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February 18 2020

Zur Biographie von Edward Snowden

Für das sozialwissenschaftliche Nachrichtenportal Soziopolis habe ich unter dem Titel Public Service eine Rezension von Edward Snowdens Biographie geschrieben. Beginnen tut sie mit einem Zitat, welches ich für zentral, nicht nur für das Buch, sondern für die Betrachtung von Staat, vor allem im Zusammenhang mit Geheimdiensten, halte.

Wenn man nicht in einem solchen Milieu groß geworden ist, muss man sich Fort Meade und seine Umgebung, ja vielleicht sogar den ganzen Beltway, als eine riesige Firmenstadt vorstellen. Seine Monokultur hat viele Gemeinsamkeiten mit Orten wie dem Silicon Valley, nur ist das Produkt des Beltway nicht Technologie, sondern die Regierung selbst.“ (S. 53)

February 17 2020

Rezension: Making Surveillance States

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Heynen, R., & van der Meulen, E. (Hg., 2019). Making Surveillance States: Transnational Histories. University of Toronto Press.

von Anke S. Obendiek, Hertie School, Berlin

Ob automatische Gesichtserkennung, Big Data oder Künstliche Intelligenz: Im Rahmen von Debatten zu Datensammlung und Überwachung wird immer wieder über die Frage der potentiell neuen Qualität von Überwachung diskutiert. Der Sammelband Making Surveillance States: Transnational Histories, herausgegeben von Robert Heynen und Emily van der Meulen, versucht, dem Mythos der Neuartigkeit digitaler Surveillance mit einer historischen Aufarbeitung zu begegnen. Als zentrales Thema befasst sich das Buch daher mit der Allgegenwärtigkeit von Überwachung, insbesondere im Kontext der Frage, inwiefern Nationalstaaten auf Überwachungssystemen aufgebaut sind. Während der Sammelband staatlicher Überwachung nachprüft, untersucht es diese als transnationales und globales Phänomen. Auch Staatenbildung wird eingebettet in globale Strömungen verstanden.

Neben einer Einleitung von Heynen und van der Meulen und einem kurzen Abschlusskapitel umfasst das Buch ein Vorwort von David Lyon sowie elf empirische Aufsätze, die in ihrer Gesamtheit Überwachung aus historischer Perspektive beleuchten und jeweils drei größeren Themenblöcken zugeordnet sind. Theoretisch ist das Buch in den Surveillance Studies verortet und beleuchtet nicht nur klassische Perspektiven, wie beispielswiese Social Sorting anhand von David Lyon, oder Biopower anhand von Michel Foucault und Giorgio Agamben, sondern zeigt auch, insbesondere im empirischen Teil, zum Teil historische oder postkoloniale Ansätze als Kontrapunkt auf, beispielsweise James C. Scott, W.E.B. Du Bois oder Achille Mbembe.

Dieser theoretische Ansatz wird im Fokus auf Kapitalismus, Kolonialismus, Industrialisierung und Urbanisierung fortgeführt. Die Rekonstruktion von Überwachungspraktiken und -diskursen im 19. und 20. Jahrhundert zeichnet dabei nicht nur Staatenbildung im globalen Zusammenhang nach, sondern zeigt auch auf, wie gesellschaftliche Entwicklungen durch Mikropraktiken von Überwachung geprägt werden. Dabei demonstrieren Heynen und van der Meulen auch, wie leicht Narrative, die die Neuartigkeit von Surveillance betonen, ein eurozentrisches Weltbild verfestigen können.

Im ersten empirischen Teil wird das Thema Überwachung im Zusammenhang mit Gesundheit und Krankheit behandelt. Die Untersuchung von Desinfizierungsarbeit im Kontext des Britischen Weltreichs im zweiten Kapitel, beispielsweise, benutzt Jacob Steere-Williams Konzepte wie Biopower und Social Sorting und diskutiert das Verhältnis von Staat und kranken, gesunden, bedrohlichen Körpern. Dabei bringt es konzeptuell vielfältige Perspektiven auf Gender, Klasse und Sexualität ein, um imperiale maskuline Gesundheit und Gesundheitspraktiken zu beleuchten. Im dritten Kapitel untersucht Holly Caldwell die Rolle von Eugenik in Mexiko im frühen 20. Jahrhundert als Teil eines umfassenden Überwachungsmechanismus. Bereits im späten 19. Jahrhundert wurde durch die Kategorisierung von Taubheit als problematische Krankheit die Grundlage für die Definierung und Sortierung unerwünschter Körper gelegt. Das vierte Kapitel zeichnet feinnervig die Restriktion von Cross-Dressing in Südafrika zwischen 1906 und 2004 nach.

Im zweiten Teil liegt der Schwerpunkt auf den Themen Identifikation, Regulierung und koloniale Kontrolle. Im fünften Kapitel zeigen Ian Warren und Darren Palmer die Beziehung zwischen kolonialer Überwachung in Australien und kriminologischen Entwicklungen in Großbritannien auf. Das außergewöhnliche sechste Kapitel von Uma Dhupelia-Mesthrie and Margaret Allen vergleicht Migrationskontrolle in Australien und Südafrika insbesondere asiatischer Migrant*innen und diskutiert durch eine Social Sorting-Perspektive ebenfalls die Rolle von Körpern, die durch die vermeintliche Abweichung von einer konstruierten Norm Diskriminierung erfahren. Die enge Verbindung zwischen biometrischer und kolonialer Überwachung wird auch insbesondere im siebten Kapitel deutlich. Hier vergleicht Midori Ogasawara administrative Überwachungspraktiken in Japan mit der von Japan im Jahr 1931 besetzten Mandschurei und macht den Prozess von gesteuerter Volkwerdung durch Abgrenzung und Ausbeutung deutlich. Das achte Kapitel untersucht die Rechtfertigung israelischer Überwachung der palästinensischen Bevölkerung 1948 bis 1967 durch Bezugnahme auf einen konstruierten Ausnahmezustand.

Im dritten Teil des Buches werden die Themen staatliche Sicherheit, Polizei und Widerstand diskutiert. Das neunte Kapitel befasst sich mit was Cristina Plamadeala „Dossierveillance“ im kommunistischen Rumänien nennt und analysiert den Geheimdienst Securitate als zentralen Akteur von Überwachung und Unterdrückung. Im zehnten Kapitel rücken die Überwachungsakteure auch auf individueller Ebene in den Fokus. Kathryn Montalbano untersucht FBI-Agenten und ihre Beziehung zu staatlich ideologischen Vorgaben in der Überwachung des von Quäkern geprägten American Friends Service Committees. Das elfte Kapitel zeichnet eindrucksvoll den Widerstand gegen Überwachung von Aktivist*innen und Medien der Untergrundpresse in den USA in den 1960er/70er Jahren nach und macht auf Parallelen zu heutigen Überwachungspraktiken und Widerstandsmechanismen aufmerksam. Das zwölfte Kapitel widmet sich noch konkreter den Verbindungen zwischen historischer Perspektive und Gegenwart und erforscht die konstruierte Repräsentation von Polizeiarbeit und performativer Erinnerungsproduktion in Polizeimuseen in Ontario. Im Abschlusswort betont Simone Browne erneut die Bedeutung historischer Perspektiven in der Untersuchung kontemporärer Überwachungspraktiken.

Im Vorwort betont Lyon, dass das Buch die Geschichte von Überwachung als menschliche Geschichten darstellt. Dies das macht meiner Meinung nach auch den gelungensten Beitrag der Aufsätze aus. Dem Sammelband gelingt es, nicht nur Überwachung als eine Ansammlung verschiedener Phänomene im Bereich Gesundheit, Sexualität und Administration nachzuzeichnen, sondern auch die Komplexität und Intimität der Machtbeziehungen hervorzuheben. Interessant wäre eine umfassendere Reflexion zur Rolle von Forschung und Erinnerung als eine überwachende Praktik gewesen, die nur kurz angerissen wird. Auch eine ausführlichere Untersuchung zur Rolle von Körpern, beispielsweise auch aus feministischer Perspektive, im Zusammenhang mit Staatenbildung wäre hilfreich gewesen. Die größte Leistung der Beiträge besteht jedoch darin, auch die Vielfältigkeit von Widerstand so aufzuzeigen, dass den überwachten Subjekten niemals Handlungskompetenz abgesprochen wird, während gleichzeitig arbiträre Machtausübung und Intersektionalität als strukturelle Unterdrückungsmechanismen aufgezeigt werden.

Zwar ist jedem der insgesamt drei empirischen Teile ein kurzes Einleitungswort vorgelagert, eine umfassendere Darstellung der Fallauswahl und eine ausführlichere Einleitung in die Struktur des Buches hätten den Beitrag in seiner Gesamtheit jedoch noch konkreter machen können. Während der Schwerpunkt zu Beginn in großen Teilen auf britischen Kolonialgebieten liegt, werden in späteren Kapiteln auch Japan, die ehemalige Sowjetunion und die USA behandelt, insbesondere im 20. Jahrhundert. Ein Vergleich zwischen verschiedenen Kolonialmächten, wie Belgien, Frankreich oder die Niederlande, beispielsweise, hätte hier zu größerer Generalisierbarkeit beitragen können. Insbesondere der Aspekt der Staatenbildung bleibt so als Phänomen auf die einzelnen Studien beschränkt und wird nur zu Beginn als übergeordnetes Motiv konzeptualisiert. Eine umfänglichere Zusammenführung der einzelnen Beiträge in einem konkludierenden Kapitel hätte diesen Aspekt näher beleuchten können. Das Schlusswort schafft es in der gegebenen Länge nicht, die gemeinsamen Punkte so zu diskutieren, dass ein kohärentes Narrativ deutlich wird.

Zwar schafft es damit der Sammelband nicht ganz, den Mythos der neuen Qualität heutiger Überwachungspraktiken zu widerlegen, zeigt aber deutlich die extensive Geschichte auch vermeintlich moderner Überwachungsformen, wie zum Beispiel Biometrie, sowie die Kontinuität staatlicher Identifikations- und Kontrollmechanismen. Durch einen systematischeren Vergleich zu heutigen und entstehenden Überwachungspraktiken könnte die Neuartigkeit von Überwachung in der Zukunft noch konkreter evaluiert werden. Die Relevanz nicht nur für heutige, sondern auch zukünftige Überwachungsformen wird auch in der Darstellung der engen historischen Verzahnung von Überwachung und (gewaltsamer) Unterdrückung deutlich. Damit bereichert der Sammelband nicht nur Debatten in der historischen Forschung, sondern kontextualisiert auch Fragen zu kontemporärer Überwachung, indem die Beiträge eine hervorragende Einbettung von Mikro- und Mesopraktiken in eine globale von unter anderem Kolonialismus, Rassismus, und Sexismus geprägte Makroentwicklung bieten.

Anke Obendiek, Berlin

February 18 2020

Zur Biographie von Edward Snowden

Für das sozialwissenschaftliche Nachrichtenportal Soziopolis habe ich unter dem Titel Public Service eine Rezension von Edward Snowdens Biographie geschrieben. Beginnen tut sie mit einem Zitat, welches ich für zentral, nicht nur für das Buch, sondern für die Betrachtung von Staat, vor allem im Zusammenhang mit Geheimdiensten, halte.

Wenn man nicht in einem solchen Milieu groß geworden ist, muss man sich Fort Meade und seine Umgebung, ja vielleicht sogar den ganzen Beltway, als eine riesige Firmenstadt vorstellen. Seine Monokultur hat viele Gemeinsamkeiten mit Orten wie dem Silicon Valley, nur ist das Produkt des Beltway nicht Technologie, sondern die Regierung selbst.“ (S. 53)

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