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Rezension: Predictive Policing

Rezension: zusammen mit 

Felix Bode & Kai Seidenstricker (Hrsg.) Predictive Policing – Eine Bestandsaufnahme für den deutschsprachigen Raum. Frankfurt/Main, Verlag für Polizeiwissenschaft

von Laura Struss, Hamburg.

Predictive Policing bezeichnet in dem gleichnamigen Sammelband jegliche Form der „vorausschauenden Polizeiarbeit“, die speziell im deutschsprachigen Raum ein interdisziplinärer Begriff ist, der ein heterogenes Forschungsfeld eröffnet, indem die Trennungen der wissenschaftlichen Debatte und praktischer Ausgestaltung noch nicht überwunden sei. Mangelnde Transparenz algorithmischer Systeme bleibe der Spaltpilz der Debatte und ließe sich auch im Prozess der Erstellung des Sammelbandes nicht wegkürzen. Diese Fehlende Transparenz bleibe auch bei der Übertragung wissenschaftlicher Kritiken auf den deutschsprachigen Raum ein Manko, so die Autoren (vgl. S. 8). Die folgende Rezension bewertet den Umgang mit dieser Problematisierung, als eine der größten Stärken von Predictive Policing, das besonders durch seinem Sammelbandcharakter beeindruckt, indem die Beiträge sorgfältig ausgewählt und passend aufeinander abgestimmt wurden. Um dem Band gerecht zu werden, fokussiert sich diese Rezension auf eine längere Zusammenfassung der Beiträge, was dem Umstand geschuldet ist, dass in Predictive Policing, die verschiedenen interdisziplinären Beiträge, inhaltlich sehr schön aufeinander abgestimmt wurden, sodass gerade diese Struktur den Leser einlädt im Laufe des Werkes viele verschiedene Perspektiven auf das Thema einzunehmen.

Predictive Policing (PP) wird nach einer sehr sorgfältigen und übersichtlichen Vorstellung der einzelnen Beiträge, durch Bode und Seidenstricker durch einen Kommentar von Belina eingeleitet, der polemisch das dubiose Geschäftsmodell einer Polizeiarbeit kritisiert, die schon vor dem Täter am Tatort ist. Durch die Vorwegnahme der „Dubiositäts-Kritik“ fühlt sich der kritische Leser von vornherein angesprochen und ein Spannungsbogen wird erzeugt, der den Leser einlädt, sich tatsächlich mit den Inhalten von PP auseinander zu setzen, anstatt sie vorschnell zu kritisieren. Stattdessen setzt der erste inhaltliche Abschnitt des Buches bei dezidierter Kritik an. Begonnen bei Hauber, Heitmann und Kosbü, die sich am Beispiel von Hamburgs Einbruchstaten auf das so genannte Near-Repeat-Phänomen beziehen. Dieses beschreibe eine enge räumlich/zeitliche Tatkonzentrationen und sei entsprechend nicht für PP-Umsetzungen geeignet, da der Knox-Test nicht valide sei, um eine „Near-Repeat-Victimisation“ theoretisch zu unterfüttern. Dass Near-Repeat-Muster keine universale Definition darstellen bemerkt Post im folgenden Beitrag: Sie wären stattdessen zeitlich und räumlich variabel, wodurch auch die Modelle des PP eine kontinuierliche, wie separate Anpassung notwendig machen, was sich am Beispiel von Wohnungseinbruchdiebstahl (WED) in Nordrhein-Westphalen zeige. Während diese Beiträge die eher allgemeinere Bedeutung von Strukturen für polizeiliche Vorhersagemodelle skizzierten, betonen Kersting und Labryga, passend am Beispiel von WED, die Notwendigkeit so genannter Strukturmerkmale, zu denen umfassendes Wissen gesammelt werden muss, um eine Deliktstruktur zu entwickeln, auf deren Basis PP-Modelle aufbauen können. Stratmann et al. stellen die spannende Frage, ob Indikatoren des Stadtverfalls Kriminalität vorhersagen können. So wurde ein geographisches Informationssystem (GIS) erstellt, in dem Indikatoren des Stadtverfalls und ihr Zusammenhang mit der Entwicklung von Kriminalität untersucht wurden. Nach der „broken window theory“ zeige sich, dass sich Kriminalität an „Hot-Spots“ konzentriere und bestimmte Faktoren des Stadtverfalls Kriminalität anziehen können, wie ein kaputtes Fenster in einem heruntergekommenen Stadtbezirk. Legros schließt die Darstellung eher praktisch angehauchter Umsatzmöglichkeiten der Methode des Predictive Policing, durch eine theoriegestützte Überprüfung der Pilotierung im deutschen Medienraum, die durch reichhaltige tabellarische Übersichten unterlegt ist und eine spannende Grundlage bietet, die für ähnliche Forschungsvorhaben gerade durch ihre Übersichtlichkeit zu empfehlen ist.

Anschließend bewegt sich der Sammelband in die Richtung der praktischen Umsetzungen, so werden drei Beispiele von Software vorgestellt, durch die PP reproduziert wird. Erstens stellt Schweer die auf dem Near-Repeat-Ansatz fußende Software PRECOBS vor, während Okon daran anschließend betont, dass Elemente des PP (Crime Mapping etc.) bereits ein integraler Bestandteil der Kriminalitätsbekämpfung bilden, für die, die weitere polizeiliche Arbeit eine positive Ergänzung bieten kann. Zweitens zeigt Gluba anhand der Darstellung von PreMap (Polizei Niedersachsen) Entwicklungen auf, die als ursächlich für das PP verstanden werden können. Drittens wird von Berthold und Werner das Projekt SKALA (Polizei NRW) dargestellt. Anschließend fragen Dungs und Erzberger anhand einer Evaluation von Skala nach den methodischen Herausforderungen einer Evaluation des Predictive Policing.

Zuletzt folgt ein Konglomerat aus Beiträgen, welche die Frage nach der Evaluation von Predictive Policing vertiefen. Rolfs analysiert aus einer sytemtheoretischen Position, die Debatte der Einführung von PP in deutschen Parlamenten und Institutionen, die er als Ergebnis einer Problematisierung sieht, die sich aus dem Stellenwert der Sicherheitsthematik im deutschen Raum ergebe, die im Zusammenhang mit der föderalen Struktur Deutschlands stehe. Leese stellt die spannende Frage, ob PP tatsächlich, den oft proklamierten Anspruch eines Effiziensgewinnes erfülle und weist darauf hin, dass diese Hoffnung meist bereits dem Gedanken entspringe eine bereits bestehende Knappheit von Ressourcen auszugleichen. Bush und Singelstein fokussieren die rechtlichen Aspekte, insbesondere die Hybridität der PP-Methode, die sich an der Grenze zwischen Polizei- und Strafrecht ansiedle und durch die potenzielle Einbeziehung personenbezogener Daten, das Recht auf informelle Selbstbestimmung gefährde – die Fragen nach adäquaten Rechtsgrundlagen, wie Transparenz stehen dabei im Zentrum. Schneider und Leutenegger, behandeln die für PP mehr als relevante Frage der Datengrundlage, die nicht automatisch in allen polizeilichen Systemen vorhanden ist. Daran anschließend fragen Merbach und Stoffel nach der Visualisierbarkeit von Datenmengen, die zwar ein großes Potenzial für neue Erkenntnisse bieten, aber auch völlig neue Ansprüche an die Auswertung und Darstellung stellen. Als letzten Beitrag betrachtet Hartmann die Potenziale von digitaler Entscheidungsunterstützung aus unternehmerischer Sicht. Es wird betont, dass die Realität und Fiktion der Möglichkeiten von PP weit auseinander liegen. Entsprechend schließt der Sammelband, durch eine impliziten Rückbezug auf Belinas polememischen Kommentar, sehr offen. Die „Vorwürfe“ einer allzu hellseherischen Polizei werden gewissermaßen entmystifiziert, indem ihnen eine Realität entgegengestellt wird in der PP weniger entsprechend dem Science-Fiction-Thriller „Minority Report“ betrachtet wird. Stattdessen wird die Vielfältigkeit der Möglichkeiten betont: PP-Ansätze unterscheiden sich anhand der verwendeten Daten, der Komplexität und der Theoriebasis, entsprechend bleibt ihre Weiterentwicklung ein Prozess und damit offen für Eingriffe und Gestaltung.

Predictive Policing kann sowohl für Forschende, die noch wenig über das Thema wissen geeignet sein, während der „fortgeschrittene“ Leser neue Impulse erhält, die besonders deutlich machen, dass die „vorrausschauende Polizeiarbeit“ vielleicht ein umkämpftes Feld ist, dafür (und bestimmt auch deswegen) ebenso spannend und vielfältig. Gerade die Methoden der vorausschauenden Polizeiarbeit sind noch nicht so weit ausdifferenziert, dass sie nicht beeinflussbar wären, entsprechend lädt der Sammelband ein, an ihnen mitzuarbeiten.

(PRO)
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