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January 06 2020

January 04 2020

Leipziger Kamera: Kontrollverluste

Die Leipziger Kamera war eine sehr aktive Gruppe von klugen Leuten, die sich mit Überwachung beschäftigt haben. 10 Jahre nach  dem ursprünglichen Erscheinen eines von der Gruppe zusammengestellten Sammelbandes ist dieser nun offen und für alle verfügbar im Netz.

Mit Beiträgen vertreten sind u.a. W.D. Narr (+), Andreas Fisahn, Klaus Ronneberger, Peter Ullrich, Peer Stolle/Tobias Singelnstein, Andrej Holm, Anne Roth, Volker Eick, LIGNA, Surveillance Camera Players u.v.m.

Leipziger Kamera (Hrsg.): Kontrollverluste. Interventionen gegen Überwachung, März 2009, Unrast Verlag, Münster.

Das Buch Kontrollverluste versammelt Beiträge zu Fragen einer emanzipatorischen und praktischen Kritik an der aktuellen Überwachungsgesellschaft. Es führt sehr unterschiedliche Strategien und Perspektiven der linken Überwachungskritik zusammen. Kritische WissenschaftlerInnen, AktivistInnen und Initiativen stellen theoretische, aber vor allem strategische und aktionsorientierte Überlegungen an, reflektieren ihre Handlungserfahrungen und beleuchten Probleme und Potenziale von Bewegung(en) gegen immer mehr Überwachung und Kontrolle.

January 03 2020

Utopien des Sozialen – Demokratie als Risikofaktor

In einem Artikel vom 18.12.2019 schreibt Adrian Lobe über Prognose-Dystopie: Demokratie als Risikofaktor (SZ).

Im wesentlichen geht es um die tieferen Implikationen und Konsequenzen von Vorhersagen, wie sie verbunden mit den Begriffen KI Algorithmen sowie Big Data gegenwärtig sehr en vogue sind. Die Vorausschau als Bedürfnis von Regierungen, die mit den neuen Technologien nun endlich, so meinen viele ihrer Vertreter, das Mittel gefunden haben die Zukunft zu kontrollieren (vgl. dazu auch meinen Aufsatz in der APuZ, 25.4.2014).

In dem Artikel von Adrian Lobe kommen eine Reihe von interessanten Beobachtungen vor, u.a. diese:

Regieren wird zu einem technokratischen Risiko- und Prozessmanagement: Input, Output, fertig.

Dieser Einschätzung kann ich mich sehr gut anschließen. Und auch einer weiteren von Adrian Lobe:

Was an diesem datengetriebenen, deterministischen Governance-Modellen irritiert, ist ja nicht nur die materielle Aushöhlung des Politischen und Ausschaltung diskursiver Verfahren, sondern auch, dass die Zukunft nicht mehr als gestaltbarer Möglichkeitsraum begriffen wird, sondern als latente Bedrohung, ein Risiko, das es zu “managen” gilt – mit der bitteren Pointe, dass Utopien unter dem Datenregime unter Ideologieverdacht stehen, weil sie nicht berechenbar sind.

Politik verliert die Fähigkeit und gibt den Anspruch auf zu gestaltungen, sondern wird zu einer Form des Management. Dass diese Ideen Teile von digitalen Utopien aus dem Silicon Valley sind, ist wenig überraschend. In einem (leider nicht erfolgreichen) Antrag zu diesem Thema, habe ich genau diese Entwicklung und ihre ideologischen Hintergründe in den Blick nehmen wollen – hier ein kleiner Auszug:

Da mit der Digitalisierung auch Wünsche und Hoffnungen verbunden sind, bieten sich als Untersuchungsgegenstand Entwürfe einer Zukunft an, die auf eben diese digitalen Technologien zur Verbesserung von Welt setzen und hier mit dem Begriff der sozialen Utopien des Digitalen bezeichnet werden sollen (vgl. hierzu u.a. Turner 2008; auch Markoff 2005). Insbesondere handelt es sich dabei um Konzepte und Vorschläge, wie man unter Zuhilfenahme von Algorithmen und dem, was man mit „Big Data“ bezeichnet, bessere Vorhersagen über die Zukunft sowie das menschliche und soziale Verhalten machen kann, um so letztlich Gesellschaft besser planen zu können. Solche Entwürfe gibt es vielfach aus dem Umfeld der großen im Silicon Valley (Kalifornien, USA) ansässigen Unternehmen wie etwa Google (unterhält das Government Innovation Lab, vgl. Hamann et al 2014; Siemons 2015), Amazon, einzelner Internet-Entrepreneure (z.B. Peter Thiels Vorschläge zu einem Libertarian Island,  vgl. auch Denuccio 2015) oder von Wissenschaftlern wie Parag Khanna (Technocracy in America. Rise of the Info-State 2017, zur Kritik vgl. Lobe 2017). In solchen Idealvorstellungen einer neuen, durch die Technik bestimmten Welt, lassen sich auch die Ideen ihrer Regelung ablesen, also Vorstellungen davon, wie eine Gesellschaft (nicht nur in der Zukunft) sein sollte. Diese Utopien verweisen auch auf gegenwärtig vorhandene Weltbilder, die im Zuge einer Digitalisierung gesellschaftlich relevant werden können. Auch ohne solche Zukunftsvorstellungen oder Utopien ist anzunehmen, dass eine Digitalisierung, die alle Lebensbereiche umfasst, einen Einfluss auf die Modi sozialer Kontrolle haben wird. Die Frage ist, wie sich der Einfluss bzw. die Wechselwirkungen zwischen Digitalisierung, Normengenese und Kontrolle untersuchen lassen. Eine systematische Untersuchung vorhandener Vorstellungen bietet die Möglichkeit eine Grundlage der Ideen zu erarbeiten, die mit der Digitalisierung verbunden ist, bzw. den ideologischen Hintergrund liefern. Bisher wurden diese vor allem journalistisch beachtet. Diese Darstellungen bieten somit nur Anhaltspunkte, jedoch keine tieferen, systematischen Erkenntnisse. (Nils Zurawski 2018)

Jenseits von den ethischen Rahmenbedingungen, die momentan allerorten als wichtigstes Element im Umgang mit KI und Algorithmen gesehen werden, muss man, so meine ich, tiefer graben um eine Kultur der KI freizulegen und diese zu untersuchen. Denn nur den Umgang mit Technologie zu regulieren, was die meisten Anstrengungen in Richtung Ethik ja tun und wollen (ohne das ich das in Frage stellen möchte), ist zu wenig, wenn man damit eben nicht an die Wurzeln der Ideen geht, die hinter den Anstrengungen stehen, den Menschen zu kopieren, Werkzeuge zu finden, die seine Mühen das soziale Zusammenleben auszuhandeln, seine Institutionen zu erhalten und den jeweiligen Bedürnissen der Zeit nach demokratischen Aspekten einzurichten, mit neuen Technologien abzuschaffen oder so umzugestalten, dass allenfalls neue Formen totalitärer Herrschaft möglich sind. Management statt Gestaltung. Das das Totalitäre daran nicht so sichtbar ist, dafür sorgt dann ein Kontext, der so Technik-verliebt modern ist, dass die Technologien aussehen, wie die Erfüllung unserer innersten Bedürnisse, obschon die Logik und Kausalität genau anders heraum gewesen ist.

In Kürze mehr zu KI und warum der Blick auf eine Kultur der KI so wichtig ist.

 


Erwähnte Referenzen

  • Lobe, Adrian (2017). Mit Befehl und Bing, Bing, Bing. In Süddeutsche Zeitung, 13. Februar 2017, S. 13.
  • Khanna, Parag (2017). Technocracy in America. Rise of the Info-State. CreateSpace.
  • Hamann, Götz, Khuê Pham & Heinrich Wefing (2014). Die Vereinigten Staaten von Google, In Die ZEIT, 7. August 2014, S. 11-13.
  • Markoff, John (2005). What the Dormouse Said: How the Sixties Counterculture Shaped the Personal Computer Industry, New York, Penguin Random House.
  • Siemons, Mark (2015). Google oder die Abschaffung der Politik, in Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. November 2015, S. 47.
  • Turner, Fred (2008). From Counterculture to Cyberculture: Stewart Brand, the Whole Earth Network, and the Rise of Digital Utopianism. Chicago, Univ. Chicago Press.

December 23 2019

“not a glitch, it is the system”

December 22 2019

Plattformen und Systemtheorie

Ob und wenn ja, welche Antworten die Systemtheorie auf das Phänomen der Plattformen (Google, Facebook etc.) hat, diskutiert der Soziologe Dirk Baecker auf Breitband mit Teresa Sickert. Ich finde manche der Gedanken nachvollziehbar, manches nicht so überzeugend. Aber hört selbst.

Die Systemtheorie scheint sich des digitalen angenommen zu haben, wie auch das Buch “Muster” von Armin Nassehi zeigt, dass dieses Jahr erschienen ist. Eine Rezension davon gibt es im Januar hier im Blog.

https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2019/12/21/das_unregulierbare_system_der_plattformen_und_ueberwachung_drk_20191221_1305_aa9c4521.mp3

Das unregulierbare System der Plattformen, Interview mit Dirk Baecker bei Breitband, 21.12.2019, Deutschlandfunk Kultur.

December 21 2019

Leben wir in einer „Blade Runner“-Welt?

Zum Cyberpunk-Jahr 2019 spricht Lars Schmeink in der Sendung Kompressor bei DeutschlandFunk Kultur über die Frage, “Leben wir in einer „Blade Runner“-Welt? 20.12.2019.

https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2019/12/20/deluxe_cyberpunk_jahr_2019_leben_wir_in_einer_drk_20191220_1405_dfd5c7e5.mp3

December 19 2019

cfp: The politics of progress

Die Kollegen Bettina Paul, Larissa Firscher und Thorsten Voigt veranstalten auf der 4S/EASST-Konferenz, 18.-21. August 2020 in Prag, folgendes Panel und laden dazu ein Beiträge einzuschicken.

Der Einsendeschluss für Vorschläge ist am 29.2.2020.

188. The politics of progress

Torsten H Voigt, RWTH Aachen University; Larissa Fischer, RWTH Aachen University; Bettina Paul, Universität Hamburg

Since industrialization, modern societies were defined by progress in various forms, most notably economic and technological growth as well as the idea of scientific progress. Despite Thomas Kuhn’s (1962) seminal work on the myth of scientific progress as a linear process, ideas and concepts about progress are still mostly characterized by incremental change to the better. In other words, progress is considered to introduce novel technologies, ideas, and practices. Progress, however, is not always understood as new, innovative, or scientific. It can come in many different shapes, forms, and practices depending on time and space. Progress and tradition need not be mutually exclusive. It may mean the use of an old technology in a new setting. A practice or technology may also be framed as progress but in fact turn out to be standstill or even regress from a certain perspective, for a particular group of actors or a particular practice.

Borrowing from Law and Joks (2018) as well as Danyi (2016) we invite contributions that trace the politics of who, politics of what and politics of how of progress in today’s society. Who considers certain practices, developments and technologies as progress? What is considered progress? And most importantly, how is progress enacted in practices thus shaping different realities? How do those practices relate to different understandings of progress? How does it gain significance and agency in emerging worlds? We are interested in contributions that address a broad range of understandings and practices of progress.

Contact: thvoigt@soziologie.rwth-aachen.de

Formalien und Prozedere rund um die Einreichung findet sich hier: https://www.easst4s2020prague.org/call-for-papers-and-panels/

Reposted by02mydafsoup-01 02mydafsoup-01

December 18 2019

Sind Roboter rassistisch?

Ruha Benjamin, Professorin für African American Studies in Princeton, hat hier einen hoch interessanten Vortrag online gestellt.

Are Robots Racist? Vortrag von Ruha Benjamin

Und auch ihre Bücher, u.a. Race after Technology gehen das Thema auf sehr interessante Weise an.

December 07 2019

Digitaler Salon am HIIG in Berlin

Stattgefunden hat diese Diskussionsrunde am 30.10.2019 in Berlin am HIIG.

December 05 2019

December 04 2019

Shortlist: Surveillance Studies Preis für Journalisten

Nach intensiven Beratungen hat die Jury für den Surveillance-Studies-Journalistenpreis 2020 aus den zahlreichen und qualitativ hochwertigen Einsendungen eine Shortlist zusammengestellt.

Dieses sind die Kandidat*innen für den Preis (alphabetisch geordnet):

Die Jury hat beschlossen zum ersten Mal solch eine Shortlist zu veröffentlichen, um auf die vielen guten Artikel der Einsendungen hinzuweisen, die es zu dem Thema Überwachung ganz allgemein und speziell zum Thema Künstliche Intelligenz und Algorithmen gibt, auf welchem in diesem Jahr der Schwerpunkt lag.

Der/die Sieger werden Anfang Januar 2020 bekannt gegeben.

December 03 2019

November 20 2019

Anonymity is the enemy

Gestern war ich als Diskussionsteilnehmer zu einer Filmvorführung in einer Reihe Zukunft, Gesellschaft, Technologien.

Gezeigt wurde der Film Anon, der allein aus ästhetischen Gründen absolut sehenswert ist. Darüber hinaus stellt er wichtige Fragen, die für eine Diskussion zur Gesellschaft der Gegenwart hochaktuell sind. Wer sind wir, wer bin ich? Was ist Wahrheit und wie gehen wir mit Wissen um, dass flüchtig, oft nicht fassbar und vor allem hochgradig manipulierbar ist? Und dann selbstvertändlich die Frage nach der Möglichkeit von Anonymität in der Gesellschaft – die gerade in den westlichen Gesellschaften und ihrem Narrativ der Individualität als höchstem gut, elementar ist. Aber eben auch eine Menge Probleme schafft und somit umkämpft ist.

Wenn ihr also die Chance habt, den Film zu sehen, geht hin. Ist von 2018, aber lief kaum in deutschen Kinos.

Graham Greenleaf über Shoshana Zuboff

Eine Kritik und Würdigung von Graham Greenleaf über das Buch Surveillance Capitalism von Shoshana Zuboff, dass wir auch hier im Blog bereits rezensiert haben.

Elements of Zuboff’s Surveillance Capitalism, (2019) 160 Privacy Laws & Business International Report 29-32

November 12 2019

Künstler und Agenten

In meiner Post fand ich heute diesen Flyer. Die Ausstellung hat zwar schon begonnen, aber dafür läuft sie auch noch bis in den März 2020

Artists & Agents – Performancekunst und Geheimdienste

Dortmunder U | Ebene 3 | 26. Oktober 2019 – 22. März 2020

Im Zentrum der Ausstellung steht die Interaktion zwischen Geheimdiensten und Performancekunst – einer Kunstform, die als besonders gefährlich galt. Fast nur in Osteuropa sind die Archive zugänglich und offenbaren die „Zersetzung” und „Liquidierung” kritischer Künstler*innen durch die Staatssicherheitsdienste. Dafür mussten die Agent*innen jedoch teils selbst zu ‚Performancekünstler*innen’ werden.

Reposted by02mydafsoup-01 02mydafsoup-01

November 07 2019

Die Maschinen zähmen….

Die Vorlesungreihe “Taming the Machines” an der Uni Hamburg ist in diesem Wintersemester ein echter Tipp. Das Programm verspricht viele interessante und wirklich spannende Vorträge rund um die Themen, KI, Algorithmen, Überwachung, Daten. Außerdem wird die Preisverleihung des Surveillance-Studies-Preises 2020 auch in diesem Rahmen stattfinden.

Die Surveilance Studies-Lecture wird gehalten von Dr. Pak-Hang Wong, Universität Hamburg zum Thema: Three Arguments for “Responsible Users”. AI Ethics for Ordinary People. 

October 28 2019

Filmreihe: Zukunft, Gesellschaft, Technologien

Die Filmreihe Zukunft, Gesellschaft, Technologien bringt im Wintersemester ein interessantes Programm ins Abaton-Kino, jeweils begleitet durch eine anschließende Diskussion mit Experten, Wissenschaftlern u.a. Ich selbst bin am 19.11. mit dabei, gezeigt wird dann der Film “Anon”.

Die Veranstaltung wird von den Projekten „SciFiVisions“ und „tekethics“ der Hamburg Open Online University organisiert und dort auch digital begleitet.

Hierzu können Interessierte online die Themen vertiefen und ergänzende Texte mittels Annotation diskutieren.

Die digitale, technische Welt, in der wir leben, ist voller Herausforderungen, Chancen und Risiken für uns alle. Für viele ist sie aber auch eine Welt vieler Mysterien: intelligente Maschinen, Biotechnologie, das Internet der Dinge, Globalisierung, Roboter, Drohnen, Social Media und soziale Kreditsysteme: Was bedeutet das alles? Und vor allem, wie gehen wir damit um?

October 23 2019

Interview mit Gary T. Marx

Gary Marx ist bestimmt einer der einfallsreichsten Forscher, wenn es um Überwachung geht, anderen ist er vor allem durch seine Arbeiten zu Polizei bekannt (siehe z.B. Rezension von Windows into the Soul). Womit auch immer er auf sich aufmerksam gemacht hat, er kann gut erzählen und ist, soweit ich das von meinen Begegnungen mit ihm sagen kann, ein großartiger Mensch und Kollege.

Nun gibt es ein Interview von Fran Morente in der Oktober-Ausgabe von Societyhttps://link.springer.com/article/10.1007/s12115-019-00396-z . Darin redet Gary Marx über seine Arbeit, seine Vorbilder, sein Forschen und Schreiben in der Soziologie und den Surveillance Studies.

Wer bei Springer keinen Zugang hat 8z.B: über eine Uni), kann eine sich nur wenig unterscheidende Vorab-Version auf seiner eigenen Webseite lesen – http://web.mit.edu/gtmarx/www/morente-marx.html (die auch sonst voll mit Texten von ihm ist).

October 21 2019

Rezension: Speichern und Strafen

Rezension: zusammen mit   Criminologia-LogoKopie

Adrian Lobe: Speichern und Strafen. Die Gesellschaft im Datengefängnis. Verlag C.H. Beck, 2019.

von Peter Schaar (Berlin).

In den letzten zehn Jahren ist eine Vielzahl von Publikationen erschienen, die vor einer Überwachungsgesellschaft warnen. Eine Besonderheit des vorliegenden Buchs besteht darin, dass der Autor in den Fußstapfen des französischen Sozialphilosophen Michel Foucault das auf Jeremy Bentham zurückgehende Gefängnis-Modell auf die moderne Gesellschaft überträgt. Dies wird schon durch den Titel deutlich: In Anlehnung an Faucaults 1975 erschienenes Werk „Überwachen und Strafen“ trägt das hier besprochene Buch den Obertitel „Speichern und Strafen“, wobei sich Lobe ganz auf die modernen digitalen Techniken und Methoden konzentriert: Allgegenwärtige Datensammlung, algorithmische Entscheidungsfindung, augmented Reality, künstliche Intelligenz…

Im anbrechenden „Datapozän“ dominiere eine „algorithmische Regulierung“, die sich auf Nutzereingaben stütze. Angesichts der Digitalisierung werde traditionelles, durch Gesetze verbrieftes Recht durch die Herrschaft des Codes verdrängt. Entsprechend der von Lawrence Lessig formulierten These „code is law“ werde menschliches Handeln durch unerbittliche Technik determiniert. Da sich die Programmierung demokratischer Kontrolle entziehe, verlagere sich die gesellschaftliche Entscheidungsgewalt von Parlamenten und Regierungen weg zu Unternehmen wie Google oder Facebook, die über riesige Datenmengen verfügen und die mittels „Arkanformeln“ die Gesellschaft steuern. Deren Herrschaft reiche von der Kontrolle des Freizeitverhaltens bis zum Sammeln und Bereitstellen von Beweisen im Strafverfahren. Die ständige Überwachung des „Datenkörpers“ folge dabei dem Modell des Benthemschen Panoptikon: Das Smart Home sei letztlich nichts anderes als ein elektronischer Hausarrest; Alexa, Siri und Cortana fungierten dabei als elektronische Gefängniswärter.

Anders als frühere Computertechniken zielten moderne algorithmische Systeme darauf ab, unter Verwendung statistischer Verfahren Prognosen zu erstellen, die den Entscheidungsprozess determinieren. Verbleibende Unsicherheiten und Restrisiken suggerierten dabei einen permanenten Ausnahmezustand, der sich allein durch immer weitere Freiheitseinschränkungen beherrschen lasse. Dabei würden die Restriktionen für menschliches Handeln durch Technik verkörpert und damit die individuelle Wahlfreiheit praktisch auf null reduziert. In Anlehnung an die Carl Schmittsche These von der Herrschaft über den Ausnahmezustand formuliert Lobe, souverän sei, „wer die Algorithmen beherrscht“. Im Unterschied zum geschriebenen Recht sei der Code selbstexekutierend und damit inhärent totalitär. Dem einzelnen werde damit sogar die Möglichkeit genommen, gegen die in Code integrierten Vorschriften zu verstoßen. Dies geschehe nicht nur im chinesischen Social Credit System, sondern überall, wo entsprechende Technologien zum Einsatz kommen. Die kybernetische Verhaltenskontrolle sei auch deshalb perfide, weil sie den Nutzern gegenüber Freiheit simuliere, die sie tatsächlich gar nicht ausüben können.

Im Datengefängnis könne regelmäßig auf die Inhaftierung der physischen Körper verzichtet werden. Dagegen würden die „Datenkörper“ gefangen und gefoltert, etwa durch Fitnesstracker oder Suchmaschinen. Sie produzierten vordergründig freiwillige „Geständnisse“ der Nutzer, die gegen sie verwendet werden könnten und unterliefen damit das rechtsstaatliche Selbstbezichtigungsverbot. Genetische Auswertungen und biometrische Verfahren bewirkten eine „Formatiesierung des Datenkörpers“ und objektivierten Diskriminierung. Die Stigmatisierung von Menschen, bei denen biometrische Verfahren nicht angewendet werden könnten (etwa bei fehlenden Fingerabdrücken) sei „faschistoid“. Angesichts omnipräsenter Überwachung entstehe ein „technologischer Totalitarismus“.

Durch die maschinelle Zerlegung des Datenkörpers in Datenpunkte werde die äußere Schutzhülle des Körpers aufgelöst, der Sterblichkeit des physischen Körpers stehe ein unterblicher Datenkörper gegenüber. Die Datenkörper würden durch Facebook, Google usw. interniert, wobei die Nutzer sich mittels Smartphone und Fittnesstracker  freiwillig der Selbstbstüberwachung aussetzten. Technische Geräte würden zu „Identitätsprothesen“ und führten in einen technologischen „Psycho-Knast“, in dem sie durch opake Disziplinierungstechniken gesteuert werden. Die Anwender unterlägen dabei der Illusion von Freiheit. In Wirklichkeit befänden sie sich jedoch in digitaler isolationshaft. Das Kerkerprinzip sei in jeder Mobilfunkzelle implementiert: „Wer einmal Daten von sich preisgibt, ist lebenslänglich auf Bewährung verurteilt“.

Die mit der „Metrisierung der Gesellschaft“ einhergehende „Mathematisierung der Macht“ erweise sich als zunehmend totalitäres Regime, wobei das Internet der Dinge letztlich als „gigantische Normalisierungsanlage“ fungiere. Entsprechend dem Weltbild von Sozialingenieuren diene das technisch gewonnene Wissen dem Macht- und Profitzuwachs und werde dazu eingesetzt, das regulierte Gemeinwesen auf „Wohlfühltemperatur“ zu halten. Digitale Assistenten manipulierten die Wahrnehmung und folgten einer „Apartheitslogik“. Die Menschen würden fremdbestimmt, wobei die mit Daten aus der Vergangenheit gefütterten Algorithmen dem Menschen die Möglichkeit nähmen, sich umzuorientieren. Die Gesellschaft werde so gegen Systemkritik immunisiert. Sie wandele sich zu einer smarten Diktatur, in der „das Politische zu Tode technisiert“ sei: „Wo alles determiniert ist, ist nichts veränderbar.“ Die Zukunftsgesellschaft sei eine „Post-Wahl-Gesellschaft“, in der die Menschen algorithmisch gesteuert werden, denn „für Algorithmen ist alles alternativlos“.

Kritik

Gerade weil viele der im Buch dargestellten dystopischen Tendenzen einer zumehmend durch digitale Technik durchdrungenen Gesellschaft nicht von der Hand zu weisen sind, würde man sich wünschen, dass der Autor nicht nur die seine schwarzen Thesen unterstützenden Argumente und Fakten aufzeigt, sondern sich auch mit den Ambivalenzen des Technologieeinsatzes und durchaus ernstzunehmenden Gegenargumenten auseinandersetzt. Er verzichtet darauf fast gänzlich und er ignoriert jegliche Versuche, mittels Regulierung steuernd in den technischen Selbstlauf einzugreifen. Ansätze zur Inkorporation ethischer Werte und verfassungsrechtlicher Vorgaben in technische Syteme (privacy by design, ethics by design) widmet er kein Wort. Auch lässt er – bis auf wiederholte Hinweise auf Machtgewinn und Profitinteressen – im Dunkeln, wer die treibenden Kräfte hinter der von ihm gesehenen totalitären Weltbeherrschung sind. An einer Stelle bedient er sich des Terminus „militärisch-industrieller Komplex“, ohne dies jedoch weiter auszuführen. Die von ihm formulierte – durchaus hinterfragbaren – Prognose einer durch Technologie produzierten „Alternativlosigkeit“ in einer totalitären „Post-Wahl-Gesellschaft“ ist selbst deterministisch, also alternativlos. In der digitalen Gefängniswelt gibt es kein Licht und keine Hoffnung.

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