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March 30 2020

Überwachung, Pandemien und Sicherheit

Gedanken und Texte in Corona-Zeiten

© 2020 TU Wien / dwh © 2020 TU Wien / dwh

Nach den ersten Wochen des Kontaktverbots und der Empfehlung besser zu Hause zu bleiben, der Sorge um Eltern und Kinder, um Freunde und andere Nahestehende, in der ich versuche so viel wie möglich an Informationen zu verarbeiten wie es geht, kann ich leider nur sagen: Es wird da draußen eher unübersichtlicher als klarer. Aber das ist vielleicht der Kern einer Krise.

Kommentare und Einschätzungen zur Krise, zur Zukunft der Gesellschaft gibt es derzeit reichlich. Aus allen klugen und wirren Ecken. Ich möchte mich hier gar nicht einreihen in das Spiel und mitspekulieren, sondern ein paar Ressourcen teilen, die sich aus meiner Sicht eher generell mit verschiedenen Aspekten der Krise auseinandersetzen, denen das tagesaktuelle Geschwirre ein wenig fehlt. Das gelingt nicht immer, aber ich hoffe zu einem Teil. Dazu gehört in diesem Blog selbstverständlich zu allererst der Aspekt der Überwachung und Kontrolle, namentlich die Diskussion zu Tracking sowie die Angst vor dem autoritären Staat, der jetzt die Krise nutzt und alles umkrempeln will. Bei letzterem bin ich ob der Analyse vorsichtig, aber eine gute Chronologie zur innneren Sicherheit liefert Cilip – zu den Tracking Apps habe ich selbst etwas gesagt, …

… und zwar hier:

Corona und Überwachung

Soziologie und Krise – fehlende Fragen?

Ich möchte hier nicht noch einmal alle Äußerungen der vielen Kollegen im Einzelnen durchgehen, die in den vergangenen Tagen an verschiedenen Stellen gemacht worden sind, das wurde bei Soziopolis sehr schön zusammengestellt (auch bei Gedankenstrich.org). Bei Durchlesen einiger dieser Beiträge und auch in der Zusammenstellung allerdings werde ich Gefühl nicht los, dass der Hang zur Prognose so verlockend ist, dass die Entwicklung von Fragen ein wenig aus dem Blick gerät. Viele der Argumente und Prognosen sind dabei auch gar nicht so neu (u.a. neue/alte Solidarität; Wiederkehr des Nationalen; Staat vs. Neoliberalismus; post-irgendwas…) – eine schöne Ausnahme ist der Kollege Sven Opitz, der nun mit seinem Thema Pandemien vorn dran ist.

Aber haben diese gemutmaßten Entwicklungen tatsächlich mit der Corona-Krise zu tun oder wirkt diese hier eher als Verstärker von Prozessen, die ohnehin abliefen? In der sog. Flüchtlings-Krise von 2015 wurden ähnliche Analysen von den gleichen Leuten vorgebracht. Mit Gil-Scott Heron gesprochen, sehen wir hier nicht die Revolution (übertragen), sondern die Ergebnisse einer Revolution, also Dinge, die jetzt nur zu Tage treten, für welche Corona nicht ursächlich ist. Allerdings zeigt sich in der Krise wo Gesellschaft anfällig sein kann, welche Ressourcen sie (und ihre Mitglieder) nutzen könn(t)en um mit entsprechend stressvollen Situationen umgehen kann. Daher wundert es mich auch nicht, dass der vor wenigen Jahren noch so gehypte Begriff der Resilienz in diesem Analyse kaum fällt oder damit weitergedacht wird. Womit also könnten wir uns beschäftigen wenn das alles vorbei ist, womit sollten wir uns jetzt beschäftigen?

Die Kriminologie sollte zumindest den Blick für die Verwerfungen, die Abweichungen und die Katastrophen der Gesellschaft haben. Bevor ich also daran denke, was Corona mit der Gesellschaft macht, fordert die Krise doch viel eher heraus zu fragen, was macht Gesellschaft eigentlich aus und was und welche Routinen und Selbstverständlichkeiten werden da gestört. Mehr Blick auf den Alltag aus der Gesellschaft wird, auf die Strukturen und ihre Ambiguitäten. Und generell finde ich die Frage wie Corona auf Gesellschaft wirkt nur halb so interessant, wie die danach, wie die Menschen und wir als Gesellschaft mit der krisenhaften Situation umgehen. Was sind also die Dinge, Aspekte und Institutionen in der Gesellschaft, die die nötige Ressourcen für eine Resilienz bereitstellen können. Und haben die gehalten? Oder was hat sie beschädigt? Was tun Menschen um mit der Gefahr, der Unsicherheit, den schon jetzt spürbaren Folgen umzugehen?

Im Hinblick auf den Staat würde ich mir in der Tat den Umgang mit der Ausnahme anschauen, wie haben verschiedene Regierungen das gemanagt, wie verhielt sich die Polizei, welche ohnehin vorhandenen autoritären Strukturen und Verhaltensweisen brechen oder brachen sich hier Bahn. Welchen Bedeutungswandel hat Sicherheit in der Krise erfahren, nun gekoppelt an Gesundheit, Sozialität und welche disruptiven hat das auf Gesellschaften. Ich bin mir nicht sicher, ob man hier einen Vergleich ziehen kann, aber ein Blick auf die verheerenden Auswirkungen, die AIDS in Afrika und auf dortige Gesellschaften hat, lohnt in diesem Zusammenhang vielleicht.

Anstatt also einer Kaffeesatzleserei zur Gesellschaft nach Corona fröhnen, würde ich mir vermehrt gute Fragen für die weitere Beschäftigung damit wünschen.

Info- und Lesestoff

In den letzten paar Wochen habe ich eine ganze Reihe von interessanten Infos, Quellen und Literatur zu Corona, aber auch zu Pandemien oder Sicherheit gefunden, gesammelt und werde sie hier mehr oder weniger kommentiert zur Verfügung stellen. Es ist enorm schwer sich selbst ein Bild zu machen, Wissen zu generieren, zumal sich auch die Virologen und Epidemologen nicht immer einig sind. Ob hier auch die plötzliche mediale Aufmerksamkeit charakterliche Schwächen hervorbringen, ist eine andere Frage, die ich hier nicht klären kann.

Wer Wissenschaftlern beim Diskutieren und Denken zuschauen will, der kann das bei L.I.S.A. tun, wo u.a. Jürgen Zimmerer von der Uni Hamburg mit anderen “Corona, geisteswissenschaftlich betrachtet”.

Grundsätzlich und mit Blick auf die Verfassung gibt es scharfe Analysen im Verfassungsblog sowie eine Übersicht der Rechtsakte, die im Zusammenhang mti Corona erlassen wurden im LexCorona-Wiki.

Unter dem Titel The Politics of COVID-19 hat Evgeny Morozov in seinem Syllabus-Projekt fast schon zuviele Quellen und Texte zusammengesammelt. Einen Bericht darüber gibt es im Correspondent.

Das Magazin Politico hat eine Art Übersicht der Zukunftseinschätzungen 34 amerikanischer Wissenschaftler, Denker und Intellektueller gemacht. Schaut selbst ob da neue Erkenntnisse dabei sind. Coronavirus Will Change the World Permanently. Here’s How.

Etwas anders der Blick von David Grossmann in seinem Corona-Tagebuch bei der FAZ, insbesondere mit einem Blick auf den Israel/Palästina-Konflikt.

Dann gibt es wahrscheinlich eine ganze Reihe von Podcasts, die sich mit dem Thema beschäftigen, aber wahrscheinlich keinen mit dem Titel PlaguePod Live, der auf den Seiten des Verlags Urbanomic erscheint.

Hörenswert ist auch der Podcast Sicherheitshalber, der seinen Fokus nun nicht überraschend auch auf die Corona-Krise ausgeweitet hat und wo auch über Resilienz gesprochen wird.

Und dann gibt es ein Gespräch mit Mike Davis, dem Soziologen, dessen Werk sich rund um Katastrophen, Pandemien und die Welt aus der Sicht der Disruptionen dreht, als Text hier: Mike Davis on Coronavirus: “In a Plague Year” in Jacobin 14.3.2020. (auf Deutsch hier)

The Dig, 20.3.2020

Und wenn wir schon bei der Apocalypse sind, dann sind Science-Fiction-Autoren immer eine gute Adresse. Hier ist ein interessanter Text über William Gibson und sein Werk in Bezug zur Apocalypse. Corona kommt in dem Text nicht vor, aber so viel Fantasie haben bestimmt alle. William Gibson on the apocalypse: “it’s been happening for at least 100 years”, New Statesman 26.2.2020

Mein persönlicher Tipp hierzu wäre noch, die Zeit zu nutzen und JG Ballard zu lesen oder gerade jetzt zu entdecken.

Und zu guter Letzt noch ein paar vermischte Sachen. Ein Artikel aus Science zu Fledermäusen und Viren von 2013, mit dem so beänstigenden Titel: Bats May Be Carrying the Next SARS Pandemic; ein Text über The Prememory of the Pandemic in der Dublin Review of Books.; und noch etwas zu den Olympischen Spielen und Corona von Jules Boycoff: The 2020 Games Are Postponed, but Should the Olympics Even Happen at All Anymore?, The Nation 24.3.2020.

Ich selbst hoffe noch ein paar mehr Gespräche in den Berichten aus Panoptopia zum Thema Corona, Pandemien und Sicherheit/Überwachung in den nächsten Wochen führen zu können.

March 25 2020

March 23 2020

Rezension: Muster (1)

Rezension: zusammen mit 

Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: CH Beck, 2019.

von Nils Zurawski, Hamburg

„Muster“ ist gar kein Buch zu Überwachung und nur zu einem Teil geht es um Kontrolle, dennoch erscheint es mir einige wichtige Impulse für die Diskussion zu diesen Phänomenen zu geben, weshalb eine Beschäftigung aus dieser Perspektive hier sehr lohnenswert erscheint. Nicht zuletzt da kontroverse Debatten zu Überwachung und eine Kritik an vielen neuen, digitalen Technologien, sehr prominent vor allem Algorithmen und Künstliche Intelligenz, sich an der Verarbeitung von Daten abarbeiten und darin Muster – richtige, falsche, vermeintlich falsche, neue, konstruierte usw. – eine wesentliche Rolle spielen. Die Digitalisierung, wie sie uns in der Gesellschaft heute begegnet, hat viel mit der Auswahl und der Bedeutung von Mustern zu tun.

Ob es eine Theorie der digitalen Gesellschaft tatsächlich geben muss, stellt Armin Nassehi bereits zu Beginn seines Textes zumindest zur Diskussion. Muss es eine weitere Gegenwartsdiagnose geben, die die Gesellschaft auf einen Aspekt reduziert, wie bereits andere vor ihr – Risiko, Medien, Sicherheit etc.? Nassehi findet ja und ich würde ihm hier zustimmen wollen. Andere Autoren sprechen von der digital condition (Felix Stalder), ich selbst habe es in einem Aufsatz eine conditio digitalis genannt, ein digitales Zeitalter, mit dem ein Epochenbruch vollzogen wird. Ich sehe den Bruch allerdings erst jetzt vollzogen, Nassehi konzentriert sich nicht auf die Beschaffenheit der Gegenwart, in der digitale Technologie bestimmend dafür ist, wie Gesellschaft organisiert, soziale Beziehungen gelebt und ausgehandelt werden, in der ein Alltag ohne digitale Technologien in vielen Teilen der Welt nicht länger denkbar ist. Seine Entscheidung fußt auf auf dem Argument, dass moderne Gesellschaften schon immer digital waren. Dass die Gesellschaft auf sich selbst als Gesellschaft aufmerksam geworden sei, verortet Nassehi in das 18. und 19. Jahrhundert (S. 45), die Zeit also kurz nach der Aufklärung, dem Aufkommen von Massenindustrien, der Bürokratisierung von Gesellschaft, dem Aufkommen von Nationalstaaten als vorherrschender Organisationsform politischer Einheiten, die sich nicht zuletzt auf das Muster ethnischer Homogenität stützen wollen – mit bis heute zum Teil absurden, zum Teil monströsen Ausformungen und mörderischen Konsequenzen (Arjun Appadurai bringt die Zusammenhänge von Identität, der Konstruktion von Minderheiten und Gewalt sehr gut auf den Punkt in der Geographie des Zorns, 2009). Und schließlich ist es eben auch kein Zufall, dass genau in dieser Zeit Jeremy Bentham das Panopticon erdacht und konzipiert hat.

Um eben diese dann entstehenden Gesellschaften (vor allem im Westen und über deren Kolonialdrang dann auch in der ganzen Welt) zu organisieren, brauchte man zum einen Zahlen, zum anderen aber vor allem Methoden um Sinn aus den so erhobenen Zahlen zu ziehen. Die Bewertungsmaßstäbe für die erkennbaren Muster ergaben und ergeben sich aus dem Zeitgeist heraus, eben nicht aus den Mustern selbst, wie heute gern angesichts einer vermeintlichen Objektivität von Big Data und Algorithmen hoffend behauptet wird. Die Gesellschaften wurden modern und somit komplex, arbeitsteilig, wie Durkheim es gegen Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Buch „Über die Teilung der sozialen Arbeit“ (De la division du travail social, 1893) als zeitgenössische Gegenwartsdiagnose beschrieben hatte und damit die Begründung der Soziologie als Fach der Moderne und seiner Verwerfungen voran getrieben hat.

Da Nassehis kluge und verblüffend einfache Frage in Bezug auf Digitalisierung ist „für welches Problem sie eine Lösung“ darstellen würde (S. 28), ist seine Antwort ebenso logisch wie wenig überraschend: „Das Bezugsproblem der Digitalisierung ist die Komplexität und vor allem die Regelmäßigkeit der Gesellschaft selbst“ (S. 29). Die moderne Gesellschaft erkenne sich praktisch selbst in diesen Regelmäßigkeiten durch eine nun mögliche Selbstbeobachtung. Dieser Blick ist ein digitaler Blick, in dem Muster erkannt und geordnet, analysiert und zur Verbesserung und Organisation der Gesellschaft von nun an verwendet werden können. Sein Beweggrund für diese Perspektive ist so nachvollziehbar wie wackelig. Wenn sein Argument tragfähig ist, Digitalisierung als Modus von Gesellschaftserkenntnis zu sehen, dann ist eine Theorie der Digitalisierung nicht auf die Techniken und mögliche von ihm auch kulturpessimistisch (mein Begriff) zu nennende Wirkungsanalysen beschränkt. Nassehi will über die so verbreitete Analyse hinausgehen, die soziologische und andere Disziplinen in Bezug zur digitalen Welt kennzeichnen und die man wie folgt zusammenfassen könnte: „Wie verändert das Digitale die Gesellschaft?“. Indem er die Selbstbeschreibung und Selbsterkennung von Gesellschaft durch die von ihr beobachtenden Mustern als ihre Grundlage beschreibt, geht es eben nicht um die Technologien, sondern um die Gesellschaft selbst. Er kommt allerdings an diesem Beschreibungs- und Analysemodus auch nicht ganz vorbei, wenn er u.a. über die „radikalen Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt“ spricht (S. 125) um die Erscheinungsweisen zu diskutieren. Ob man dazu die veränderte Perspektive auf Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert mit dem Begriff digital versehen muss oder ob es vor allem die Verlockung des Begriffes ist, ist zumindest eine Diskussion wert. Das Bild und was es ausdrücken soll, funktioniert so, das gebe ich gern zu, sehr gut und ist einprägsam.

Als Hauptargument seiner Herleitung kann Kapitel 3 zu den multiplen Verdoppelungen angesehen werden. Darin gibt es eine kleine systemtheoretische tour de force, und eine erkenntnistheoretische Erörterung darüber wie Welt wahrgenommen, repräsentiert und letztlich beschrieben werden kann. Das ist durchaus charmant und auch für jemanden wie mich, der der Systemtheorie nicht so viel abgewinnen kann, hilf- und erkenntnisreich. Allerdings geraten bisweilen die Begriffe hier und da durcheinander, so dass dem Leser nicht ganz klar ist, dass mit Digitalisierung manchmal die Entwicklungen der Gegenwart gemeint sind und eben nicht der Umstand, dass Gesellschaft im 18. Jahrhundert digital wurde – z.B. auf S. 119, wenn er von Digitalisierung als Störung der Moderne spricht. War sie nicht konstitutiv für die Moderne, in seinen Worten, die moderne Gesellschaft immer schon digital? Das wird beim Lesen, vor allem zu Beginn des Buches nicht immer ganz trennscharf klar. Abgesehen von solchen Unschärfen bietet das Buch eine Menge an Beispielen und klugen Denkansätzen, die für soziologische Analysen jenseits der Fragephrase „Was-macht-das-mit-Gesellschaft?“ sehr gut nutzen kann, auch für die Analyse von Überwachung.

Hinsichtlich Überwachung ist das Buch deshalb interessant, weil er viel über Algorithmen, Codierung, Programmierung, Künstliche Intelligenz, Big Data und Privatsphäre spricht. Das ist nicht immer neu, vor dem Hintergrund der Perspektive auf Muster aber durchaus interessant, z.B. wenn er von der Mentalisierung von Maschinen spricht (S. 246). Der Fokus auf Muster richtet den Blick auf die Geschichte und die Bedeutung von Überwachung und Kontrolle in modernen Gesellschaften, die sich eben nicht in Videotechnik oder einer Vorratsdatenspeicherung erschöpft (oder gar darin begründet), sondern in der vollständigen Rationalisierung von Gesellschaft seit rund 250 Jahren. Besonders interessant wird es, wenn er davon spricht, dass das Projekt der Digitalisierung ein Projekt der Kontrolle, eines Kontrollüberschusses sei (S. 43). Er bezieht es auf die gegenwärtige Entwicklung, ich würde allerdings behaupten, gerade die Kontrolle über Muster, über Einordnungen, Rationalisierungen und das bewusste Kategorisieren von Gesellschaften zu ihrer Handhabbarmachung, Organisation und letztlich auch der Kontrolle von so viel funktional-differenzierter Komplexität, war den modernen Gesellschaften ebenso eingewoben wie der von ihm festgestellte Kritiküberschuss als Merkmal moderner Gesellschaften. Hier finde ich Nassehi nicht eindeutig. Er verhakt sich in den eigenen Begriffen und Abgrenzungen, was so nicht nötig gewesen wäre, da die Ausgangsidee so gut ist (die auf S. 212 als Fazit noch einmal gut zusammengefasst wird), dass er sie auch ohne weitere Abgrenzungen hätte durchziehen können – wenn man sich darauf einlässt die Attribute modern und digital historisch zusammenzudenken .

Insgesamt finde ich das Buch gut und gelungen. Der systemtheoretische Hintergrund bleibt genau dort und überfrachtet das Buch nicht zu sehr. Es gibt einige Wiederholungen, wie bei einer solchen langen Erörterung einer Theorie wohl nicht zu vermeiden sind, weil Nassehi (wie wir alle so häufig) auch noch die letzten Winkel der Möglichkeiten und Beispiele erkunden und aufführen möchte.

Was fehlt ist eine Reflexion über die Bedeutung von Macht und Herrschaft hinsichtlich der Muster als Möglichkeit der Selbstbeobachtung von Gesellschaft und somit ihrer Organisation und Ausgestaltung. Das ist, so finde ich, ein blinder Fleck der theoretischen Erörterungen von Nassehi. Ob er mit seinem Beitrag zu einer Wiedergeburt der Soziologie aus dem Geist der Digitalisierung (so der Titel des Abschlusskapitels) beitragen kann, muss abgewartet werden. Ich teile die Einschätzung, dass es eine Chance sein kann und Muster ist bestimmt eine der besten Beiträge dazu hierzulande, vor allem weil diese von ihm kommt, einem anerkannten, in der gegenwärtigen Deutschen Soziologie wichtigem Akteur. Im Feld derer, die sich mit Digitalisierung, Überwachung, Kontrolle etc. seit geraumer Zeit beschäftigen, besteht diese Hoffnung schon länger, wurde bislang aber eher nicht bedient. Insofern und weil es ein paar sehr schöne Ideen für die theoretische Arbeit jenseits der Digitalisierung bietet, ist dieses Buch durchaus die Lektüre wert und eine Bereicherung für die Diskussion. Auch weil es sich von anderen Gegenwartsanalysen der Spätmoderne, Postmoderne, oder auch Spätkapitalismus mit seinem grundsätzlichen historischen Blick angenehm abhebt und die digitale Welt und ihre Logik, in der wir uns täglich verheddern, in den Mittelpunkt stellt und nicht als Fremdkörper behandelt, wenn überhaupt.

Armin Nassehi und die Digitalisierung

Es muss in Zeiten von Corona auch andere Dinge zu berichten geben, wobei die Ideen, die Armin Nassehi zu Mustern und dem Erkennen von Gesellschaft ausführt, können auch viel von dem Erklären wie wir mit den Zahlen, Mustern und Regelmäßigkeiten in der Krise zur Bewältigung derselben umgehen. Eben nicht mehr dem Schicksal ergeben, sondern aktiv dabei, dem Virus auf der Spur, mit einer gehörigen Portion Digitalität und digitaler Technologie. Dass dabei nicht immer alles zum Einsatz kommen kann oder muss, was so geht, sieht man an der Diskussion über die Nutzung der GPS- und Standortdaten der Mobilfunk-Nutzer, die zumindest in Deutschland momentan keine Option zu sein scheint.

Hier sind 2 Videos von Vorträgen Armin Nassehis, in denen er seine durchaus charmante Idee digitalen Gesellschaft und ihrer Muster ausführt.

March 20 2020

Corona und innere Sicherheit

Auch wenn ich mich ohne viel Gezeter an die Maßnahmen halte, und einige auch mit dem Wissen, dass ich habe und mir glaubhaft vermittelt wird, gut finde, so ist es ebenso angezeigt über einige der Maßnahmen krtisch und verstärkt nachzudenken.

Eine Art Tagebuch über die Maßnahmen der inneren Sicherheit in Zeiten von Corona führt Cilip, die Zeitschrift für Bürgerrecht und Polizei, und ich finde diese Zusammenstellung ist wichtig und einen Besuch wert.

March 18 2020

March 11 2020

Über KI, Bewerbungen und Simone Browne

February 28 2020

Olympia und Sicherheit

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft hat eine neue Publikation als Entscheidungs- und Hintergrundhilfe für die Politik erstellt. Mit dabei auch ein Aufsatz von mir.

Robin Streppelhoff & Andreas Pohlmann (Hrsg.): Sportgroßveranstaltungen in Deutschland, Band 1: Bewegende Momente. BISP 2020.

Darin: Nils Zurawski: Mega-Event – Mega-Sicherheit? Sportgroßveranstaltungen als gesellschaftspolitisches Sicherheitsproblem.

Sie auch dazu die Nationale Strategie Sportgroßveranstaltungen des BMI

Reposted by02mydafsoup-01 02mydafsoup-01

February 18 2020

Zur Biographie von Edward Snowden

Für das sozialwissenschaftliche Nachrichtenportal Soziopolis habe ich unter dem Titel Public Service eine Rezension von Edward Snowdens Biographie geschrieben. Beginnen tut sie mit einem Zitat, welches ich für zentral, nicht nur für das Buch, sondern für die Betrachtung von Staat, vor allem im Zusammenhang mit Geheimdiensten, halte.

Wenn man nicht in einem solchen Milieu groß geworden ist, muss man sich Fort Meade und seine Umgebung, ja vielleicht sogar den ganzen Beltway, als eine riesige Firmenstadt vorstellen. Seine Monokultur hat viele Gemeinsamkeiten mit Orten wie dem Silicon Valley, nur ist das Produkt des Beltway nicht Technologie, sondern die Regierung selbst.“ (S. 53)

February 17 2020

Rezension: Making Surveillance States

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Heynen, R., & van der Meulen, E. (Hg., 2019). Making Surveillance States: Transnational Histories. University of Toronto Press.

von Anke S. Obendiek, Hertie School, Berlin

Ob automatische Gesichtserkennung, Big Data oder Künstliche Intelligenz: Im Rahmen von Debatten zu Datensammlung und Überwachung wird immer wieder über die Frage der potentiell neuen Qualität von Überwachung diskutiert. Der Sammelband Making Surveillance States: Transnational Histories, herausgegeben von Robert Heynen und Emily van der Meulen, versucht, dem Mythos der Neuartigkeit digitaler Surveillance mit einer historischen Aufarbeitung zu begegnen. Als zentrales Thema befasst sich das Buch daher mit der Allgegenwärtigkeit von Überwachung, insbesondere im Kontext der Frage, inwiefern Nationalstaaten auf Überwachungssystemen aufgebaut sind. Während der Sammelband staatlicher Überwachung nachprüft, untersucht es diese als transnationales und globales Phänomen. Auch Staatenbildung wird eingebettet in globale Strömungen verstanden.

Neben einer Einleitung von Heynen und van der Meulen und einem kurzen Abschlusskapitel umfasst das Buch ein Vorwort von David Lyon sowie elf empirische Aufsätze, die in ihrer Gesamtheit Überwachung aus historischer Perspektive beleuchten und jeweils drei größeren Themenblöcken zugeordnet sind. Theoretisch ist das Buch in den Surveillance Studies verortet und beleuchtet nicht nur klassische Perspektiven, wie beispielswiese Social Sorting anhand von David Lyon, oder Biopower anhand von Michel Foucault und Giorgio Agamben, sondern zeigt auch, insbesondere im empirischen Teil, zum Teil historische oder postkoloniale Ansätze als Kontrapunkt auf, beispielsweise James C. Scott, W.E.B. Du Bois oder Achille Mbembe.

Dieser theoretische Ansatz wird im Fokus auf Kapitalismus, Kolonialismus, Industrialisierung und Urbanisierung fortgeführt. Die Rekonstruktion von Überwachungspraktiken und -diskursen im 19. und 20. Jahrhundert zeichnet dabei nicht nur Staatenbildung im globalen Zusammenhang nach, sondern zeigt auch auf, wie gesellschaftliche Entwicklungen durch Mikropraktiken von Überwachung geprägt werden. Dabei demonstrieren Heynen und van der Meulen auch, wie leicht Narrative, die die Neuartigkeit von Surveillance betonen, ein eurozentrisches Weltbild verfestigen können.

Im ersten empirischen Teil wird das Thema Überwachung im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit behandelt. Die Untersuchung von Desinfizierungsarbeit im Kontext des Britischen Weltreichs im zweiten Kapitel, beispielsweise, benutzt Jacob Steere-Williams Konzepte wie Biopower und Social Sorting und diskutiert das Verhältnis von Staat und kranken, gesunden, bedrohlichen Körpern. Dabei bringt es konzeptuell vielfältige Perspektiven auf Gender, Klasse und Sexualität ein, um imperiale maskuline Gesundheit und Gesundheitspraktiken zu beleuchten. Im dritten Kapitel untersucht Holly Caldwell die Rolle von Eugenik in Mexiko im frühen 20. Jahrhundert als Teil eines umfassenden Überwachungsmechanismus. Bereits im späten 19. Jahrhundert wurde durch die Kategorisierung von Taubheit als problematische Krankheit die Grundlage für die Definierung und Sortierung unerwünschter Körper gelegt. Das vierte Kapitel zeichnet feinnervig die Restriktion von Cross-Dressing in Südafrika zwischen 1906 und 2004 nach.

Im zweiten Teil liegt der Schwerpunkt auf den Themen Identifikation, Regulierung und koloniale Kontrolle. Im fünften Kapitel zeigen Ian Warren und Darren Palmer die Beziehung zwischen kolonialer Überwachung in Australien und kriminologischen Entwicklungen in Großbritannien auf. Das außergewöhnliche sechste Kapitel von Uma Dhupelia-Mesthrie and Margaret Allen vergleicht Migrationskontrolle in Australien und Südafrika insbesondere asiatischer Migrant*innen und diskutiert durch eine Social Sorting-Perspektive ebenfalls die Rolle von Körpern, die durch die vermeintliche Abweichung von einer konstruierten Norm Diskriminierung erfahren. Die enge Verbindung zwischen biometrischer und kolonialer Überwachung wird auch insbesondere im siebten Kapitel deutlich. Hier vergleicht Midori Ogasawara administrative Überwachungspraktiken in Japan mit der von Japan im Jahr 1931 besetzten Mandschurei und macht den Prozess von gesteuerter Volkwerdung durch Abgrenzung und Ausbeutung deutlich. Das achte Kapitel untersucht die Rechtfertigung israelischer Überwachung der palästinensischen Bevölkerung 1948 bis 1967 durch Bezugnahme auf einen konstruierten Ausnahmezustand.

Im dritten Teil des Buches werden die Themen staatliche Sicherheit, Polizei und Widerstand diskutiert. Das neunte Kapitel befasst sich mit was Cristina Plamadeala „Dossierveillance“ im kommunistischen Rumänien nennt und analysiert den Geheimdienst Securitate als zentralen Akteur von Überwachung und Unterdrückung. Im zehnten Kapitel rücken die Überwachungsakteure auch auf individueller Ebene in den Fokus. Kathryn Montalbano untersucht FBI-Agenten und ihre Beziehung zu staatlich ideologischen Vorgaben in der Überwachung des von Quäkern geprägten American Friends Service Committees. Das elfte Kapitel zeichnet eindrucksvoll den Widerstand gegen Überwachung von Aktivist*innen und Medien der Untergrundpresse in den USA in den 1960er/70er Jahren nach und macht auf Parallelen zu heutigen Überwachungspraktiken und Widerstandsmechanismen aufmerksam. Das zwölfte Kapitel widmet sich noch konkreter den Verbindungen zwischen historischer Perspektive und Gegenwart und erforscht die konstruierte Repräsentation von Polizeiarbeit und performativer Erinnerungsproduktion in Polizeimuseen in Ontario. Im Abschlusswort betont Simone Browne erneut die Bedeutung historischer Perspektiven in der Untersuchung kontemporärer Überwachungspraktiken.

Im Vorwort betont Lyon, dass das Buch die Geschichte von Überwachung als menschliche Geschichten darstellt. Dies das macht meiner Meinung nach auch den gelungensten Beitrag der Aufsätze aus. Dem Sammelband gelingt es, nicht nur Überwachung als eine Ansammlung verschiedener Phänomene im Bereich Gesundheit, Sexualität und Administration nachzuzeichnen, sondern auch die Komplexität und Intimität der Machtbeziehungen hervorzuheben. Interessant wäre eine umfassendere Reflexion zur Rolle von Forschung und Erinnerung als eine überwachende Praktik gewesen, die nur kurz angerissen wird. Auch eine ausführlichere Untersuchung zur Rolle von Körpern, beispielsweise auch aus feministischer Perspektive, im Zusammenhang mit Staatenbildung wäre hilfreich gewesen. Die größte Leistung der Beiträge besteht jedoch darin, auch die Vielfältigkeit von Widerstand so aufzuzeigen, dass den überwachten Subjekten niemals Handlungskompetenz abgesprochen wird, während gleichzeitig arbiträre Machtausübung und Intersektionalität als strukturelle Unterdrückungsmechanismen aufgezeigt werden.

Zwar ist jedem der insgesamt drei empirischen Teile ein kurzes Einleitungswort vorgelagert, eine umfassendere Darstellung der Fallauswahl und eine ausführlichere Einleitung in die Struktur des Buches hätten den Beitrag in seiner Gesamtheit jedoch noch konkreter machen können. Während der Schwerpunkt zu Beginn in großen Teilen auf britischen Kolonialgebieten liegt, werden in späteren Kapiteln auch Japan, die ehemalige Sowjetunion und die USA behandelt, insbesondere im 20. Jahrhundert. Ein Vergleich zwischen verschiedenen Kolonialmächten, wie Belgien, Frankreich oder die Niederlande, beispielsweise, hätte hier zu größerer Generalisierbarkeit beitragen können. Insbesondere der Aspekt der Staatenbildung bleibt so als Phänomen auf die einzelnen Studien beschränkt und wird nur zu Beginn als übergeordnetes Motiv konzeptualisiert. Eine umfänglichere Zusammenführung der einzelnen Beiträge in einem konkludierenden Kapitel hätte diesen Aspekt näher beleuchten können. Das Schlusswort schafft es in der gegebenen Länge nicht, die gemeinsamen Punkte so zu diskutieren, dass ein kohärentes Narrativ deutlich wird.

Zwar schafft es damit der Sammelband nicht ganz, den Mythos der neuen Qualität heutiger Überwachungspraktiken zu widerlegen, zeigt aber deutlich die extensive Geschichte auch vermeintlich moderner Überwachungsformen, wie zum Beispiel Biometrie, sowie die Kontinuität staatlicher Identifikations- und Kontrollmechanismen. Durch einen systematischeren Vergleich zu heutigen und entstehenden Überwachungspraktiken könnte die Neuartigkeit von Überwachung in der Zukunft noch konkreter evaluiert werden. Die Relevanz nicht nur für heutige, sondern auch zukünftige Überwachungsformen wird auch in der Darstellung der engen historischen Verzahnung von Überwachung und (gewaltsamer) Unterdrückung deutlich. Damit bereichert der Sammelband nicht nur Debatten in der historischen Forschung, sondern kontextualisiert auch Fragen zu kontemporärer Überwachung, indem die Beiträge eine hervorragende Einbettung von Mikro- und Mesopraktiken in eine globale von unter anderem Kolonialismus, Rassismus, und Sexismus geprägte Makroentwicklung bieten.

Anke Obendiek, Berlin

February 13 2020

Surveillance Studies Lecture 2020

Die Surveillance Studies Lecture 2020 zur Preisverleihung des JournalistInnenpreis hat in diesem Jahr der Kollege Dr. Pak-Hang Wong gehalten. Der Vortrag wurde von Lecture2Go dokumentiert und kann hier angesehen werden. Ein Interview mit Pak werde ich demnächst in den Berichten aus Panoptopia senden. Der Titel seines Vortrages ist: Three Arguments for “Responsible Users”. AI Ethics for Ordinary People.

February 11 2020

February 05 2020

Ungewollt im Fernsehen

Der Filmemacher Martin Baer, Ko-Regisseur von Der illegale Film, einer Doku über die Kulturgeschichte des Fotografierens, war ungewollt im Fernsehen, wie SPIEGEL + berichtet (Paywall). Für Recherchen zum Film hatte er als Testperson am so genannten “Feldversuch” des Bundesinnenministeriums zur Gesichtserkennung am Berliner Südkreuz teilgenommen. Dann entschied Horst Seehofer, die umstrittene Passage aus dem Gesetzesentwurf streichen zu lassen, der es der Bundespolizei erlaubt hätte, Software zur Gesichtserkennung einzusetzen. In ihrem Bericht dazu (24.01.2020) zeigte die Tagesschau unter anderem das unverpixelte Porträt von Baer – obgleich den Testpersonen zugesichert worden war, dass ihre Bilder niemals an die Öffentlichkeit gelangen würden. Auf jeden normlan Zuschauer, so wird Baer zitiert, müsse es aussehen, als wäre er ein zur Fahndung ausgeschriebener Krimineller. Es wird vermutet, dass das Foto, das Baer und weitere Personen zeigt, während eines Pressetermins entstanden ist. In den Filmaufnahmen der Tagesschau vor Ort am Südkreuz sind alle Gesichter übrigens verpixelt worden.

February 04 2020

Rezension: Monitored

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Peter Bloom: Monitored. Business and Surveillance in a Time of Big Data. Pluto Press 2019.

von Flavia Giglio, Den Haag

In 2016, the data analytics firm Cambridge Analytica digitally collected data from over 50 million Facebook profiles in order to individually influence US voters in view of perhaps one for the most significant elections of the recent history. Notably, the CEO of Trump’s campaign exploited his position in the company to use for political gain the messaging tactics usually reserved for geopolitical conflicts. Taking this crucial event as a starting point, Peter Bloom, Professor of Management at the University of Essex, explores how the contemporary historical period, economically marked by what may be defined as a neoliberalist ideology, is deeply influenced by the massive phenomenon of surveillance by means of collecting and analysing big data. Bloom argues that, while surveillance has turned into what has more properly to be called monitoring, due to the spreading culture of personal accountability derived from the practice of constantly observing and judging the digital selves we create on the Internet, the use we make of social media and personally create and manage our personal data feeds a capitalistic system which remains substantially unaccountable from the negative impact it has to society as a whole.

Corporate and political elites are indeed a narrow minority which possesses the needed sources to operate an intrusive and widespread activity of mass surveillance not anymore limited to merely know personal preferences of people to accordingly address market decisions, but also and above all to influence and shape human behaviours in order to let the citizens take an active part in the unchallenged rise of data capitalism. The book states that the same privileged minority turns away from the radar of this monitoring activity, thus remaining unobserved and, ultimately, unaccountable. Neoliberalism is strongly characterized by the affirmation of the principle of individualistic and entrepreneurial freedom as a means of liberation from an oppressive and inefficient State. Free market represents the essential condition for the concrete realization of such a principle, along with the abstract myth of a constant race to progress and the spreading of a “smart utopia” based on the belief that a correct and productive usage of social media and Internet – namely, the one suggested by dictates of aggressive capitalistic economies – may lead us through a process of self-improvement and self-management aimed to successful, winning self-made human beings capable of reaching any goal we pose to ourselves.

While the first chapter of the book introduces the concepts of neoliberalism and capitalism, giving an explanation about how digital technologies and big data became a crucial part of such ideologies, the second one provocatively states that “data is the new oil”, outlining which social factors – namely, a voyeuristic culture, a willingness to know more about ourselves, a need for lost ontological security – favour big data to be the elected means by which people become accomplices to the capitalistic system. The third chapter is specifically dedicated to the concept of “smart identity”: it is aimed to show how people, driven by a need of building a valuable and profitable neoliberal self and scared by the possibility of being left behind by a pervasive capitalistic system which does not allow alternative ways of self-development, become the ones who constantly monitor themselves, in response to a pressing need of validation and verification from a society who never stop asking for accountability of life-style as a whole. Ultimately, they are the first creators of personal data that capitalism craves for. The fourth chapter argues that people tend to perceive themselves as part of a networked community whose scenario is the new social reality of cyberspace; the perception of an limitless space where profit opportunities and marketable realities never end the increasingly blurred distinction between public and private sphere which characterized the way people make use of social media in shaping their digital selves leads to a colonization by neoliberalism of any possible expression of human life. The fifth chapter address the issue of what is the so-called fantasy of digital salvation: Bloom highlights how, in the aftermath of the economic crash of 2008, an increasing attention has been given by digital world to the need of people for a spiritual well-being. The diffusion of soul-tracking apps aimed to meditation training, to self-regulation and a new form of self-improvement gave rise to a massive collection of the so-called “deeper data”, thus allowing a capitalisation of the most intimates human desires and thoughts based on the illusion of using technology to improve quality of life. The sixth chapter how the human willingness to write their own digital history to feed an illusion of control and free choice on the future and a search for objective truth about ourselves ends up in being primary means by which building predictive algorithms which anticipate citizens’ choices for economic gains. The seventh chapter illustrates how the social credit systems designed by some firms and governments are leading to enforcement of existing discriminations and asymmetric distribution of power and are promoting the rise of a new form of totalitarianism based on the claim of monopoly of truth and the affirmation of monitoring as a social need by the aforementioned firms and governments. The eighth chapter expresses the conclusions Bloom reaches: he underlines how “the bigger the data, the smaller our ability to monitor, hold accountable and ultimately transform the status quo”. The unaccountability of elites controlling big data and capitalistic system as a whole he aimed to show in the book results in inability of the many to reorient monitoring and evade the golden cage of the neoliberal narrative. The solution proposed is a process of democratisation of big data by means of a greater public supervision and regulation, a development of the idea of “digital citizenship” and the use of modern technologies to pursue alternative and more sustainable economic models – specifically, social media, which have the potential to be a powerful tool in the so-called cyber-activism.

The declared purpose of the book is to detect how, in a digital society based on the concept of personal accountability of a monitored majority, an elite minority takes advantage of this monitoring activity and escapes judgment and accountability for it. As a consequence, such an unaccountability reflects on the capitalistic system as a whole. Nevertheless, the major merit of Bloom’s work is rather to focus on which intimate human needs and pushes lead us to embrace this new form of digital capitalism and to lose our critical view on the system. We are nowadays used to develop our personality in alignment to the current neoliberal ideology and without any external and objective perspective of how our use of technology contributes to support it. Bloom provides a comprehensive explanation of what makes the system so seductive to all of us.

The weaponization of big data has long been a matter of interest and a proven fact for academic studies on international relations, with the consequence of an increasing hyper-personalization of war which requires an adaptation of the law of war to the current realities. Rise of big data represents an epistemic challenge of many levels: the risks big data may pose range from the ideologically motivated attacks to endorsement of existing racial discrimination. In light of the changeable field of big data, the current legislation is insufficient and the need for new policy and legal approaches require a deep cognizance of the anthropological factors playing a role in spreading the culture of monitoring. “Monitored” sometimes runs the risk of becoming repetitive in elaborating certain recurrent concepts, and the solutions that Bloom outlines in the last chapter would require further development to give an effective contribution to the resolvent stage of the debate. Nevertheless, the book provides a good explanation of how we’re meant to be at the same time victims and accomplices of the misuse of big data. Being aware of which human weaknesses the capitalist system exploits in order to make our digital identities part of a purely profit-aimed economy is an essential step in developing adequate policies and legislation to respond to the new technologic challenges and preserve our free will in spite of the mostly invisible homogenizing forces which act undisturbed on the Internet.

Bibliography

Flavia Giglio, Den Haag

January 31 2020

Preisverleihung in Hamburg

Am 29.1.2020 wurde der diesjährige Surveillance Studies-Preis an die Berliner Journalistin Anna Biselli verliehen. Ihre Recherche zu den IT-Systemen des BAMF hat die Jury überzeugt.

Die Surveillance Studies-Lecture hielt Dr. Pak-Hang Wong von der Uni Hamburg. Dessen Vortrag wird demnächst bei Lecture2Go sowie in den Berichten aus Panoptopia nachzuverfolgen sein.

Auf der Shortlist des diesjährigen Wettbewerbs könnt ihr euch einen Überblick über das starke Teilnehmerfeld machen.

 

January 29 2020

Rezension: Portraits of Automated Facial Recognition

Rezension: zusammen mit   Criminologia-LogoKopie

Lila Lee-Morrison: Portraits of Automated Facial Recognition. On Machinic Ways of Seeing the Face. 2019, Bielefeld: transcript.

Von Florian Flömer, Bremen

Automatische Gesichtserkennung ist immer mehr dabei unseren Alltag zu durchdringen und zu bestimmen. Nicht erst seit den jüngsten Erkenntnissen aus der öffentlichen Debatte um die amerikanische Gesichtserkennungs-App Clearview [1], ist die Relevanz des Themas als reale Bedrohung unserer Privatsphäre offen zu Tage getreten. Bereits seit seinen Anfängen geht mit der maschinellen Erfassung des Menschen, bzw. seiner biometrischen Daten ein hartnäckiges Unbehagen einher, das den Menschen im Angesicht seines von ihm abgezogenen Daten-Double befällt. Der scheinbar objektive Blick der Maschine – früher des Fotoapparats, dann der CCTV-Kamera im öffentlichen Raum, heute der automatischen Gesichtserkennungsvorrichtungen in unseren Smartphones – verspricht Sicherheit im Gegenzug zur Preisgabe unserer Gesichter und unserer Daten. Als Reaktion auf diese gesellschaftliche Entwicklung befassen sich auch vermehrt Künstler_innen mit den Fragen und Problemen, die sich im Feld der maschinellen und algorithmisch gesteuerten Bildlichkeiten auftun. Hier setzt die Studie von Lisa Lee-Morisson an und liefert eine detailreiche Analyse maschineller Sehweisen und ihrer Reflexion und Kritik durch zeitgenössische künstlerische Positionen.

Lee-Morissons Studie versucht sich dem diskursiven Komplex automatischer Gesichtserkennung nicht aus einer technisch-anwendungsorientierten Sichtweise zu nähern, sondern aus der Perspektive der visuellen Kultur und der zeitgenössischen künstlerischen Praxis. Im Kern geht es ihr dabei um die Frage, wie sich maschinelle Seh- und Funktionsweisen für den Menschen verständlich darstellen lassen und welche neuen Beziehungen sich zwischen Mensch und Maschine in der sich permanent weiter entwickelnden Gesichtserkennung artikulieren. Ihre theoretische wie diskursive Herleitung bezieht sich auf gängige Quellen der surveillance studies, allen voran David Lyons Kritik an biometrischer Gesichtserkennung als Praxis des Aussortierens von Abweichungen und Unsicherheitsfaktoren (social sorting), sowie auf die biopolitischen Theorien von Michel Foucault und Giorgio Agamben. In der einleitenden Darstellung maschineller Sehweisen und technologischer Wiedererkennungsvorrichtungen bezieht sich die Autorin auf den in der Bildwissenschaft bereits seit längerem präsenten Begriff der technischen bzw. operativen Bilder. Dieser bezeichnet – auch in Anschluss an Paul Virilios Betrachtungen zur Sehmaschine und in direktem Zusammenhang mit Harun Farocki – Bilder, die in maschinellen Abläufen und Operationen eingesetzt werden und primär keinen ästhetischen, sondern einen rein praktischen Wert haben. Dieses Konzept schließt algorithmisch produzierte wie verarbeitete Gesichtsbilder mit ein –Bilder von Maschinen für Maschinen.

Ihre zutiefst die Gegenwart betreffenden Erkenntnisse entwickelt die Autorin dabei aus einem betont historischen Ansatz heraus, der nach Kontinuitäten und Unterbrechungen in der Entwicklung maschineller Wiedererkennung fragt. So gliedert sich ihre Studie nach einem einleitenden Kapitel in zwei Teile: einem ersten, der eine algorithmische Ästhetik am Beispiel der Bedeutung des Eigenface (Eigengesicht) nachzeichnet und einem zweiten, der die zuvor gewonnen Erkenntnisse mit zeitgenössischen ästhetischen Interventionen in Verbindung bringt.

Der Begriff des Eigenface, ein eigentlich lediglich als mathematische Abstraktion operierendes Verfahren der Bildkombinatorik, eignet sich laut der Autorin besonders für diesen medienhistorischen Ansatz, da sich hierin frühe Verfahren der Kompositfotografie mit neuen Gesichtserkennungsalgorithmen verbinden lassen. Bekannte Wegmarken bei der Entwicklung der Eigenface-Methode die sie aufführt, sind die composite portraits des englischen Eugenikers und Vorreiter der Biometrie Francis Galton, sowie die Foto-Experimente zur Sichtbarmachung von Verwandtschaftsverhältnissen und Familienähnlichkeiten Ludwig Wittgensteins. Beiden attestiert die Autorin den Versuch, aus einer Massen an Gesichtsbildern durch die Überlagerung universelle Typen und Durchschnittsgesichter zu erhalten, was einen Grundzug der späten Eigenface-Algorithmen präfiguriert und in den ersten erfolgreich angewandten Gesichtserkennungsverfahren der 1990er Jahren Anwendung fand.

Der zweite Teil der Studie widmet sich der Übertragung der zuvor erarbeiteten Thesen auf die Sphäre ästhetischer Interventionen. Hier sind mit Thomas Ruff, Zac Blas und Trevor Paglen drei Künstler exemplarisch verhandelt, die durch ihre betont medienkritschen-politschen Verfahren bekannt sind.

Die Foto-Serie andere Porträts (1995) von Thomas Ruff reflektiert explizit die Ästhetik erkennungsdienstlicher Fotografien sowie die Eigenface-Ästhetik durch die Überblendung mehrerer Porträts in einer Aufnahme. So problematisiert Ruff die der polizeilichen Verbrecher-Fotografie inhärenten Repräsentationsformen und sensibilisiert den Betrachter für das spannungsreiche Verhältnis von Identität, staatlicher Kontrolle und den archivarischen Praktiken der Verschlagwortung und Kategorisierung.

Die als facial weaponizing suite betitelten Werkserie des britischen Medienkünstlers und-theoretikers Zac Blas werden als Widerstandsstrategien gegen den algorithmischen Blick als zweites Beispiel herangezogen. Blas verwendet hier intermediale, aber vor allem skulpturale Elemente, die sich auf unterschiedliche Weise Algorithmen zur Gesichtserkennung zu eigen machen. So etwa in einer Serie von Masken, die aus verschiedenen Algorithmen abgeleitete opake Leerformen zeigen, welche wiederum getragen der öffentlichen Gesichtserkennung entgegenwirken sollen.

Der dritte Künstler, Trevor Paglen, bezieht sich in der hier analysierten Arbeit mehr oder weniger direkt auf das zuvor geschilderte Eigenface-Konzept. Auch Paglen eignet sich in der Serie Eigenface (Even The Dead Are Not Safe) (2017) Gesichtserkennungsalgorithmen an, die er verwendet, um fiktive Porträts historischer Persönlichkeiten zu generieren. Die so entstehenden „ghost-faces“ stellen für die Autorin eine Infragestellung der Produktion von Bedeutung und Identität durch den maschinellen Blick dar und entlarvt die grundsätzliche Wandelbarkeit (fluidity) dieser Prozesse.

In ihrer Zusammenfassung betont Lee-Morisson die historische Bedingtheit digitaler Gesichtserkennung, die keine gänzlich neue Welt der Daten und Algorithmen generiert, sondern eine mediale/visuelle Logik weiterführt, die tief verwurzelt ist im medienhistorischen Diskurs der erkennungsdienstlichen Fotografie. Die Eigenface-Methode dient ihr dabei als Treffpunkt menschlicher und maschinell-algorithmischer Wahrnehmungsweisen. Durch die produktive Verschränkung von sozial-, medien- und kunstwissenschaftlichen Diskursen gelingt es der Autorin die Problematik der automatischen Gesichtserkennung in seiner vollen Breite, wie in seiner sozio-historischen Genese deutlich werden zu lassen. Hoch anzurechnen ist ihr dabei die knappe, aber präzise Einordnung der künstlerischen Positionen, die das visuelle Feld der maschinellen Sehweisen fernab von jedem Versprechen nach Objektivität als ein offenes, fluides und dynamisch-mäanderndes Experimentierfeld markieren und auf die unterschwelligen politischen/gouvernementalen Mechanismen der Gesichtserkennung hinweisen. Hier gewinnt das Gesicht des Menschen das zurück, was ihm der Blick der Maschine versucht zu entreißen: eine ihm zutiefst eigene Widersprüchlichkeit, Mehrdeutigkeit und die strukturelle Offenheit, die es im Angesicht der permanenten Überwachung stark zu machen gilt.

[1] https://www.nytimes.com/2020/01/18/technology/clearview-privacy-facial-recognition.html

auch: https://www.sueddeutsche.de/digital/clearview-datenschutz-gesichtserkennung-dsgvo-1.4766724

von Florian Flömer, Bremen

 

January 21 2020

Zum Todestag George Orwells

Heute am 21.1.2020 ist der 70ste Todestag von George Orwell. Mit dem Roman 1984 und dem “Big Brother” wurde er zum Stichwortgeber für die Warnungen vor Überwachung und mit den darüber evozierten Bildern und Ideen auch für die Forschung maßgeblich.

Was bedeuten diese Bilder heute, was liegt gegenwärtig an? Ein paar Fragen.

Der englische Schriftsteller George Orwell, von Christian Linder, DLF 21.1.2020

George Orwells 1949 erschienener Roman „1984“ gilt bis heute als wirkmächtigster Warnruf vor einem totalen Überwachungsstaat. Der Stoff beruhte auf biografischen Erfahrungen des Autors, der als Polizist in Burma arbeitete. Dort habe er „die Drecksarbeit des Empires“ erledigen müssen, wie er später notierte.

Ob das Bild noch adäquat die gegenwärtigen Bedingungen von Überwachung und Kontrolle beschreibt, kann man sehr gut diskutieren. Neben ihm gibt es ja auch noch Aldous Huxley und dessen “Brave New World”, welche ein weniger brutales, dafür ebenso effektives Modell von Kontrolle beschreibt.

Die Surveillance Studies (wenn man es denn vereinfacht mal so nennen will) erforschen alle Winkel und Varianten von Überwachung und mir stellt sich durchaus die Frage, ob es noch neue Fragen gibt oder die neuen Technologien nur mit den alten Modellen befragt und analysiert werden?

Was sind die aktuell wichtigen Fragen? Was kommt noch? Und worum sollte sich die Forschung kümmern, was müssen wir dringend wissen?

Die Frage nach mehr und besserem Datenschutz zähle ich nicht dazu, auch um dem Missverständnis vorzubeugen, dass Datenschutz und Überwachung in der Forschung verwechselt werden. Eine Forschung zu Mechanismen und Dynamiken von Kontrolle und Überwachung hat wenig mit Datenschutz zu tun. Das ist ein anderes Feld, welches Berührungspunkte damit hat, aber nicht verwechselt werden darf.

Ich bin interessiert an euren Ideen. Schreibt mir oder antwortet mir auf Twitter unter @doctornilz

January 14 2020

Können Maschinen tanzen?

Die Frage ob Androiden von elektrischen Schafen träumen, treibt uns spätestens seit Bladerunner um (manche auch früher), aber ob sie tanzen können, davon müsst ihr euch selbst überzeugen bei der Digital Science Night am 23.1.2020, Beginn um 19 Uhr.

Digital Science Night #2: Wie Maschinen lernen. Aber tanzen sie auch?

 

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