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Rezension: Muster (1)

Rezension: zusammen mit 

Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. München: CH Beck, 2019.

von Nils Zurawski, Hamburg

„Muster“ ist gar kein Buch zu Überwachung und nur zu einem Teil geht es um Kontrolle, dennoch erscheint es mir einige wichtige Impulse für die Diskussion zu diesen Phänomenen zu geben, weshalb eine Beschäftigung aus dieser Perspektive hier sehr lohnenswert erscheint. Nicht zuletzt da kontroverse Debatten zu Überwachung und eine Kritik an vielen neuen, digitalen Technologien, sehr prominent vor allem Algorithmen und Künstliche Intelligenz, sich an der Verarbeitung von Daten abarbeiten und darin Muster – richtige, falsche, vermeintlich falsche, neue, konstruierte usw. – eine wesentliche Rolle spielen. Die Digitalisierung, wie sie uns in der Gesellschaft heute begegnet, hat viel mit der Auswahl und der Bedeutung von Mustern zu tun.

Ob es eine Theorie der digitalen Gesellschaft tatsächlich geben muss, stellt Armin Nassehi bereits zu Beginn seines Textes zumindest zur Diskussion. Muss es eine weitere Gegenwartsdiagnose geben, die die Gesellschaft auf einen Aspekt reduziert, wie bereits andere vor ihr – Risiko, Medien, Sicherheit etc.? Nassehi findet ja und ich würde ihm hier zustimmen wollen. Andere Autoren sprechen von der digital condition (Felix Stalder), ich selbst habe es in einem Aufsatz eine conditio digitalis genannt, ein digitales Zeitalter, mit dem ein Epochenbruch vollzogen wird. Ich sehe den Bruch allerdings erst jetzt vollzogen, Nassehi konzentriert sich nicht auf die Beschaffenheit der Gegenwart, in der digitale Technologie bestimmend dafür ist, wie Gesellschaft organisiert, soziale Beziehungen gelebt und ausgehandelt werden, in der ein Alltag ohne digitale Technologien in vielen Teilen der Welt nicht länger denkbar ist. Seine Entscheidung fußt auf auf dem Argument, dass moderne Gesellschaften schon immer digital waren. Dass die Gesellschaft auf sich selbst als Gesellschaft aufmerksam geworden sei, verortet Nassehi in das 18. und 19. Jahrhundert (S. 45), die Zeit also kurz nach der Aufklärung, dem Aufkommen von Massenindustrien, der Bürokratisierung von Gesellschaft, dem Aufkommen von Nationalstaaten als vorherrschender Organisationsform politischer Einheiten, die sich nicht zuletzt auf das Muster ethnischer Homogenität stützen wollen – mit bis heute zum Teil absurden, zum Teil monströsen Ausformungen und mörderischen Konsequenzen (Arjun Appadurai bringt die Zusammenhänge von Identität, der Konstruktion von Minderheiten und Gewalt sehr gut auf den Punkt in der Geographie des Zorns, 2009). Und schließlich ist es eben auch kein Zufall, dass genau in dieser Zeit Jeremy Bentham das Panopticon erdacht und konzipiert hat.

Um eben diese dann entstehenden Gesellschaften (vor allem im Westen und über deren Kolonialdrang dann auch in der ganzen Welt) zu organisieren, brauchte man zum einen Zahlen, zum anderen aber vor allem Methoden um Sinn aus den so erhobenen Zahlen zu ziehen. Die Bewertungsmaßstäbe für die erkennbaren Muster ergaben und ergeben sich aus dem Zeitgeist heraus, eben nicht aus den Mustern selbst, wie heute gern angesichts einer vermeintlichen Objektivität von Big Data und Algorithmen hoffend behauptet wird. Die Gesellschaften wurden modern und somit komplex, arbeitsteilig, wie Durkheim es gegen Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Buch „Über die Teilung der sozialen Arbeit“ (De la division du travail social, 1893) als zeitgenössische Gegenwartsdiagnose beschrieben hatte und damit die Begründung der Soziologie als Fach der Moderne und seiner Verwerfungen voran getrieben hat.

Da Nassehis kluge und verblüffend einfache Frage in Bezug auf Digitalisierung ist „für welches Problem sie eine Lösung“ darstellen würde (S. 28), ist seine Antwort ebenso logisch wie wenig überraschend: „Das Bezugsproblem der Digitalisierung ist die Komplexität und vor allem die Regelmäßigkeit der Gesellschaft selbst“ (S. 29). Die moderne Gesellschaft erkenne sich praktisch selbst in diesen Regelmäßigkeiten durch eine nun mögliche Selbstbeobachtung. Dieser Blick ist ein digitaler Blick, in dem Muster erkannt und geordnet, analysiert und zur Verbesserung und Organisation der Gesellschaft von nun an verwendet werden können. Sein Beweggrund für diese Perspektive ist so nachvollziehbar wie wackelig. Wenn sein Argument tragfähig ist, Digitalisierung als Modus von Gesellschaftserkenntnis zu sehen, dann ist eine Theorie der Digitalisierung nicht auf die Techniken und mögliche von ihm auch kulturpessimistisch (mein Begriff) zu nennende Wirkungsanalysen beschränkt. Nassehi will über die so verbreitete Analyse hinausgehen, die soziologische und andere Disziplinen in Bezug zur digitalen Welt kennzeichnen und die man wie folgt zusammenfassen könnte: „Wie verändert das Digitale die Gesellschaft?“. Indem er die Selbstbeschreibung und Selbsterkennung von Gesellschaft durch die von ihr beobachtenden Mustern als ihre Grundlage beschreibt, geht es eben nicht um die Technologien, sondern um die Gesellschaft selbst. Er kommt allerdings an diesem Beschreibungs- und Analysemodus auch nicht ganz vorbei, wenn er u.a. über die „radikalen Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt“ spricht (S. 125) um die Erscheinungsweisen zu diskutieren. Ob man dazu die veränderte Perspektive auf Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert mit dem Begriff digital versehen muss oder ob es vor allem die Verlockung des Begriffes ist, ist zumindest eine Diskussion wert. Das Bild und was es ausdrücken soll, funktioniert so, das gebe ich gern zu, sehr gut und ist einprägsam.

Als Hauptargument seiner Herleitung kann Kapitel 3 zu den multiplen Verdoppelungen angesehen werden. Darin gibt es eine kleine systemtheoretische tour de force, und eine erkenntnistheoretische Erörterung darüber wie Welt wahrgenommen, repräsentiert und letztlich beschrieben werden kann. Das ist durchaus charmant und auch für jemanden wie mich, der der Systemtheorie nicht so viel abgewinnen kann, hilf- und erkenntnisreich. Allerdings geraten bisweilen die Begriffe hier und da durcheinander, so dass dem Leser nicht ganz klar ist, dass mit Digitalisierung manchmal die Entwicklungen der Gegenwart gemeint sind und eben nicht der Umstand, dass Gesellschaft im 18. Jahrhundert digital wurde – z.B. auf S. 119, wenn er von Digitalisierung als Störung der Moderne spricht. War sie nicht konstitutiv für die Moderne, in seinen Worten, die moderne Gesellschaft immer schon digital? Das wird beim Lesen, vor allem zu Beginn des Buches nicht immer ganz trennscharf klar. Abgesehen von solchen Unschärfen bietet das Buch eine Menge an Beispielen und klugen Denkansätzen, die für soziologische Analysen jenseits der Fragephrase „Was-macht-das-mit-Gesellschaft?“ sehr gut nutzen kann, auch für die Analyse von Überwachung.

Hinsichtlich Überwachung ist das Buch deshalb interessant, weil er viel über Algorithmen, Codierung, Programmierung, Künstliche Intelligenz, Big Data und Privatsphäre spricht. Das ist nicht immer neu, vor dem Hintergrund der Perspektive auf Muster aber durchaus interessant, z.B. wenn er von der Mentalisierung von Maschinen spricht (S. 246). Der Fokus auf Muster richtet den Blick auf die Geschichte und die Bedeutung von Überwachung und Kontrolle in modernen Gesellschaften, die sich eben nicht in Videotechnik oder einer Vorratsdatenspeicherung erschöpft (oder gar darin begründet), sondern in der vollständigen Rationalisierung von Gesellschaft seit rund 250 Jahren. Besonders interessant wird es, wenn er davon spricht, dass das Projekt der Digitalisierung ein Projekt der Kontrolle, eines Kontrollüberschusses sei (S. 43). Er bezieht es auf die gegenwärtige Entwicklung, ich würde allerdings behaupten, gerade die Kontrolle über Muster, über Einordnungen, Rationalisierungen und das bewusste Kategorisieren von Gesellschaften zu ihrer Handhabbarmachung, Organisation und letztlich auch der Kontrolle von so viel funktional-differenzierter Komplexität, war den modernen Gesellschaften ebenso eingewoben wie der von ihm festgestellte Kritiküberschuss als Merkmal moderner Gesellschaften. Hier finde ich Nassehi nicht eindeutig. Er verhakt sich in den eigenen Begriffen und Abgrenzungen, was so nicht nötig gewesen wäre, da die Ausgangsidee so gut ist (die auf S. 212 als Fazit noch einmal gut zusammengefasst wird), dass er sie auch ohne weitere Abgrenzungen hätte durchziehen können – wenn man sich darauf einlässt die Attribute modern und digital historisch zusammenzudenken .

Insgesamt finde ich das Buch gut und gelungen. Der systemtheoretische Hintergrund bleibt genau dort und überfrachtet das Buch nicht zu sehr. Es gibt einige Wiederholungen, wie bei einer solchen langen Erörterung einer Theorie wohl nicht zu vermeiden sind, weil Nassehi (wie wir alle so häufig) auch noch die letzten Winkel der Möglichkeiten und Beispiele erkunden und aufführen möchte.

Was fehlt ist eine Reflexion über die Bedeutung von Macht und Herrschaft hinsichtlich der Muster als Möglichkeit der Selbstbeobachtung von Gesellschaft und somit ihrer Organisation und Ausgestaltung. Das ist, so finde ich, ein blinder Fleck der theoretischen Erörterungen von Nassehi. Ob er mit seinem Beitrag zu einer Wiedergeburt der Soziologie aus dem Geist der Digitalisierung (so der Titel des Abschlusskapitels) beitragen kann, muss abgewartet werden. Ich teile die Einschätzung, dass es eine Chance sein kann und Muster ist bestimmt eine der besten Beiträge dazu hierzulande, vor allem weil diese von ihm kommt, einem anerkannten, in der gegenwärtigen Deutschen Soziologie wichtigem Akteur. Im Feld derer, die sich mit Digitalisierung, Überwachung, Kontrolle etc. seit geraumer Zeit beschäftigen, besteht diese Hoffnung schon länger, wurde bislang aber eher nicht bedient. Insofern und weil es ein paar sehr schöne Ideen für die theoretische Arbeit jenseits der Digitalisierung bietet, ist dieses Buch durchaus die Lektüre wert und eine Bereicherung für die Diskussion. Auch weil es sich von anderen Gegenwartsanalysen der Spätmoderne, Postmoderne, oder auch Spätkapitalismus mit seinem grundsätzlichen historischen Blick angenehm abhebt und die digitale Welt und ihre Logik, in der wir uns täglich verheddern, in den Mittelpunkt stellt und nicht als Fremdkörper behandelt, wenn überhaupt.

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