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September 12 2019

High-Rise und das neue Wohnen in Hamburg

Über meine Beigeisterung des Buches High Rise von JG Ballard habe ich in den vergangenen Wochen ja schon öfter berichtet.

Bei einem Stadtspaziergang in der von mir koordinierten Sommerschule “Stadt und Konflikt” waren wir auch in der so genannten “(Neue) Mitte Altona” und beim Anblick einiger der neuen Häuser, war ich doch sehr an das Buch erinnert.

Vor allem die Balkone eines Bauabschnittes haben es mir dabei angetan.

© 2019 Nils Zurawski © 2019 Nils Zurawski © 2019 Nils Zurawski © 2019 Nils Zurawski © 2019 Nils Zurawski

September 09 2019

Journal: Visibilities and New Models of Policing

Die neuese Ausgabe des Journals Surveillance & Society widmet sich der Polizei: Visibilities and New Models of Policing, Vol 17 No 3/4 (2019).

This special issue, guest edited by Keith Spiller and Xavier L’Hoiry, investigates the blurring of boundaries between police and publics, particularly with respect to citizen-based policing schemes. In addition to an editorial introduction and nine curated articles, the issue includes nine regular articles and a number of book reviews.

Die Artikel reichen von BodyCams zu protest policing, von der Rolle sozialer Medien für vigilante Nachbarschaftswachen, bis hin zur Idee einer Ordnung ohne Polizei und einige mehr.

Konferenz: Quo vadis Überwachung

Ich hätte einen Titel besser gefunden, der fragt wohin die Gesellschaft geht, nicht die Überwachung, denn so könnte man auch annehmen, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat, aber das ist nur mein soziologisch gefärbter Blick. Ansonsten empfehlenswert, wenn die Kollegen von netzpolitik.org eine Konferenz abhalten.

Preview #15np: Quo vadis, Überwachung?

 

August 30 2019

Richard Sennett “Die offene Stadt”

Für Soziopolis habe ich eine Rezension von Richards Sennets Buch “Die offene Stadt” geschrieben.

Im Buch gibt es auch Anschlussmöglichkeiten für die Themen Kontrolle und moderne Stadt, wie ich in der Rezension auch festhalte:

Um Sennetts These einmal konkret nachzuvollziehen, möchte ich hier auf das meines Erachtens gelungenste Kapitel eingehen – Kapitel 6: Tocqueville in Technopolis. Für seine Gegenüberstellung von offener und geschlossener Stadt wählt er das Beispiel der so genannten Smart City. Diese Städte der Zukunft werden maßgeblich von digitaler Technologie mitbestimmt, die in ihre Infrastruktur eingewoben sein wird und auf diese Weise steuern oder gar bevormundend eingreifen kann. Sennett beschreibt die Möglichkeiten zur Nutzung der Smart City als koordinierend oder vorschreibend. Die erste Variante ergänzt sich Sennett zufolge ideal mit dem Konzept einer offenen Stadt(entwicklung) und symbolisiert diese, während die zweite, vorschreibende Variante eine geschlossene Stadt nach sich zieht. Als Beispiel für Letzteres führt der Autor das Googleplex in New York an, ein geschlossener Ort, den Sennett als eine Art Ghetto bezeichnet. Innerhalb dieses Komplexes sollen die Angestellten möglichst wenig mit den Profanitäten des täglichen Lebens in Berührung kommen, sie sollen sich auf die Arbeit konzentrieren, möglichst rund um die Uhr.

August 28 2019

August 20 2019

Kommentar: Polizei und Vertrauen

Ich habe für Deutschlandfunk Kultur am 15.8.2019 ein Politisches Feuilleton zu Polizei und Vertrauen gemacht. Der Umstand, dass vieles bei der Polizei darauf hindeutet, dass die Polizei dem Bürger nicht vertraut, sich aber umgekehrt darüber beschwert, dass der Bürger Transparenz möchte, um das Vertrauen zwischen beiden zu verbessern, hat mich beschäftigt.

https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2019/08/15/polizei_die_entfremdeten_buerger_in_uniform_drk_20190815_0722_ff8f870c.mp3

Dass am gleichen Abend eine ARD-Kontraste-Dokumentation zu gleichen Thema lief, war Zufall, bringt aber noch eine andere Dimension in die Debatte.

Staatsgewalt – Wenn Polizisten zu Tätern werden, (RBB 15.8.2019, generell: ARD, Kontraste, Erstausstrahlung am 29.07.2019/Im ERSTEN/rbb)

Und dann noch eine Link zur auch von mir erwähnten Studie Körperverletzung im Amt durch Polizeibeamte” der Uni Bochum.

August 07 2019

“Dritte Welt” als Versuchskaninchen der Überwachung?

Warum sollte moderne Überwachungstechnologie Halt vor Weltgegenden machen, die, so könnte man meinen, andere Probleme haben. Aber Authentifizierung und Identifizierung spielen zum einen in vielen Zusammenhängen eine wichtige Rolle:

Immer wieder werden in verwüsteten Gegenden Hilfsprogramme missbraucht, und die Stärksten bereichern sich. Das WFP argumentiert, nur mit biometrischen Prüfungen könnten die Hilfsgüter die wirklich Bedürftigen sicher erreichen. Sonst fließe das Geld an Kriegsparteien, das könne man als humanitärer Helfer nicht zulassen. Doch das Misstrauen gegen die internationale Organisation ist groß, und einmal mehr stößt der Einsatz biometrischer Systeme auf Widerstand.

Zum anderen ist die Vermutung des Autors des Artikels Biometrie in Hilfsprogrammen. Ohne Gesichts-Scan kein Essen (SZ, 6.8.2019, Autor: Adrian Lobe) dass hier ein Testbed für Überwachungstechnologien bestehen könnte nicht so weit hergeholt.

Die Journalistin und Medientheoretikerin Ariana Dongus argumentiert, die Flüchtlingscamps des UNHCR seien “Versuchslabore für biometrische Datenerfassung”: Neue Technologien würden im globalen Süden getestet, bis sie in der westlichen Welt als sicher und damit verkäuflich gelten. Die neomarxistische These: Der Norden liefert die Technik, den Menschen im unterentwickelten Süden bleibt nichts anderes übrig, als diese zu nutzen. Die Abhängigkeit geht weiter.

So wurden viele Technologien und Verfahren ehedem in den Kolonien getestet und verbessert. Und in Ergänzung zu dem Artikel sei hier der Bericht Track, Capture, Kill: Inside Communications Surveillance and Counterterrorism In Kenya von Privacy International empfohlen, der zusätzliche Informationen liefert und die These stützen würde. 

October 26 2018

Geheimdienste und die Forschung

Ein Artikel in der FAS (leider nicht online gefunden, 1.7.2018) hat mich darauf aufmerksam gemacht und ich wollte es hier nicht unerwähnt lassen. Die CIA betreibt ein eigenes Forschungsjournal – Studies in Intelligence.

The mission of Studies in Intelligence is to stimulate within the Intelligence Community the constructive discussion of important issues of the day, to expand knowledge of lessons learned from past experiences, to increase understanding of the history of the profession, and to provide readers with considered reviews of public literature concerning intelligence.

Nun denn, ungewöhnlich, vielleicht sogar ein wenig schräg, aber ein Blick lohnt sich bestimmt. Ob dieses Journal auch Vorbild für die American Literary Historical Society aus Three Days of the Condor war ist unklar, es läge aber nahe.

Reposted fromteleschirm teleschirm

August 14 2018

Geheimdienste und die Forschung

Ein Artikel in der FAS (leider nicht online gefunden, 1.7.2018) hat mich darauf aufmerksam gemacht und ich wollte es hier nicht unerwähnt lassen. Die CIA betreibt ein eigenes Forschungsjournal – Studies in Intelligence.

The mission of Studies in Intelligence is to stimulate within the Intelligence Community the constructive discussion of important issues of the day, to expand knowledge of lessons learned from past experiences, to increase understanding of the history of the profession, and to provide readers with considered reviews of public literature concerning intelligence.

Nun denn, ungewöhnlich, vielleicht sogar ein wenig schräg, aber ein Blick lohnt sich bestimmt. Ob dieses Journal auch Vorbild für die American Literary Historical Society aus Three Days of the Condor war ist unklar, es läge aber nahe.

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August 12 2018

Lauschangriff aus der Tiefe

Der Beitrag ist zwar schon etwas älter (Novermber 2017), aber weil ich gerade in Hamburg eine großartige Arbeit von Trevor Paglen (webseite) gesehen habe (Kunsthalle, Control / No Control), will ich hier diesen Tipp auch posten.

Es geht um einen Betrag in der Zeitschrift Mare mit dem Titel Lauschangriff aus der Tiefe, in der es um die Seekabel des Internets geht.

Seekabel bilden die Nervenstränge unserer digitalen Gesellschaft. Ohne sie gäbe es die markantesten Formen des Kapitalismus nicht. 2012 berechnete die Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft, dass der Datenverkehr durch die Seekabel einem Transaktionswert von zehn Trillionen US-Dollar entspricht – und zwar täglich.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 23. September. Lohnenswert!!

August 01 2018

Ringvorlesung: Polizei

Dieses ist eine Vorankündigung für eine Ringvorlesung, die ich für das Wintersemester 2018-19 an der Uni Hamburg organisiert habe.

Polizei: Wissenschaftliche Perspektiven auf eine Institution.

An 7 Terminen jeweils montags, 18 – 20 Uhr, Raum 221, Westflügel, Edmund-Siemers-Allee 1.

Artikel: Überwachung von Athleten

Marcel Scharf, Nils Zurawski, Tom Ruthenberg:

Negotiating privacy. Athletes’ assessment and knowledge of the ADAMS. in Performance Enhancement & Health, online published 31.7.2018.

(Bei Interesse bei mir melden)

July 13 2018

Rezension: Rethinking Surveillance and Control

Rezension: zusammen mit   Criminologia-LogoKopie

Elisa Orrù/Maria Grazia Porcedda/Sebastian Weydner-Volkmann (eds.): Rethinking Surveillance and Control. Beyond the “Security versus Privacy” Debate.  (Sicherheit und Gesellschaft, volume 12), Baden-Baden: Nomos 2017.

von Jonas Vollmer, Berlin

Über den Sammelband

Der Sammelband ist das Ergebnis eines Symposiums, das 2015 am Freiburg Institute of Advanced Studies (FRIAS) stattfand. Aus der Perspektive verschiedener Disziplinen (Kritische Studien, Internationale Beziehungen, Rechtswissenschaft, Philosophie und Soziologie) und Regionen (EU, Italien, Deutschland) diskutiert er das Verhältnis zwischen Sicherheit, Freiheit und Privatsphäre im Kontext der Snowden-Enthüllungen seit 2013 sowie der Anti-Terror-Maßnahmen und Sicherheits- und Migrationspolitik seit 2001.

Zentraler Ausgangspunkt des Sammelbands ist die polarisierende Gegenüberstellung von Sicherheit und Freiheit/Privatheit in vielen politischen und wissenschaftlichen Debatten zu (internationalen) sicherheitspolitischen Fragen seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Vor allem das trade-off model – Privatheit und Privatsphäre müssten in (inter-)nationaler Politik und Rechtsprechung zugunsten der Sicherheit aufgegeben werden – soll hinterfragt werden. Dazu untersuchen die Autoren Überwachung als Ausdruck von Macht und Kontrolle in ihren Auswirkungen, wie beispielsweise gesellschaftliche In-und Exklusion, sowie Freiheit als Privatheit. Ebenso geht es um die verschiedenen rechtlichen und semantischen Bedeutungsebenen von Sicherheit und Risiko (safety, security and risk). Dabei werden Beispiele aus politischen Handlungsfeldern und Informations- und Kommunikationstechnologien herangezogen.

Die Beiträge des Sammelbands im Überblick

Kapitel 1 bis 3 konzentrieren sich auf die (inter-)nationale Terrorbekämpfung mittels US-Sanktionen, Flughafenkontrollen und Überwachung durch die US-Geheimdienste. Sie reflektieren dabei Konzepte für Sicherheit, Risiko und verschiedene Rechte.

Patrick Herron (Kapitel 1) kritisiert am Beispiel des UN-Komitees für Sanktionen gegen AI-Qaida und die Taliban (1267 Comittee) liberale Modelle, die Freiheit als einen gegenüber Sicherheit auszubalancierenden Konterpart betrachten, und plädiert für das Modell republikanischer Freiheit: Freiheit als Nicht-Beherrschung (statt Nicht-Einmischung), Freiheit und Sicherheit als sich gegenseitig bestärkend statt sich antagonistisch gegenüberstehend.

Sebastian Weydner-Volkmann beschreibt in Kapitel 2, wie sich seit 9/11 und dem historischen Wandels des Risikomanagements in der Sicherheitspolitik Flughafenkontrollen unter dem Paradigma der risikobasierten Passagierkontrolle (risk based passenger screening: RBS) wandeln. Mit der Einteilung von Passagieren in verschiedene Risikogruppen (mit unterschiedlicher Agressor-Wahrscheinlichkeit) und dementsprechend intensiver Kontrolle (screening) gilt RBS als proaktiver Versuch, das Trilemma zwischen effektiver Sicherheitsgarantie, Kosten für Industrie und Flugpassagiere sowie ethischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Konsequenzen zugunsten von mehr Sicherheit im Flugverkehr zu lösen. Weydner-Volkmann entwickelt drei Varianten des RBS-Paradigmas, die je unterschiedliche Implikationen für das Trilemma beinhalten: Passagiergruppenbildung gemäß a) Kontextdaten zur allgemeinen Bedrohungssituation (situational risk based screening), b) zuvor erhobenen persönlichen Daten (profiling based passenger screening) und c) direkt vor und nach dem Kontrollprozess erhobenen Verhaltensdaten (behavioural analysis based passenger screening).

Thomas Linder (Kapitel 3) kritisiert an der Überwachungsdebatte in Reaktion auf die Snowden-Enthüllungen der NSA-Aktivitäten, dass sie mehrheitlich auf Panoptik-Metaphern, wie beispielsweise “Big Brother” und “Orwellian”, beruhten und dadurch Ambivalenzen ausgelöst hätten, die zentrale Aspekte der Überwachungspraktiken verschleierten. Linder plädiert daher zugunsten einer differenzierten Betrachtung mittels post-panoptischer Theorien und zeigt, wie die Gegenspieler in Überwachungspraxis und -diskursen (insbesondere Regierungen und Journalisten) zentrale Konzepte wie “Privatsphäre/Privatheit” oder “Freiheit” unterschiedlich konstruiert haben.

Überwachung und das Recht auf Privatsphäre/Privatheit in der EU.

In Kapitel 4 analysiert Elisa Orrù das Schengen Informationssystem (SIS) zur automatischen Suche von Objekten und Personen und die Vorratsdatenspeicherung in der EU am Beispiel der Richtlinie 2006/24/EC als Überwachungspraktiken, die den Charakter der sich ausdehnenden Macht der EU zeigen. Unter Rückgriff auf Herrschafts- und Legitimationstheorien Arendts, Webers, Habermas’ und Bobbios stellt Orrù die Entscheidungsfindung der EU als vertikal und horizontal fluide dar, der klare und stabile Verantwortlichkeiten für Entscheidung und Umsetzung fehlen. Sie betrachtet den Rückgriff der EU-Institutionen auf Sicherheit als Wert und Referenz für Dynamik daher als Kompensation für die Legitimationsprobleme, die die EU durch ihre wachsenden supranationalen Machtstrukturen erfährt.

Maria Grazia Porcedda (Kapitel 5) kritisiert am trade-off model, dass mit ihm sicherheitspolitische Maßnahmen in der EU nur mangelhaft erfasst und bewertet werden können. Denn der komplexe Begriff der Privatsphäre wird, so Porcedda, im EU-Recht als Sammelbegriff für einerseits privates (Familien-)Leben und andererseits für den Schutz persönlicher Daten verwendet – also für zwei unterschiedliche Dinge. So müssten verschiedene Ansprüche auf Privatsphäre gegenüber Sicherheitsfragen abgewogen werden. Porcedda zeigt, dass die verschiedenen Privatheits-Ansprüche des EU-Rechts entscheidend für eine Stärkung individueller Persönlichkeits- und Selbstbestimmungskonzepte sind. Es macht, so schlussfolgert sie, keinen Sinn, Privatheit und Sicherheit abstrakt einander gegenüberzustellen. Vielmehr müssen für konkrete Maßnahmen, die auf Sicherheit abzielen, die konkreten, rechtlich verbürgten Rechte auf Privatheit herangezogen werden. Das vertiefte Verständnis von Sicherheit und Privatheit zeigt, so Porcedda, dadurch auch auf, wie es um die Verfassungswirklichkeit in der EU bestellt ist.

Kapitel 6 und 7 betrachten den Widerhall der Herausforderungen internationaler Sicherheitspolitik und die Wechselbeziehungen zwischen Überwachung, Sicherheit und Privatheit auf innenpolitischer Ebene am Beispiel der Nationalstaaten Deutschland und Italien.

Jörg Klingbeil (Kapitel 6), 2015 noch Baden-Württembergs Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, stellt die Arbeit seiner Behörde und deren handlungsleitende nationale und EU-Datenschutzprinzipien vor. Sein Fokus liegt, neben kurzen Erläuterungen zu den Verhandlungen um die Datenschutz-Grundverordnung auf der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs über das Safe Harbor-Abkommen und dessen Nachfolger, den EU-US Privacy Shield. Dessen Zustandekommen durch die Initiative des österreichischen Jurastudenten Max Schrems reflektiert er ebenso wie er selbstkritisch die Rolle der EU-Institutionen und Datenschutzbehörden in ihrer wachsenden Verantwortung anspricht.

In Kapitel 7 beschäftigt sich Enrico Gargiulo mit Überwachungspraktiken in Italien gegenüber “unerwünschten Individuen” wie Migranten und Menschen aus sozial niedrigen Schichten. Zu solchen Praktiken zählt Gargiulo Versuche von Gemeindebehörden, Migranten nicht in ihre Stadt zu lassen, aber auch die Verweigerung der Registrierung von Migranten in ihrem Ort (und damit auch die Verweigerung von Rechten wie z.B. einer Arbeitserlaubnis). Überwachung wird dazu benutzt, zwischen Menschen mit und ohne Aufenthaltsberechtigung zu unterscheiden. Soziale Kontrolle wird hier nicht, so Gargiulo, als monitoring (Identifizierung zur Registrierung für die Anerkennung administrativer Existenz von Menschen), sondern als Kategorisierung und Selektion ausgeübt, um die symbolischen Grenzen zwischen Kommune (ihren Rechten, sozialen Begünstigungen und Leistungen) und den ausgeschlossenen “Unerwünschten” aufrechtzuerhalten.

Mit Kapitel 8 beschließt Michele Rapoport den Sammelband und dessen “Zooming”-Perspektive von der internationalen zur regionalen und nationalen Ebene mit einem Blick auf den räumlichen Kernbereich von Privatsphäre: Die private Wohnung und neue Praktiken der Selbstüberwachung mit SmartHome-Technologien. Nach Rapoport können diese nicht nur panoptische Kontrolle im heimischen Bereich, sondern auch erwünschte Befähigung des Individuums bedeuten, das selbst über Sichtbarkeit und Überwachung entscheidet. Doch dies rüttelt am traditionellen Verständnis von Zuhause und Privatheit: Im überwachten Heim kann sich Persönlichkeit nicht in Zurückgezogenheit herausbilden, sondern durch das ständige Gesehen Werden. Rapoport lässt offen, ob dies begrüßenswert ist, und öffnet den Blick auf mögliche zukünftige Formen von Autonomie, Zuhause sowie auf Fragen nach Würde und Privatsphäre in der Gesellschaft insgesamt.

Ein Fazit

Die bisweilen verwirrende Vielfalt an Perspektiven aus Soziologie, (Datenschutz-)Recht, Internationalen Beziehungen und (Rechts-)Philosophie erhält durch die “Zooming”-Perspektive des Bandes (von der internationalen zur häuslichen Perspektive) eine Struktur, die den Band als Gesamtvorhaben zusammenhält, transdisziplinär Überwachung und Kontrolle zu diskutieren. Als Band einer Tagung, die viele Forschungsfelder zusammenbrachte, ist die Sammlung weniger für Spezialisten aus den Einzeldisziplinen geeignet. Vielmehr dient sie fortgeschrittenen Studierenden, Forschenden und Akteuren aus Recht, Politik und Verwaltung mit Interesse an Surveillance Studies und Internationalem Recht.

Auch ohne die “Zooming”-Perspektive, um die sich die Herausgeber bemühen, lassen sich die Aufsätze auch einzeln mit Gewinn lesen. Für konzeptionelle Klarstellungen lohnen sich insbesondere die Ausführungen Herrons (Kapitel 1) zu (republikanischer) Freiheit und Sicherheit sowie die EU-politischen/-rechtlichen Überlegungen (Orrú, Kapitel 4; Porcedda, Kapitel 5). Besonders aufschlussreich ist Gargiulos Blick auf Überwachung und Migration in Italien, indem er Überwachung als soziale Kontrolle fokussiert, die gesellschaftliche In- und Exklusion bedeutet (Kapitel 7). Rapoports Beitrag (Kapitel 8) zeigt schließlich am Beispiel von SmartHome und Selbstüberwachung auf, dass Privatheit/Privatsphäre, Autonomie, Macht und Kontrolle höchst komplexe und wandelbare Konzepte sind, die stets neuer wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Diskussion bedürfen.

Rapoports Artikel wie auch der Sammelband als Ganzes werden dieser selbst gestellten Aufgabe, Überwachung und Kontrolle jenseits der Gegenüberstellung von Sicherheit und Privatheit neu zu denken, in vielfacher Weise gerecht.

July 12 2018

Buch des Lebens – Google und der Wissensdurst

Beängstigende Zukunftsvision, radikaler Denkanstoß? Die Meinungen über das Video “The Selfish Ledger” von Google gehen auseinander.

Sicher ist, dass die Idee verstört, ein Protokoll des ganzen Lebens in all seinen Verästelungen würde dort erstellt und vorgehalten. Für wen? Unklar. Auch warum das gut sein soll ist nicht offensichtlich. Für das “gute Leben”, das dann von den Maschinen gelesen, gesteuert und bewertet wird? Die SZ und FAZ haben dem Video längere Texte gewidmet:

Das Thema ist nicht neu, auch nicht hier im Blog, wo ich es unter den Aspekten Kontrolle und Konsum schon öfter diskutiert habe. Das Video zeigt nochmal eine neue Qualität und neue Ebenen dessen, was möglich sein könnte (oder schon ist?).

Der FAZ-Artikel “Die Macht der Maschinen”  (leider nicht frei online zu lesen, so auch nicht ein Interview im Hamburger Abendblatt zwischen einer Philosophin und einem Mathematiker zum gleichen Thema) liefert dazu interessante Einblicke in die Forschung zu automatischen Entscheidungsapparaten, die auch Recht sprechen sollen und weitreichend unser Leben eingreifen sollen. Warum, frage ich mich, wollen wir das überhaupt? Weil es geht? Weil es modern ist? Weil dahinter Geschäftsmodelle stecken? Warum trauen sich Menschen so wenig Verantwortung zu? Beim Thema Strafrecht, Verbrechen und Urteile finde ich, dass sowohl die Techniker als auch manche Philosophen Recht zu einfach und mechanistisch denken, denn die Ursprünge von Gesetzen, ihr allgemeines und spezielles Zustandekommen werden nicht berücksichtigt. Und hier liegen bereits erste Machtverschiebungen und Diskriminierungen, auch wenn später eine Maschine farbenblind entscheiden mag.

So muss man in den USA die dort gebräuchliche Kategorie “Rasse” (race) nicht in automatische Urteile einbeziehen, kann also “farbenblind” sein, wenn die Kategorie Wohnort entsprechend von den Algorithmen ausgewertet wird. Mit einer segregierten Wohnbevölkerung wie sie in vielen Städten der USA vorzufinden ist, wird nur ein anderer Weg einer möglichen Diskriminierung genommen, diese aber nicht ausgeschlossen. Ganz abgesehen davon wer welche Gesetze wie ausformuliert und wer davon dann entsprechend betroffen ist.

Karten, die diese Segregierung amerikanischer Wohnbevölkerung zeigen finden sich hier:

In anderen Ländern und Kontexten sind andere Kategorien wirksam. Doch eine Nichtbeachtung der Konstruktion von Gesetzen, kann nicht von einer algorithmisierten Rechtssprechung aufgehoben werden.

Zukunftsvisionen wie The Ledger erscheinen mir zu technizistisch gedacht, wenn man bedenkt, dass die Grauzonen, die Ambivalenzen vieles im täglichen Leben ausmachen, insbesondere in solchen Bereichen wie Recht. Mit einer algorithmisierten Gesellschaft könnten diese Graustufen verloren gehen, aber nur so würde eine Kontrolle, basierend auf Standards und Normalisierungen von Alltag überhaupt nachvollziehbar funktionieren. Die Frage ist wer die Normen macht, für wen sie da sind, oder ob die Menschen für die Normen da sind, damit die Algorithmen und mit ihnen Geschäftsmodelle oder Herrschaftskonstrukte nachhaltig wirken können?

 

 

 

 

 

July 10 2018

Forensik als Gegenüberwachung

 

Forensik auf diese Art und Weise gesehen, ist auch ein Teil von Gegenüberwachung. Zumal es sich hierbei um den NSU-Komplex handelt, der durch die Geheimdienste, die klandestinen Machenschaften hinter den Morden und den vielen Absurditäten in der Verhandlung, insbesondere bei der Beweissicherung (und iher Vernichtung) abgespielt haben.

Dieser Beitrag ist sehenswert und das Projekt hoch interessant, nicht nur, aber auch unter den Aspekten Sichtbarkeit und Überwachung.

77sqm_9:26min

June 26 2018

Whistleblower gegen Big Data-Missbrauch

Die ZEIT hat eine Kampagne gegen den Missbrauch von Big Data gestartet. Unter dem Titel “Wir wollen von Ihnen hören” kann man sich melden, wenn man in der Tech-Industrie arbeitet und Informationen über Missbrauch oder andere nicht korrekte Dinge, Geschäftsmodelle usw. hat.

Besitzen Sie Informationen, wonach ein Technologieunternehmen etwas Falsches tut oder mit seinen Daten nicht korrekt umgeht? Sind Sie nach nach bestem Wissen und Gewissen davon überzeugt, dass die Öffentlichkeit Schaden nimmt, dass sie ausgenutzt oder hinters Licht geführt wird?

Ich finde das hier deshalb interessant, weil es es einerseits um das Thema Big Data geht, das auch im Feld von Überwachung und Kontrolle eine bedeutende Rolle spielt; andererseits ist Whistleblowing durchaus etwas, das man als sousveillance bezeichnen könnte.

Zu diesem Them gibt es dann noch zwei Webseiten, auf die ich in diesem Zusammenhang aufmerksam machen möchte.

Ans Tageslicht und das Whistleblower Netzwerk. Vor allem Ans Tageslicht dokumentiert eine Reihe von Fällen und ist eine exzellente Recherchequelle für Geschichten von Whistleblowern, auch den auf den ersten Blick nicht so spektakulären. Das Signals Network, zu dem auch die ZEIT gehört, will sicherlich die ganz großen Geschichten. Ob das Thema Daten allein so geeignet ist, bezweifele ich, denn eine Skandalisierung von Daten und Datengebrauch allein erklärt nicht viel, wenn man nicht auch die gesellschaftlichen Hintergründe und sozialen Einbettungen von Sammlungen, ihrem Missbrauch und den geteilen und so wertvollen Informationen bewertet. Da wäre in vielen Berichten noch Luft nach oben, aber ein Anfang ist gemacht und die offensive Art ist zu begrüßen. Mal schauen, ob wir Geschichten darüber zu hören bekommen.

 

 

 

 

 

 

June 20 2018

Ausschreibungen für Surveillance Studies Preise 2019

Ab sofort stehen die Ausschreibungen für die Surveillance Studies Preise 2019 online.

Dieses Jahr gibt es wieder den jährlichen Preis für Journalist*innen

sowie den alle zwei Jahre verliehenen Publikationpreis für Nachwuchswissenschaftler*innen.

Einsendeschluss ist jeweils der 15. September 2018.

June 15 2018

Rezension: Das Gefängnis auf dem Prüfstand

Rezension: zusammen mit   Criminologia-LogoKopie

Bernd Maelicke & Stefan Suhling: Das Gefängnis auf dem Prüfstand. Zustand und Zukunft des Strafvollzugs. Springer 2018.

von Johannes Feest, Bremen

June 05 2018

Rezension von Gary T. Marx’ Windows into the Soul

Im Kriminologischen Journal 2/2018 ist meine Rezension von Gary Marx letztem Buch “Windows into the Soul” erschienen (nach einiger Verzögerung, dafür in einem schönen Themenheft zum Thema Prediction/Vorhersage)

Gary selbst hat die Rezension schon vor längerer Zeit selbst übersetzt und beide Versionen auf seiner Webseite veröffentlicht.

May 31 2018

Chinas Social-Score

Über den Versuch seine eigene Bevölkerung nicht nur zu überwachen, sondern auch zu kontrollieren, zu erziehen und besser zu steuern, wurde im Zusammenhang mit Chinas Idee eines Social Score viel berichtet, z.B. hier Social Scoring in China. Im Reich der überwachten Schritte, taz.de 10.2.2018.

Weitere Artikel dazu:

Es gibt aber auch Kritik an der Berichterstattung und Kritik an der Art der gemachten Kritik an dem Score – einer Idee, die für uns so fremd wirkt, aber oft doch viel näher ist, als wir denken mögen.

Und ganz ehrlich bin ich mir sicher, dass Firmen und Bürokraten des Staates so ein System auch hier gut finden würden – bei allen öffentlichen Bekundungen und Schwüren zum liberalen Staat und einer freizügigen Gesellschaft, u.a. hier:

China through a glass, darkly. What foreign media misses in China’s social Credit, China Law Translate, 24.12.2018, Autor: Jeremy Daum

Darin kritisiert der Autor die ungenügende Berichterstattung, wobei er in keiner Weise die mit dem System verbundene Überwachung verneint noch gutheißt. aber ihm missfallen so manche Vergleiche und er gibt am Ende eine sehr passende Warnung, die wir auch in der Forschung berücksichtigen müssen, bei aller Kritik an Überwachungsmaßnahmen hier und anderswo:

This article wasn’t meant to be about China so much as foreign coverage of China. China’s Social Credit is often used as a way of discussing our own situation from a safe distance. This is, of course, also the role that science fiction like “Black Mirror” and Orwell’s 1984 has traditionally played, so it isn’t surprising to see them invoked here as well. We look at exotified foreign nations or speculative futures in order to reflect on our present, but what we take away from it likely says more about us than about the subject of our examination.

This is all fine, but it’s important to also remember that there are two stories worth exploring here; what is actually happening in China and what we fear is happening to ourselves.

Und dann gibt es noch zwei wissenschaftliche Publikationen zu dem Thema, die zu empfehlen sind:

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