel, Wien
  • Laudatio: Dr. habil Nils Zurawski
    Preis an Svea Eckert & Jasmin Klofta, Hamburg
  • Laudatio: Antje Möller MdHB, Grüne-Fraktion
    Preis an Harald Schumann & Elisa Simantke, Berlin
  • Surveillance Studies Lecture 2018: Prof. Dr. Ingrid Schneider (Änderung wegen Krankheit), Universität Hamburg, Fb Informatik: „Big Data und Diskriminierung“
    anschließend Fragen und Diskussion

Ort: Universität Hamburg, ESA West #221, Edmund-Siemers-Allee 1
Beginn: 18.30 Uhr

January 08 2018

Surveillance Studies Preis 2018: die Preisträger

Der Surveillance Studies Preis 2018 geht an die Fernsehjournalistinnen Svea Eckert und Jasmin Klofta, sowie an Harald Schumann und Elisa Simantke vom Tagesspiegel.

Eine besondere Erwähnung der Jury geht an Erich Moechel, Wien.

Wir gratulieren den Gewinnern.

Preisverleihung:
Zeit: 29. Januar 2017, 18.30-20.30 Uhr
Ort: Universität Hamburg, Edmund-Siemers-Allee 1, Gebäude ESA West, R. 221.

  • Svea Eckert und Jasmin Klofta bekommen den Preis für ihren TV-Beitrag “Nackt im Netz” (ARD Panorama, 3.11.2016), in dem sie die Verfügbarkeit von personenbezogenen Informationen thematisieren. Beeindruckt hat die Jury vor allem die Art der Recherche sowie die Konfrontation von verschiedenen Betroffenen, insb. Bundestagsabgeordneten mit den Befunden.
  • Harald Schumann und Elisa Simantke werden prämiert für ihr Tagesspiegel-Dossier „Grenzenlose Überwachung“ (11.12.2016). Darin berichten sie von der technischen Aufrüstung an Europas Außengrenzen, welche weitgehend von der Öffentlichkeit unbeobachtet vor sich geht. Die Jury prämiert die außerordentliche Recherche zu diesem Thema sowie die Tiefe der analytischen Berichterstattung, die über das bloße Erzählen hinausgeht.

Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert. Das Preisgeld wird vom Webmagazin Telepolis gestiftet. In diesem Jahr wird die Summe zwischen den Preisträgern aufgeteilt.

Außerdem erhält in diesem Jahr der Wiener Journalist Erich Moechel eine besondere Erwähnung der Jury für seine jahrelange qualitativ hochwertige Arbeit und kritische Berichtersattung zu neuen Technologien und Überwachung. Dieser Preis ist nicht mit einem Preisgeld versehen.

Die Preisverleihung findet am 29. Januar 2018 in Hamburg statt. Die diesjährige Surveillance Studies-Lecture hält Professorin Dr. Judith Simon, Philosophin am Fachbereich Informatik der Universität Hamburg. Die Verleihung ist Teil der Ringvorlesung Daten, Algorithmen, Kontrolle der Zukunft.

January 03 2018

Discussion Paper: Disentangling Anonymity and Privacy

Das Forschungsprojekt Reconfiguring Anonymity (VW) hat nun sein ersten discussion paper online gestellt und lädt zu Kommentaren und Feedback ein.

Anon Discussion Paper No. 1: Disentangling Anonymity and Privacy. Theoretical reflections in the light of the conceptual history of both terms.

Autorinnen: Gertraud Koch & Anna Henke, Uni Hamburg

Anonymity and privacy are subjects that are intensely debated in the public. Both have become important matters of political activity and legislation since a loss of both is experienced in particular due to digital information technologies in the context of the Internet and their capacity for processing and storing data.

January 02 2018

Rezension: Polizeilicher Kommunitarismus

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Thomas Scheffer, Christiane Howe, Eva Kiefer, Dörte Negnal, Yannik Porsché. Polizeilicher Kommunitarismus: Eine Praxisforschung urbaner Kriminalprävention. 2017, Frankfurt am Main, Campus.

von Nils Zurawski

Ich kann es auch gleich vorweg sagen: Dieses Buch habe ich begeistert und mit Gewinn für meine eigene praktische Forschung gelesen. Es bietet sowohl Anknüpfungspunkte für eine theoretische Diskussion innerhalb der Polizeiforschung, aber eben auch ganz praktische Hinweise, wenn man sich selbst im Feld befindet oder in dieses gehen will. Es ist gleichzeitig selbst eine Ethnographie, wie auch eine Reflexion darüber. Mir persönlich hat das Buch als Einstieg in eine Forschung bei der Polizei geholfen, bis hin zu Schlüsselszenen der Erkenntnis, die ich diesem Buch entnommen habe.

Das Buch ist unterteilt in 4 Abschnitte, in denen die Autoren in unterschiedlichen Konstellationen zu verschiedenen Aspekten polizeilicher Kriminalprävention schreiben. Der Fokus durch den gesamten Band sind dabei “die unzähligen Rahmen ‚’dort draußen'”, in denen sich Prävention vollzieht, wie Thomas Scheffer im Vorwort herausstellt (S. 16). Die Einteilung der Abschnitte ergibt eigentlich erst Sinn, wenn man die Kapitel selbst liest. Dabei muss man sagen dass dieses Buch sich mehr als viele andere dazu eignet nicht-linear von vorn nach hinten gelesen zu werden, sondern nach Bedarf und Interesse im besten Sinne “quer” gelesen werden kann (damit meine ich nicht den Text nur zu überfliegen).

Die Forschung selbst folgte einer transsequentiellen Analytik, in denen einzelne Episoden und Arbeitssituation in den Fokus genommen worden sind. Die Analyse solcher Situationen in den einzelnen Kapiteln macht den eigentlichen Lesespaß aus. Die Einteilung der Formen der Prävention, die dem Buch seine Struktur geben, sind im Vorwort kurz erklärt. Diese unterscheiden sich in Sozialraum- und Milieuarbeit; Projektarbeit; Bildungsveranstaltungen; Servicearbeit; sowie Fallarbeit. Wichtig für diese Formen sind die darüber geschlossenen Bündnisse, die die Arbeit der Polizei aus einer bloß polizeilichen Befassung herausführen.

Und bereits hier eine Anmerkung aus meiner eigenen Forschung bei und mit der Polizei: Auch wenn die Arbeit von als “Stadtteilpolizisten” (in Hamburg eigentlich Besonderer Fußstreifendienst, BFS, genannt) oder die des Hamburger Jugendschutzes (früher einmal “Sitte”) bisweilen aussieht wie polizeiliche Sozialarbeit, so ist diese Charakterisierung bei vielen Beamten sehr unbeliebt oder wird schon von Ihnen selbst als unzutreffend eingestuft – oft noch bevor ich die Frage überhaupt aufgeworfen habe oder überhaupt hätte.

Die Abschnitte befassen sich also mit den Formen kriminalpräventiver Polizeiarbeit (I), den Vorformen kriminalpräventiver Polizeiarbeit (II; den Bündnissen (III “Querblicke”), sowie den Heraus- und Anforderungen kriminalpräventiver Polizeiarbeit (IV). Eine sehr anschauliche Übersichtstabelle findet sich auf S. 31, in denen auch klar wird, warum Formen und Vorformen unterschieden werden und warum letztere erst als zweites behandelt werden. Die Vorformen sind die in- und externen Vorraussetzungen, auf denen eine kriminalpräventive Polizeiarbeit aufbauen kann: Infrastruktur- und Netzwerkarbeit, die nicht für sich stehen, sondern in den aufgeführten Formen für den Erfolg überhaupt erst nötig sind. Das betrifft auch und vor allem die interne Infrastrukturen, denn letztlich ist die Polizei eine sehr hierarchisch organisierte Behörde, die sowohl eine eigene Arbeit macht, aber eben auch politischen Interessen unterworfen ist, so dass nicht BeamtInnen einfach auf Eigeninitiative hin agieren können.

So habe ich mich in Hamburg u.a. mit einem Stadtteilpolizisten unterhalten, der im Zuge des Flüchtlingszuzuges 2015 seine Arbeit mehr oder weniger umstrukturiert hat und der “Flüchtlingsbeauftragte” seiner Wache wurde, so seine Eigendarstellung. Er hat sich in der Folge fast ausschließlich um die in seinem Revier befindliche Erstaufnahme gekümmert, ohne das ein solches Vorgehen vorher so abgestimmt worden war. Es wurde ihm ermöglicht, war aber ein eher seltener Fall von Eigeninitiative, die gutheißen und abgesegnet worden war. Interessant dabei ist, dass er seine Erfahrungen zwar auf Vorträgen weitergeben durfte, für andere Erstaufnahmen diese Art der Polizeiarbeit aber nicht generell übernommen wurde, mögliche neue Impulse für eine Präventionsarbeit der Polizei nicht programmatisch überdacht worden sind.

Zu den Vorformen gehören aber auch andere infrastrukturelle Aspekte, wie die Dokumente, die in der Forschung der Gruppe eine besondere Beachtung fand, gerade trotz der als dominant festgestellten Mündlichkeit von Polizeiarbeit. Ähnliches gilt für die Standardisierungen von Tätigkeiten und Verfahren, die angesichts der “Behörde” Polizei nicht verwundern, auf die aber ein besonderer, analytischer, wissenschaftlich fokussierter Blick häufig fehlt.
Bei den Formen möchte ich das Kapitel zum Sozialraum exemplarisch hervorheben, da die Autorin Christiane Howe hier zum einen anschaulich die gewählte Methode „vorführt“, andererseits die präventive Arbeit von Polizei auf der Straße, im Kontakt mit den Bewohnern eines Viertels nachzeichnet, insbesondere wie in den informellen Kommunikationszusammenhängen die Verpflichtungen, Übereinkünfte, Umgangsformen, aber auch Normen wie Ehre, Tugend und Moral verhandelt und hergestellt werden (S. 91). Weitere Kapitel, die ich hier hervorheben möchte, sind zwei aus dem IV. Abschnitt. Zum einen Eva Kiefers Ausführungen zu “Reflexiver Nähe”, weil hier ein Aspekt angesprochen wird, der in der Polizeiarbeit insgesamt enorm wichtig ist: Nähe- und Distanzverhältnisse. Ein Schlüsselsatz dabei ist:

„In der polizeilichen Praxis sind nicht nur Methoden der Distanzminderung und der Distanzierung zu beobachten, sondern in die hergestellte Nähe ist Distanz eingewoben“ (S. 231).

In meiner eigenen Arbeit sind diese Nähe- und Distanzverhältnisse von zentraler Bedeutung, ihre Herstellung kein Zufall und auch das Einbinden meiner Präsenz im Feld ein Teil der Praxis, insbesondere in der Begegnung mit Bürgern während der Feldforschung, die ich dann als dritte Person begleite, aber gleichzeitig auch ein Teil der Interaktion selbst werde bzw. von den Polizisten vom “unabhängigen Beobachter” zum Teil der Handlung werde.

Das zweite hervorzuhebende Kapitel betrifft die Möglichkeiten einer kritischen Begleitung von Polizeiarbeit. Insbesondere das Unterkapitel zu “Doing being critical in der Polizei” ist hier von Relevanz, nicht zuletzt da mir fast 1-zu-1 mit den gleichen Argumenten und Fragen seitens der Polizei begegnet wurde. Hierbei geht es um die Erwartungen der BeamtInnen einer Evaluierung ihrer Arbeit durch die Feldforscher, was wiederum mit der mangelnden Fehlerkultur in der Polizei zu tun hat. Dieses Phänomen ist nicht explizit Thema des Kapitels – hier geht es eher um die Rolle der FeldforscherInnen – aber es ließe sich hier sehr gut eine generelle Debatte und möglicherweise weitere Forschung zu diesem Thema anschließen – ethnographisch,aber eben auch strukturell und den Polizeiapparat und seine Kultur insgesamt.

Mein Fazit fällt angesichts der oben gemachten Ausführungen auch relativ kurz aus. Das Buch ist für jede ethnographische Feldforschung ein enormer Gewinn und bietet eine Vielzahl an Aspekten, an die man anschließen kann, diese wiederzuerkennen und darüber erweiterbar sind. Darüber hinaus lassen sich an einzelnen Punkten andere Aspekte von Polizei auf Grundlage ethnographischer Daten theoretisch diskutieren, wie die erwähnte Fehlerkultur und ihre Konsequenzen für polizeiliches Handeln im strukturellen, politischen Sinne. Wie jede gute Ethnographie bietet es somit einen Überblick über das erforschte Geschehen selbst und eröffnet Möglichkeiten weitergehender kritischer Beschäftigung mit der Polizei – bei gleichzeitiger Würdigung polizeilicher Arbeit im Bereich ihrer präventiven Aspekte und Ausprägungen.

December 29 2017

Blink – ein Blog zum Journal

Das Journal Surveillance & Society hat ein neues Blog: Blink

In den Worten des Chief Editors:

Blink is our version of a blog. While Surveillance & Society remains committed to supporting scholarship and creative works on surveillance studies, we also want to connect our articles to broader conversations about  surveillance.

December 28 2017

BodyCams und der function creep

In den Diskussionen über BodyCams wird hierzulande, auch von mir, immer wieder darauf hingewiesen, dass diese in den USA vor allem dazu verwendet werden, das Verhalten der Polizei zu beobachten und diese damit zur Rechenschaft gezogen werden können. Das erscheint angesichts der Situation und dem Verhalten der Polizei in den USA auch folgerichtig.

Aber warum sollte nicht auch hier ein Funktionswandel stattfinden (function creep), wie er in dem Artikel In Practice, Police Accountability Is Not The Main Function Of Body Cameras beschrieben wird.

As we near the end of the year, we’re re-upping some stories worth a second look. This year, police body cameras made the transition from experimental tech to standard equipment. Sales exploded after the 2014 Ferguson protests as police departments scrambled to refute claims of abuse. Now the cameras have become routine, but they’re not making a significant dent in the number of people shot and killed by police. (NPR 24.12.2017)

December 27 2017

Freiheit in der digitalen Welt

In der Talkexperiment-Reihe “Wahnsinn trifft Methode” zum Thema “Frei”war auch ich eingeladen – meine Expertise: Digitalisierung, Überwachung, und damit auch Freiheit. Ein amüsanter Abend mit dem Präsidenten der Uni HH sowie Julia Sen als Gastgeber.

December 18 2017

Rezension: Daten – Das Öl des 21. Jahrhunderts?

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Malte Spitz: Daten – Das Öl des 21. Jahrhunderts? Nachhaltigkeit im digitalen Zeitalter.

von Daniel Guagnin, Berlin

Daten und Öl, diesen Vergleich hört man in letzter Zeit öfter, und irgendwie klingt das ein bisschen schlüssig, aber irgendwie auch ein bisschen unstimmig, je nachdem aus welcher Perspektive man die beiden Phänomene nun betrachtet. Trotz aller Ungereimtheiten dieses Vergleichs macht sich Malte Spitz nun die Mühe den Vergleich aus verschiedenen Blickwinkeln durchzuführen, und bringt dabei wichtige Impulse für eine gesellschaftliche Bedeutung der politischen Gestaltung von Technik und Innovation in die Diskussion.

Man mag sich zu Beginn fragen in welcher Hinsicht ein Vergleich zweier so unterschiedlicher Gegenstände überhaupt zielführend ist. Öl, ein haptisch und olfaktorisch äußerst penetranter, fossiler Rohstoff auf der einen, und Daten, ein abstraktes immaterielles Artefakt, das wir kaum sehen oder begreifen können, auf der anderen Seite. Auf Spitz‘ Reise zu den verschiedenen Dreh- und Angelpunkten der Ölindustrie und der Datenwirtschaft, erweist sich der Vergleich aber als dankbarer Diskussionsanreiz für vielfältige interessante Konversationen mit renommierten Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft. Und schließlich bilden die anschaulichen Einblicke in die teils wenig glamourösen Kulissen von Ölförderwerken und Überseekabeln, einen literarischen Rahmen für anregende Gedanken und Überlegungen.

Das erklärte Ziel seines Projektes ist, aus der Geschichte des Öls und der damit einhergehenden sozialen, ökonomischen und politischen Folgen etwas zu lernen, für den Umgang mit der disruptiven Ressource Daten, und darüber, wie eine gestaltende Politik für eine „digitale Gesellschaft“ aussehen sollte. Ein weiteres Anliegen ist, den Diskurs darüber stärker in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, und gerade hier liegt im Vergleich von Öl und Daten ein gewisses Potential, denn die Tragweite und Bedeutung der Ölpreise, der Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe sowie die Folgen für die Umwelt sind allseits bekannt.
Das Buch ist strukturiert in sechs Teile. Nach einem Abriss der Geschichte von Öl und Daten, werden die Aspekte Freiheit, Gesellschaft, Sicherheit und Demokratie abgehandelt. Schließlich mündet die Betrachtung in einer Forderung nach einer Politik der Nachhaltigkeit. Nachhaltigkeit soll hierbei verstanden werden, als ein „Ansatz um die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen, ohne die Freiheit, Selbstbestimmung und Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen“ (S.227, Hervorhebung im Original).

Machtstrukturen

Malte Spitz stellt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zweier Ressourcen gegenüber, die beide weitläufige Veränderungen mit sich brachten und bringen. Öl und Daten spielen eine wichtige Rolle für Industrien, für die Schöpfung von Kapital und schließlich für die Verteilung von Macht. Darum geht es nicht zuletzt um Machtstrukturen, die sich aus der Verfügung über Ressourcen ergeben: Wer hat die Rechte an der Ressource, wer darf darüber verfügen, und wer profitiert davon. Dies sind politische Entscheidungen, die bestenfalls bewusst und mit Bedacht getroffen werden sollten, was auf die vergangene Entwicklung aber sagen wir nicht uneingeschränkt zutrifft. Durch die Monetarisierung von Daten und Öl konzentriert sich Kapital in der Regel an wenigen Stellen, und die Profiteure entwickeln ein starkes Eigeninteresse, das sie durch Einflussnahme auf die Politik verfolgen. Dabei zeigen sich durchaus Unterschiede zwischen den Gestaltungsmöglichkeiten der Machtstrukturen, von norwegischen Öl-Staatsfonds bis hin zu autoritären Öl-Oligarchien. Macht und Kapital müssen sich also nicht zwangsläufige auf wenige private Akteure verteilen, sondern können auch demokratischen Strukturen dienen.
Wie die „Seven Sisters“ der Ölindustrie haben sich auch in der Datenindustrie mit den „Big Five“ einige wenige milliardenschwere Marktführer herausgebildet. Aber die Regulierung ist insbesondere bei Daten noch im vollen Gange, wie sich insbesondere an den Bedeutungskämpfen um die Datenschutzgrunderverordnung oder aktuell um die E-Privacy Verordnung widerspiegelt.

Bedeutungskämpfe

An diesen Bedeutungskämpfen im Zuge von Regulierungsbestrebungen zeigt sich, dass es eben nicht nur um einen Wettbewerb von Marktakteuren geht, sondern dass die Ressourcen Öl und Daten im Zusammenhang stehen mit gesellschaftlichen Technologien und Entwicklungen, und bedeutende Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zeitigen. Malte Spitz‘ Impulse kommen also zur rechten Zeit, denn die Fragen über den gesellschaftlichen Umgang mit Daten sind hoch aktuell.

Spitz beschreibt wie Ölfirmen anfänglich die Tankstelle als Ort der Freiheit bewarben. Aktuell sind wohl die allzeit lauschenden „smarten Lautsprecher“ der Versuch eines Freiheitsversprechen. Während Tankstellen aber lediglich Sprit und Tabak feil bieten, verarbeiten und speichern Siri, Echo und Co unsere alltäglichen Konversationsfetzen, um unsere Konsumbedürfnisse zu analysieren und bestmöglich zu befriedigen. Hier zeigt sich aber auch ein struktureller Unterschied der beiden Ressourcen, den ich gerne ergänzen möchte. Im Kontrast zu Öl, einer natürlichen Ressource, die wir als Treibstoff und als Rohstoff für die chemische Weiterverarbeitung nutzen, ermöglicht die Verfügung über Daten und Informationen die Kontrolle und Organisation von Individuum und Gesellschaft (vgl. allokative vs. autoritative Ressourcen bei Giddens 1984: 256ff). Während Öl und Energie unsere Mobilität und unsere Technik zwar grundlegend ermöglichen, sind es die Daten, die durch unsere eigenen Aktivitäten generiert werden, die zu Informationen verarbeitet auf uns zurückwirken und unser Denken und Handeln strukturieren und leiten.

Die nicht intendierten Folgen von Öl sind vor allem in der Umweltverschmutzung sichtbar und gravierend und bedrohen schließlich mit dem Klimawandel die globale Existenz. Datengetriebe Technologien und algorithmische Entscheidungen haben einen zunehmenden Einfluss auf alltägliche Entscheidungen – einerseits durch die Bereitstellung der Informationen auf deren Grundlage wir entscheiden, andererseits durch automatisierte Entscheidungsabläufe.

Technik für Menschen

Was wir hier vom Öl lernen können ist, dass die Gestaltung unseres Zusammenlebens durch die Technik strukturiert wird; Technik, die durch die Nutzung der Ressource erst ermöglicht wird. Malte Spitz führt hier als anschauliches Beispiel an, wie Städte auf die Nutzung von Autos hin ausgelegt wurden, und wie schwierig hier eine Veränderung hin zu einer nachhaltigeren Mobilitätsstruktur ist. Wir sollten also die Gunst der Stunde nutzen und im hier und jetzt Diskussionen führen wie wir durch datengetriebene Technologien unser Zusammenleben von morgen organisieren wollen – und wie nicht. Es gilt also frühzeitig eine sinnvolle Gestaltung zu beginnen anstatt später Sachzwängen hinterherzulaufen. Zentraler Ausgangspunkt sollte dabei immer das Wohl der Menschen sein, und dafür ist es notwendig, die möglichen Konsequenzen alternativer Nutzungen und Gestaltungsoptionen von Technik zu reflektieren. Damit die Technik den Menschen dient, ist hier besonders Kreativität gefragt, gerade um Potentiale der Verbesserung zu nutzen, und dennoch die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger zu respektieren.
Dabei plädiert Malte Spitz für eine Überwindung eines Schwarz-Weißen Diskurses, und dafür, jeweils die Folgen, die sich aus der Erhebung und der Nutzung verschiedener Daten ergeben, gründlich zu hinterfragen und zu erforschen. Nicht zuletzt sollte es darum gehen übermächtige Oligarchien zu vermeiden, und externe Effekte zu internalisieren. Konkret heißt das beispielsweise, dass Technologien hinreichend offen gestaltet sein müssen, damit es möglich bleibt alternative Technik- und Anbieteroptionen zu wählen. Andernfalls werden Menschen durch Monopole und Pfadeffekte auf einzelne Anbieter und deren Bedingungen der Datenverwendung angewiesen bleiben. Außerdem darf die Sicherheit der zunehmend computerisierten und vernetzten Technologie kein Zusatzfeature sein, sondern muss fester Bestandteil der Produkte werden, beispielsweise durch definierte Update-Zeiträume und klare Haftungsregeln für Hersteller.

In diesem Sinne ist eine Balance zwischen „guter“ Regulierung, Innovation und Eigenverantwortung wünschenswert. (Ich würde gerne betonen: Ohne Überforderung des Einzelnen. Aber klar, IT-Bildung tut not.) Diese Balance zu erreichen ist sicher keine leichte Aufgabe, aber gerade deshalb fordert Malte Spitz einen breiten gesellschaftlichen Diskurs darüber, was zu vermeiden und was wünschenswert ist, und liefert dafür interessante Ideen und Diskussionsanreize.

Literatur

Giddens, Anthony. 1984. The Constitution of Society: Outline of the Theory of Structuration. University of California Press.

Daniel Guagnin berät und schult Menschen in Fragen der
IT-Sicherheit und Datenschutz bei Praemandatum. Er schreibt derzeit
seine Doktorarbeit in Soziologie zur Rolle von Laien in Open Source
Software Communities.

December 17 2017

Erste Audios aus Ringvorlesung online

Aus der Ringvorlesung Daten, Algorithmen, Kontrolle der Zukunft sind die ersten beiden Audios jetzt online: Nadine Sutmöller (4.12.) und Nils Zurawski (20.11.)

Außerdem gibt es zum Vortrag von mir eine Extraseite mit zusätzlichen Infos zum Vortrag, Literatur usw.

December 15 2017

Kunstprojekt zu Videoüberwachung

Ein Buch zum Projekt Visus Visere (Ausstellung und Symposion im Kunstraum München, 02.-31.07.2011.) ist im Icon-Verlag (2017) erschienen.,

Mit dabei auch ein  Interview das die Journalistin Ilka Kreutzträger dafür mit mir geführt hat.

… Videoüberwachung soll als Präventivmaßnahme zum Schutz der Bevölkerung in der Öffentlichkeit dienen; zur Überführung von Straftätern wird sie als Aufklärungsinstrument herangezogen. Plätze, Straßen, Bahnhöfe, aber auch merkantile Einrichtungen und das private Umfeld bis zur eigenen Haustür finden Eingang in die allzeit wachsamen Augen unzähliger Kameras; ob gleichzeitig ein Augenpaar am Bildschirm diese Informationen bewertet (und im Falle einer Besonderheit »entsprechende Maßnahmen« einleitet) oder die Bilder digital gespeichert (und bei Bedarf rückwirkend eingesehen) werden, hängt von Faktoren wie Gefährdungslage, Relevanz des Ortes und finanziellen Mitteln ab. … Aus dem Vorwort von Alexander Steig

Mit Beiträgen von Ilka Kreutzträger (Interview), Nils Zurawski, Patricia Drück, Simon Frisch und Slavko Kacunko (Texte)

December 11 2017

Protest Policing und Polizeiforschung

Hier ist ein Bericht vom Workshop des Arbeitskreises „Soziale Bewegungen und Polizei“ im Institut für Protest- und Bewegungsforschung (ipb) zum Thema:

“Selektivität im Protest Policing: Gruppen, Situationen, Kontexte”.

Autor: Roman Thurn (IfS, LMU München)

Nach dem G20-Gipfel in Hamburg stieg das öffentliche Interesse am Umgang der Polizei mit Protesten und Protestierenden stark an. Auch wenn die Geschehnisse gut drei Monate später deutlich aus dem medialen Fokus gerückt waren, harrten einige Fragen weiterhin einer Antwort: Erlebten wir in Hamburg tatsächlich eine Art von Bürgerkrieg, wie ihn manche Medien beschrieben? War das häufig sehr harte Eingreifen der Polizei entsprechend legitim – oder steigerte es vielmehr das Eskalationspotential?

 

Lassen sich aus den Ereignissen Prognosen für die Zukunft des policing von Protesten generieren? Und wer waren diejenigen, die dort auf so vielfältige Art und Weise ihren Protest gegen den Gipfel, mal mehr und mal weniger friedlich, kundtaten? Diese Fragen stellt sich auch die Polizei. Sie beantwortet sie mittels verschiedener Klassifikationsschemata, mithilfe derer Differenzen in den zu polizierenden Gruppen heuristisch erfasst werden. Hinter diesen Klassifizierungen stehen jedoch ihrerseits unbestimmte Ordnungsvorstellungen, wie sie etwa als cop culture, aber auch in der formalen Polizeikultur wirkmächtig sind. Als Schemata erhalten sie eine Form, mittels derer sie auch in juristischen Verfahren als Geltung erlangen. Sie haben darüber hinaus Folgen für die Wahl der Einsatzmittel und die Härte polizeilichen Vorgehens. Bislang liegen allerdings nur wenige Studien vor, die diese Selektivität im Protest Policing systematisch untersucht hätten. Um diesen Fragen nachzugehen fand am 13. Oktober 2017 am Centre Marc Bloch der HU Berlin ein von DANIELA HUNOLD (Deutsche Hochschule der Polizei, Münster), ANDREA KRETSCHMANN (Centre Marc Bloch, Berlin) und PETER ULLRICH (Zentrum Technik und Gesellschaft, TU Berlin) organisierter Workshop des Arbeitskreises „Soziale Bewegungen und Polizei“ und des „Instituts für Protest- und Bewegungsforschung“ (ipb) statt. Die Vorträge waren in zwei Blöcke gegliedert, von denen der erste einen allgemeinen Zugang zum Thema erschloss, während der zweite einen spezifischeren Fokus auf den G20-Gipfel richtete.

MORITZ SOMMER (Berlin) und SIMON TEUNE (Berlin) präsentierten als Auftakt des zweiten Blocks die vorläufige Auswertung einer Befragung von Demonstrierenden auf dem G20-Gipfel. Auf zwei Demonstrationen, am 2. sowie am 8. Juli 2017, wurden die Motivationen und Einstellungen Protestierender mithilfe quantitativ ausgerichteter Fragebögen erhoben. Ein wesentlicher Befund der Befragung sei ein Wandel der Haltung der Protestierenden gegenüber der Polizei innerhalb der sechs Tage zwischen den jeweiligen Erhebungen: So sei auf der Abschlussdemonstration am 8. Juli die Polizei als deutlich aggressiver wahrgenommen worden, während wiederum das Vertrauen in die Polizei als Institution stark abgenommen hätte. Als möglichen Grund hierfür gaben SOMMER und TEUNE neben der Zerschlagung der „Welcome to Hell“-Demonstration und der Ausschreitungen im Schanzenviertel auch eine unterschiedliche Behandlung der beiden Demonstrationen selbst an. Zudem seien weder polizeiliche Repression oder eine Ablehnung der Überwachung ein zentrales Anliegen der Protestierenden gewesen, noch hätte eine starke Differenz hinsichtlich des Grades der (Links-)Radikalität der Teilnehmer festgestellt werden können, wodurch diese Differenz hätte erklärt werden können.[1]

Hieran anschließend formuliert PETER ULLRICH (Berlin) zwölf Thesen zu den Vorfällen rund um den G20-Gipfel in Hamburg. Das policing der Gipfelproteste habe sich in dem Dilemma (I) befunden, sowohl Proteste als auch das Gipfeltreffen zu ermöglichen. In der Praxis sei der Widerspruch einseitig zugunsten der Sicherheit der Gipfelteilnehmer aufgelöst worden (II). Hierzu sei eine Technik- und Waffenshow inszeniert worden (III), bei welcher es aber nicht geblieben sei: Die niedrige Eingriffsschwelle und die schlechten Einsatzbedingungen hätten das Auftreten von Polizeigewalt gefördert (IV). Ein verstärkter Einsatz von PR seitens der Polizei habe die Proteste begleitet (V). Dabei seien neben eskalativen durchaus auch pragmatische Einsatztaktiken beobachtet worden (VI), je weiter die Proteste zeitlich oder räumlich vom eigentlichen Gipfelgeschehen entfernt gewesen wären. An vielen Stellen jedoch könne das polizeiliche Vorgehen als unprofessionell bewertet werden (VII), sofern es Eskalationen bis hin zu Paniken beförderte. Zu den Ausschreitungen selbst blieben weiterhin viele Fragen offen (VIII). Es stünde jedoch fest, dass es sich um eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen gehandelt habe, bei welcher neben politischen Motiven die Männlichkeitskonstruktion der Beteiligten und der Eventcharakter der riots eine Rolle gespielt hätten. Die Geschehnisse ließen sich angesichts des entgrenzten Agierens der Sicherheitsbehörden (inklusive Rechtsbrüche) insgesamt als Ausnahmezustand zweiter Ordnung beschreiben (IX). Um die Vorfälle adäquat aufarbeiten zu können, bedürfe es einer unabhängigen Untersuchungskommission (X) sowie personeller und struktureller Konsequenzen (XI) – wobei sich abzeichne, dass grüne Regierungsbeteiligungen für die Versammlungsfreiheit keine erweiterten Handlungsspielräume böten (XII).

STEPHANIE SCHMIDT (Jena) erläuterte im Anschluss daran am Beispiel des G20-Gipfels, vor welche Probleme die empirische Forschung im Fall von Ethnographien bei Protestereignissen gestellt sei. Zunächst sei festzuhalten, dass Ethnographien in diesem Feld besonders wichtig seien um auch Verhaltensweisen der Akteure in Konfliktdynamiken erfassen zu können, welche in Interviews oder Gruppendiskussionen nicht erhoben werden könnten. Dabei gäbe es aber auf Seite der sozialwissenschaftlichen Institutionen noch Aufholbedarf: So gäbe es kaum Leitfäden, anhand derer sich Soziologen und Ethnologen im Feld und insbesondere in der Konfrontation mit der Polizei orientieren könnten, weshalb sich Forschende an bewegungsnahe Beobachterleitfäden halten müssten. Auch der mangelnde rechtliche Schutz bezüglich der erhobenen Daten stelle Forscher vor ein nicht nur ethisches Problem: Bild- und Videomaterial könnten von der Polizei an Ort und Stelle bereits beschlagnahmt werden, weswegen SCHMIDT im Feld allein auf Stift und Zettel als Werkzeug zurückgegriffen habe. Aufgrund des hohen Interesses aller Akteure sei es darüber hinaus schwierig, relativ unentdeckt beobachten zu können. Vielmehr müsse man bisweilen auch mit der wissenschaftlichen Distanz brechen, etwa wenn akut (erste) Hilfe zu leisten sei. Auf den Vorschlag zur Institutionalisierung einer offiziellen Akkreditierung von Demonstrationsbeobachtungen im Besonderen entspann sich eine kontroverse Debatte darüber, ob dies nicht dem normativen Impetus derselben abträglich wäre. Ein Konsens konnte jedoch dahingehend erzielt werden, dass der Sicherheit der generierten Daten größere Aufmerksamkeit geschenkt werden müsse.

RAFAEL BEHR (Hamburg) analysierte in seinem Vortrag eine Tendenz zur Militarisierung der Polizei. Der Begriff der Militarisierung, der nicht ohne Schwierigkeiten sei, beschreibe weniger eine funktionale als eine habituelle Tendenz: Seit dem Pariser Attentat auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo rüste sich auch die deutsche Polizei für Angriffe mit schwereren Waffen. Referenzgröße sei seitdem die Kalashnikow, das AK47. Zur apparativen trete auch eine taktische Aufrüstung hinzu: Im Amokkonzept liege die Priorität nicht mehr bei der ersten Hilfeleistung für etwaige Verwundete oder Opfer eines Anschlags, sondern bei der Ausschaltung des Täters, der nun als ‚Feind‘ im strengen Sinn erscheine. Dies schlage sich auch in der Ikonographie nieder: In den bildlichen Selbstdarstellungen der Polizei würden vermehrt Situationen der Überwältigung des Gegners dargestellt. Auch die Kleidung würde zusehends martialischer – besonders dann, wenn auf Bildern die Einsatzausrüstung mit der Freizeitkleidung kombiniert würde, um allzeitige Einsatzbereitschaft zu symbolisieren. Diskursiv würden diese Tendenzen zum einen durch eine mentale Aufrüstung begleitet, welche sich etwa in der Abwertung von Kritikern oder der Beschwörung von Kriegszuständen äußere. Zum anderen könnten auch eine mediale und rhetorische Aufrüstung festgehalten werden: Berichterstattung im Stil von Kriegsreportagen und embedded journalism legitimierten die Militarisierung der Polizei in der Öffentlichkeit. Damit drohe nicht nur eine Verfestigung von Feindbildern innerhalb und außerhalb der Polizei, sondern auch die funktionale Entgrenzung der Organisation.

Zuletzt referierte MICHAEL PLÖSE (Berlin) die Probleme und Möglichkeiten einer Reform der Polizei. Die Grundproblematik der Polizei als Vertreterin des staatlichen Gewaltmonopols bestehe zunächst in ihrer Verpflichtung gegenüber dem Volk. Deshalb ringe sie um das Vertrauen der Bevölkerung. Ihr drohe ein permanenter Gesichtsverlust im Falle des Fehlschlagens eines Einsatzes, weshalb für sie in der Praxis die Devise gelte: „Lieber später entschuldigen als schwächeln“. Hierbei überwiege ein polizeiliches Selbstverständnis als missverstandene Institution. Konträr hierzu stünden sowohl die stärkere Gewichtung polizeilicher Aussagen in juristischen Verfahren als auch die zunehmende Informalisierung und Vergeheimdienstlichung der Polizei, welche die Kontrolle polizeilichen Handelns vor den Verwaltungsgerichten zusehends erschwere. Dies wiege umso schwerer, als die Polizei auf dem Boden von Generalklauseln agiere, die eine höchst komplizierte Ermächtigungsgrundlage konstituieren würden. Die Polizei fordert daher pragmatisch, die juristische Komplexität wie folgt zu reduzieren: „Wenn wir können, müssen wir auch dürfen“. Verschiedene Möglichkeiten zur Kontrolle und Reform der Polizei können daher auf ihre Wirkmächtigkeit hin befragt werden: Von der organisationalen Selbstverwaltung und Demokratisierung der Institution über einen höheren Grad an Diversität im Personal bis zur Etablierung einer Fehlerkultur schienen viele Vorschläge durchaus sinnvoll. Unmittelbar nötig sei jedoch eine unabhängige Beschwerdestelle, welche angemessene Ressourcen zur Verfügung habe um unverzüglich mögliches Fehlverhalten im Dienst öffentlich transparent und unter Einbeziehung der Opfer überprüfen zu können – auch solches, welches nach juristischen Maßstäben nicht justiziabel sei.

Die geplanten Vorträge von DANIELA HUNOLD (Münster) und ASTRID JACOBSEN (Nienburg), die sich explizit mit der Praxis des Selektiven Polizierens, besonders mit dem Blick auf soziale Bewegungen und Unterschiede in der Bewertung rechter und linker Gruppen befasst hätten, entfielen leider. Damit rückte das Thema des Workshops allerdings keinesfalls aus dem Blick: Der sozialwissenschaftliche Fokus lag, so lässt sich resümieren, auf der polizeilichen Konstruktion des Störers, des Gefährders oder gar des ‚Feindes‘ und den jeweiligen Techniken zu dessen Festsetzung oder Bekämpfung im Kontext von Protesten und Demonstrationen. Der Tenor lautete, dass nach dem G20-Gipfel in Hamburg zwar noch nicht von einem Umbruch hinsichtlich polizeilicher Strategien gesprochen werden könne. Allerdings ist weniger die Forschung als die Gesellschaft vor die Frage gestellt, wie hoch sie das Gut der Versammlungsfreiheit in Anbetracht der oben genannten Entwicklungen gegenüber dem der öffentlichen Sicherheit zu gewichten gewillt ist. Für das nächste Jahr ist ein Folgeworkshop geplant, der die aufgenommen Themen weiterverfolgen soll.

_______________________________

[1] Verschiedene Mitglieder des AK „Soziale Bewegungen und Polizei“ haben die Geschehnisse um den G20-Gipfel in Hamburg beobachtet. Die Ergebnisse ihrer systematischen Beobachtungen sowie der Befragung von Protestierenden sind unter folgendem Link online verfügbar: https://protestinstitut.eu/wp-content/uploads/2017/11/NoG20_ipb-working-paper.pdf

December 08 2017

Neue Ausgabe von Surveillance & Society

Vol 15 No 5 (2017): Open Issue

This final open issue of 2017 includes articles interrogating various forms of hidden or unanticipated surveillance. These range from the “surveillance capitalism” regimes of big data companies, to police and employment discrimination based on supposedly neutral indicators of one’s character, to anticipatory citizen filming of police violence. The issue also offers seven book reviews.

November 30 2017

Adventskalener von Digitalcourage

Um die Adventszeit zu verkürzen!!

November 22 2017

teleschirm

Google collects Android users’ locations even when location services are disabled


qz.com published on 21.11.2017:
[...]
Since the beginning of 2017, Android phones have been collecting the addresses of nearby cellular towers—even when location services are disabled—and sending that data back to Google. The result is that Google, the unit of Alphabet behind Android, has access to data about individuals’ locations and their movements that go far beyond a reasonable consumer expectation of privacy.
[...]

November 19 2017

teleschirm

Eltern überwachen Kinder: Bundesnetzagentur verbietet Kinderuhren mit Abhörfunktion


heise online schreibt am 13.11.2017
Smarte Kinderuhren mit sogenannter “Babyphone-Funktion” sind in den Augen der Regulierungsbehörde unerlaubte Sendeanlagen und dürfen in Deutschland nicht mehr verkauft werden.

November 13 2017

teleschirm

Moskau: 160.000 Kameras mit Gesichtserkennung geplant


derstandard.at schreibt am 19.09.2017:

Erste Tests laufen seit einem Jahr und sollen zu sechs Verhaftung geführt haben – 95 Prozent der Gebäudeeingänge abgedeckt
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